Dienstag, 17.09.2019
 

Nachspiel | Beitrag vom 25.08.2019

Cryosizer-TrainingFit bei -150°C

Von Elmar Krämer

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Renate Süssenguth, Leiterin des Kälteclub Frankfurt startet auf einem Touchdisplay ein Training an der Kältekammer.  (dpa / picture alliance / Silas Stein)
Auch in Frankfurt wird das Training mit Cryosizern angeboten: Die Nutzer stecken in einer Art Tonne, in der sich flüssiger Stickstoff befindet. (dpa / picture alliance / Silas Stein)

Schon Hippokrates beschrieb die Wirkung von Kälte bei Entzündungen. Und Eis-Spray hat quasi jeder Sportler in der Tasche. Gar nicht so abwegig also, dass es auf dem deutschen Fitnessmarkt „Kältetraining“ in sogenannten Cryosizern gibt.

Aus gängigen Fitnessstudios bin ich große Räume mit martialisch aussehenden Kraftmaschinen, Hanteln und schweißtreibende Kurse gewohnt. Der "Cryosizer Club" kommt eher wie ein kleines Ladengeschäft daher: Empfangstheke, Sofa, alles schick und sauber – auf den ersten Blick nichts, was an Sport erinnert.

Ein leichtes Rauschen im Hintergrund irritiert. Das Rauschen kommt aus dem zweiten Raum, dem Herzstück des Studios, in dem das "Training" stattfindet.

Dr. Yasmin Buchäckert, die Leiterin des Cryosizer-Clubs in Berlin, erklärt die Funktionsweise:

"Hier sehen wir die Tonne. Hier stellt man sich rein, so dass am Ende der Kopf und auch die Schulterspitzen frei sind. Man ist also nicht eingesperrt wie in einem MRT. Und dann kommt hier an zwei Seiten die kühle Luft quasi raus."

Die "Tonne" ist ein futuristisch aussehendes Gerät aus Edelstahl, sie wirkt wie aus einem Science-Fiction Film und verspricht einiges – nicht nur für Sportler.

"Die Effekte auf den Körper sind, dass es einmal im ganzen Körper den Kreislauf und die Durchblutung anregt, dass es den Stoffwechsel aktiviert. Das ist gut für die Hautgesundheit, es hat einen Tiefenentspannungseffekt auf die Muskulatur. Es hat einen leistungssteigernden Effekt, weil durch die angeregte Durchblutung auch sehr viel Sauerstoff in die Muskulatur kommt und es hat einen sehr großen Effekt auf das Wohlbefinden, weil die Ausschüttung von Noradrenalin stimuliert wird und das ist stimmungsaufhellend und macht gute Laune."

Kältetherapie ist gängige Behandlungsmethode

Was wie die eierlegende Wollmilchsau der Wellnessszene klingt, hat einen langen wissenschaftlichen Hintergrund. Schon Hippokrates beschrieb die Wirkung von Kälte bei Entzündungen. Heute haben nicht wenige Sportler Eis-Spray in der Trainingstasche. 1980 stellte der japanische Arzt Dr. Yoshima Yamauchi die erste Ganzkörperkältekammer vor, die er zur Schmerzbehandlung von Rheumapatienten einsetzte.

Seitdem ist die Kältetherapie eine gängige Behandlungsmethode, auf die auch Leistungssportler und Prominente aus der Film- und Musikwelt setzen.

Kein Wunder also, dass der Einsatz von Kälte auch als Fitnesstrend und Training vermarktet wird.

"Wir haben das Wording bewusst auf Training gesetzt, weil wir aus dieser Therapie-Ecke raus wollten. Damit wollen wir sagen, dass Kältetraining nicht nur für Leute ist, die krank sind und Leiden haben."

Nun also diese merkwürdige Tonne, in der flüssiger Stickstoff, also ein kalter Nebel, für Temperaturen von -150 Grad sorgt und das drei Minuten lang.

In Unterhose und mit dicken Hausschuhen an den Füßen stehe ich im kalten Nebel, bewege die Beine, drehe mich langsam um die eigene Achse. Ein leichtes Kribbeln zieht gänsehautartig über den ganzen Körper, vor allem an den Waden spüre ich die Kälte, denn ungefähr in der Höhe sind die Schlitze, aus denen der Stickstoffnebel in die Tonne geleitet wird.

Körper startet Überlebensprogramm

Um den Körper nicht zu überfordern und damit sich der Kreislauf langsam auf den Kältereiz einstellen kann, wird die Temperatur behutsam heruntergefahren. Nach 90 Sekunden ist dann die Endtemperatur von -150°C erreicht.

Angenehm fühlt sich diese trockene Kälte auf der Haut nicht gerade an, erfrischend aber auf jeden Fall. Durch den Kältereiz wird im Körper eine Art Überlebensprogramm gestartet, Blutgefäße verengen sich und die Blutversorgung in Armen und Beinen wird gedrosselt um den Rumpf, nicht zuletzt Herz und Lunge, warm zu halten. Nach den 3 Minuten will der Körper schnell wieder auf den Normalzustand regulieren – die Durchblutung und Sauerstoffversorgung wird dann angeregt.

"Man bringt den Körper damit in eine Kompensationsphase, die sogenannte Thermogenese und der Körper produziert dann Wärme unter Energieverbrauch und zwar unter einem sehr hohen Energieverbrauch."

Ein erhöhter Energieverbrauch und eine Herausforderung für den Körper – also doch Sport und Training? Eher nicht, aber gegebenenfalls eine gute, wenn auch mit circa 18 Euro pro Einheit nicht gerade günstige Ergänzung.

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