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Zeitfragen | Beitrag vom 17.02.2020

CyborgsWie Mensch und Maschine immer mehr zusammenwachsen

Von Trisha Balster und Lara Sielmann

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Profil eines künstlichen Menschenkopfs, im Hintergrund ein Geflecht aus Punkten und Verdrahtungen. (imago / Panthermedia / kentoh)
Chips im Ohr und unter der Haut - wir werden immer mehr zu Cyborgs, zu Hybridwesen aus Körper und Technik. (imago / Panthermedia / kentoh)

Mit einem Chip unter der Haut in der Kantine bezahlen oder die Haustür öffnen: Das ist keine Zukunftsvision mehr, sondern mancherorts bereits Realität. Wie viel Cyborg steckt schon in uns - und wie weit kann die Verschmelzung von Körper und Technik gehen?

"Desire is irrelevant, I am a machine" - "Wollen ist irrelevant, ich bin eine Maschine", sagte einst Arnold Schwarzenegger in seiner wohl berühmtesten Rolle als Terminator – ein Cyborg. Hybrid aus Mensch und Maschine.

Eine einheitliche Definition des Cyborgs gibt es nicht. Dafür taucht die Idee der Menschmaschine in zu vielen Kontexten auf. Bereits Mary Shelleys Frankenstein erinnert an ihn. Spätestens seit der Popkultur des 20. Jahrhunderts trägt der Cyborg viele Gesichter – ob in Filmen, Musik oder in der Science-Fiction-Literatur. Mal stellt er Erlösung dar, mal Bedrohung. Mittlerweile sind wir Menschen für manche längst selbst zu Cyborgs geworden. Dank Technik und künstlichen Intelligenzen, die unsere Fähigkeiten über unsere Körper hinaus erweitern. Die Kulturwissenschaftlerin Zoë Herlinger beschäftigt sich mit Cyborgs und Körpern der Zukunft:

"Auch wenn jetzt diese Maschinen-Mensch-Allianz relativ alt ist, ist der Begriff Cyborg in den 1960ern entstanden. Manfred Clynes und Nathan S. Kline haben da einen Aufsatz über Astronautik verfasst – das waren ein Mediziner und Naturwissenschaftler – im Hinblick auf die Frage: Wie kann ein Überleben im Weltraum möglich sein? Das ist ganz klar ein Kind des Kalten Krieges, des Space Races, also der Weltraumaufrüstung."

In der Subkultur des modernen Bodyhackings oder der Bodymodification – sprich: das Einpflanzen von Magneten oder Chips unter die Haut – spielt der Aspekt des Überlebens im Weltall erstmal keine Rolle. Die Grenzen des eigenen Körpers werden getestet. In der Fachsprache heißt das auch Enhancement. 

"Wenn man jetzt an Enhancement-Technologien aller Form denkt, dann sind das alles Technologien, die eine Art der Übersteigerungen propagieren, die über das Menschliche hinausgeht."

"Cyborg"-Technologien in der Medizin und im Alltag

Aus medizinischen Gründen trägt Enno Park genau so eine Technologie. Was der 46-Jährige in seiner Ohrmuschel hat, sieht aus wie ein Hörgerät. Wäre da nicht oberhalb seines Ohrs im kurzen Haar eine Spule, die nicht größer ist als ein 50-Cent Stück.

"Unter der Haut sitzt das Gegenstück, ein Empfänger", erklärt er. "Und von dort ist ein Kabel quasi unterm Putz verlegt und endet in meinem Innenohr, wo der Hörnerv dann elektrisch stimuliert wird."

Es handelt sich um ein sogenanntes Cochlea-Implantat. Der Wahlberliner hat sich die Hörprothese vor acht Jahren einsetzen lassen, nachdem er als Jugendlicher durch eine Masernerkrankung fast taub wurde. Einer seiner Sinne ist also durch ein Stück Technik ersetzt – ein Grund, warum er sich selbst schon als Cyborg bezeichnet hat:

"So, wie Sie Ihr Smartphone dauernd aufladen müssen, muss ich zum Beispiel ungefähr alle zwei Tage die Batterien meines Cochlea-Implantates wechseln."

Auch ausschalten kann er es.

"Wenn ich zum Beispiel so am Schreibtisch arbeite, dann kann mich wirklich nichts stören. Dasselbe gilt auch, wenn ich nachts schlafen will."

Der Vorsitzende von Cyborgs e.V., Enno Park, aufgenommen 2016 auf dem Panel "Freaks, Cyborgs, Prototyps" von Deutschlandradio Kultur auf dem Festival Pop-Kultur in Berlin (Deutschlandradio / Cara Wuchold)Kann nachts sein Gehör "ausschalten": Der Vorsitzende von Cyborgs e.V., Enno Park. (Deutschlandradio / Cara Wuchold)

Aus Neugierde hat er sich noch einen Chip in die linke Hand zwischen Daumen und Zeigefinger implantiert. Darauf ist eine mobile Visitenkarte gespeichert.

"Man kann es halt nur erspüren, wenn man hier mit dem Finger ein bisschen reindrückt, dass hier so ein reiskorngroßes Ding ist."

Richtig programmiert könnte er damit Türen öffnen oder im Supermarkt bezahlen.

"In anderen Ländern gibt es auf dieser Basis teilweise schon Payment-Lösungen, das haben wir hier in Deutschland noch nicht."

In Schweden zum Beispiel bei TUI Nordic: Dort können die Mitarbeiter mit einem Chip unter der Haut in der Kantine bezahlen. Möglichkeiten, die Enno Park mit Gleichgesinnten im Cyborgs e.V. in Berlin-Friedrichshain diskutiert. Knapp 40 Mitglieder zählt der Verein:

"Wir sind vertreten auf Tagungen, die sich mit Fragen wie künstlicher Intelligenz, Prothetik, Gesundheitssystem, also ganz vielen verschiedenen Bereichen, wo es auch oft um Digitalisierung geht."

Was für ihn Alltag und zum Hobby geworden ist, löst bei einigen Unbehagen aus. Denn: Wie sicher ist so ein Chip überhaupt, wenn die Software gehackt werden könnte? Und dann gibt es natürlich eine Reihe ethischer Überlegungen: Wie weit will der Mensch in seiner technologischen Umgestaltung gehen und wo hört er auf, Mensch zu sein? 

"Ich kann verstehen, dass die Menschen diese Angst haben, dass Teile ihre Körpers nachher so lange ausgetauscht werden, bis nichts mehr übrig ist", räumt Enno Park ein. Aber:

"Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass wir alle längst kybernetische Organismen, also Cyborgs sind."

Der Cyborg ist im Mainstream angekommen

Klar ist, Technik gestaltet unseren Alltag maßgeblich mit – ob uns das nun alle zu Cyborgs macht, sei dahingestellt. Die Aktualität von Cyborgs hat für Zoë Herlinger auch noch einen anderen Grund: 

"Es ist einfach, dass die Science-Fiction in den letzten Jahrzehnten sehr stark kanonisiert wurde. Und ich glaube, das spielt halt alles so zusammen, ein Wandel der medialen Vorlieben und ein gesellschaftlicher Anspruch ans Höher, Schneller, Weiter."

Dass wir irgendwann ganz mit Maschinen verschmelzen, liegt technisch wie medizinisch in weiter Ferne. Grundsätzliche Fragen zum Umgang mit unseren Körpern, Technik und Digitalisierung, hingegen nicht. Und somit wird uns auch die Figur des Cyborgs nicht loslassen. 

In diesem Sinne: "Hasta la vista, baby!"

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