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Studio 9 | Beitrag vom 06.06.2019

D-Day-AufarbeitungDie Befreier kamen mit Bomben

Von Elise Landschek

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Zu sehen nebeneinander zwei historische Fotos kurz vor und nach der Landung am D-Day. Links eine Luftaufnahme der britischen Lufwaffe die Zerstörung der Stadt Caen zeigt. Rechts eine weitere Luftaufnahme von den Landungsbooten vor der Küste der Normandie. (dpa/picture alliance/RCAHMS )
Vor und nach der Alliierten-Landung: die vollständig zerstörte Stadt Caen am 2. Oktober 1944 (links) und die Landungsschiffe an der Künste der Normandie am 6. Juni 1944. (dpa/picture alliance/RCAHMS )

D-Day, Landung der Alliierten in der Normandie. Der Tag gilt als Anfang der Befreiung. Doch die Strategie war: Flächenbombardement, verbrannte Erde. Welche verheerenden Folgen das für die Zivilbevölkerung hatte, rückt erst seit Kurzem in den Fokus.

Im Erdgeschoss des "Museums für die Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs" eröffnet ein Film den Rundgang. Die Dokumentation zeigt die Normandie nach der Landung im Juni 1944. Die Küstendörfer und größeren Orte: von Bomben verwüstet. In Städten wie Caen, Saint-Lô und Falaise steht kein Stein mehr auf dem anderen. Tausende Menschen sind obdachlos, haben Verwandte und Freunde verloren, grausame Dinge gesehen, gehört und miterlebt.

Emmanuel Thiébot führt durch das Museum in Falaise. Er zeigt auf einem Luftbild von 1944 die zerstörten Städte in der Normandie. Thiébot ist Historiker und Direktor des Museums. Das wurde erst 2016, nach langen politischen Debatten, eröffnet.

Ziel: verbrannte Erde

"Wir mussten bis 2004 warten, bis wir überhaupt über die Zivilisten gesprochen haben, in den Unis zum Beispiel. Bis wir verstanden haben, wie viele zivile Opfer es überhaupt gab", sagt Thiebot.

"Die Archive waren für die Forscher einfach nicht offen. Das sind sensible Akten, die Alliierten wollten nicht, dass klar wird, dass es ihre Strategie war, zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Sie haben immer gesagt: Wir haben bombardiert, um die Deutschen zu jagen. Über Jahrzehnte haben wir gedacht, das stimmt. Aber das war falsch! Die Städte und Dörfer sollten in Trümmern liegen, völlig egal, ob dort Deutsche waren."

"Carpet Bombing", Flächenbombardement heißt die Strategie der amerikanischen Streitkräfte unter General Eisenhower. Das Ziel: verbrannte Erde. Das Terrain der Normandie ist für die Alliierten schwierig einzunehmen, die typischen Hecken, die die Landstraßen säumen, bieten den deutschen Soldaten viele Möglichkeiten, sich zu tarnen und zu verstecken. Deshalb werden auch Gebiete zerstört, wo gar keine Deutschen sind - einfach, um die Rückzugsorte zu vernichten.

Foto von der Landung aliierter Soldaten in der Normandie. (dpa / picture alliance / MAXPPP)Foto von der Landung aliierter Soldaten in der Normandie. (dpa / picture alliance / MAXPPP)

Der Historiker hat eine klare Meinung dazu: "Es war eine schlechte Strategie. Als Militärstrategie sehr ungeschickt – mit Konsequenzen, die dramatisch waren und unnötig zugleich."

Für Frankreich ist das Thema hoch brisant. Die Gespräche über Aufarbeitungs- und Erinnerungskultur wurden damals auf höchster Ebene geführt, sagt Emmanuel Thiébot:

"Man muss es ganz ehrlich sagen, man hatte keine Lust, während des Kalten Krieges am Image der Alliierten als Helden und Befreier zu kratzen. Denn wir haben ja einen neuen Feind: die UdSSR, der Kommunismus."

Opa erzählt nicht vom Krieg

Und was hat sich heute geändert?

"Ich tendiere dazu zu sagen, dass über die Bombardements heute immer noch wenig gesprochen wird. Man erzählt, da war die Landung an den Stränden, dann die Schlacht in der Normandie, und dann wurde Paris befreit."

Auf Touchscreens lassen sich im Museum verschiedene Berichte von Zeitzeugen anklicken. Von denen, die noch leben, würden viele erst jetzt, 75 Jahre nach der Landung, anfangen, über den Krieg zu sprechen, sagt Historiker Thiébot. "Nach den Studien, die wir gemacht haben, entdeckt die dritte Generation erst die Vergangenheit wieder. Da gibt es so eine Stille nach dem Krieg."

Auch sein Großvater habe eisern über das Erlebte geschwiegen, bis zu seinem Tod. Vielleicht habe er es sich deshalb auch zur Aufgabe gemacht, an die bislang wenig bekannten Seiten des Krieges zu erinnern. Und diese Arbeit, sie ist noch lange nicht abgeschlossen.

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