Corona und Stillen

Ist eine Impfung gut für Mutter und Kind?

07:14 Minuten
Eine Mutter stillt ihr Baby. (Symbolfoto)
Auch mit der Muttermilch werden Antikörper ausgeschüttet. © imago / Westend61 / Oscar Carrascosa Martinez
Von Mirjam Mischke-Stöckel · 09.12.2021
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Impfen oder nicht impfen? Die Verunsicherung ist auch bei werdenden Eltern groß. Schwangere und stillende Personen schützen sich und ihr Baby mit einer Impfung gegen Covid-19, sagen Mediziner und Medizinerinnen. Dennoch sollten Betroffene einiges beachten.
„Oh, ich find', die Forschung weiß schon sehr, sehr viel.“

„Das ist sicherlich jetzt einmalig, in welcher Geschwindigkeit das vorangeht und mit welchem Willen und mit welcher Unterstützung auch. Das gab es so meines Wissens noch nicht in dieser Form und Geschwindigkeit.“
Monika Berns und Stefan Weichert sind ausgewiesene Fachleute für Mutter, Milch und Babys: Sie gehören der Nationalen Still-Kommission an – dem Expertengremium in Deutschland zur Förderung des Stillens. Und sie sind, sagt Stefan Weichert, froh über den schnellen Erkenntnisgewinn in Sachen Schwangerschaft und Stillen in Corona-Zeiten.

„Das ist sicher außergewöhnlich, aber war auch notwendig.“

Viele Fragen und große Unsicherheit bei Eltern

Bei Hebammen und Gynäkologen, bei Kinderärzten und in Kreißsälen – und auch in Internetforen und bei der nationalen Stillkommission: Überall äußern werdende und junge Eltern gerade ihre Zweifel und Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder.
„Sehr, sehr viele Frauen sind verunsichert und fragen exakt diese Fragen: Wie kann ich mein Kind schützen? Und da ist immer die beste Antwort: Impfen."

Nicht das Baby natürlich – sondern die Mutter. Neonatologin Monika Berns von der Berliner Charité verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie aus den USA, veröffentlicht im American Journal of Obstetrics and Gynecology.
Darin wurde untersucht, ob Schwangere und Stillende – so wie andere Frauen auch – nach einer mRNA-Impfung gegen SarsCov2 schützende Antikörper bilden – und ob sie diese auch an ihr Ungeborenes oder ihren Säugling weitergeben. Die Antwort ist: Ja – und ja.
„Es konnte gezeigt werden, dass Antikörper – wenn sie schwanger waren – im Nabelschnurblut vorkamen. Und eben auch Antikörper in der Milch waren und die auch signifikant angestiegen sind. Das war die wichtigste Studie, die uns gesagt hat: Wir sollten die Schwangeren auf jeden Fall impfen und die Stillenden eben auch.“

Antikörper werden ans Baby weitergegeben

Nach einer Impfung geben Schwangere ihrem Kind nämlich noch im Mutterleib den sogenannten Nestschutz auch gegen SarsCov2 mit, den man von anderen Infektionskrankheiten seit Langem kennt.
 
Dabei gebe die Mutter ihre Antikörper an ihr Ungeborenes weiter – über die Plazenta direkt in dessen Blut, sagt Stefan Weichert, Oberarzt an der Universitäts-Kinderklinik in Mannheim und Spezialist für Infektionskrankheiten bei Kindern.
„Immunglobulin G – so heißt diese Art der Antikörper. Die werden auf das Kind übertragen. Das können sie sich so vorstellen wie ein erstes Geschenk der Mutter an das Kind. Oder eine erste Passiv-Impfung.“

Diese Passiv-Impfung könne ein Kind nach seiner Geburt rund ein halbes Jahr lang schützen, schätzt Stefan Weichert. Allerdings:
„Das weiß man noch nicht ganz genau, wie lange dieser Schutz gewährleistet wird. Aber man geht davon aus, dass das für den Start ins Leben ein guter Schutz ist für die ersten paar Monate.“

Auch Stillen erzeugt "Nestschutz"

Entscheidet sich eine geimpfte oder genesene Mutter dann noch, ihr Kind zu stillen, bekommt es einen zweiten Nestschutz gegen SarsCov2. Denn:

„Die Mutter schüttet in die Muttermilch Antikörper aus“, sagt Monika Berns, die auch die Muttermilchbank an der Charité Berlin leitet.
„Die Brustdrüse setzt die Milch ja zusammen – die macht das Fett rein, Protein rein, Zucker, Laktose rein. Ein Anteil an den Proteinen ist das sekretorische IgA – und das setzt sie in die Muttermilch frei, die Mutter.“

Dieses IgA – das Immunglobulin A also – kann das SarsCov2-Virus dann auf den Nasen-Rachen-Schleimhäuten des Säuglings abwehren. Im Lauf der Zeit sinkt die Zahl dieser Antikörper in der Muttermilch allerdings – und deren Schutzwirkung für den Säugling schwindet. Sechs Monate nach ihrer letzten Impfung, so empfiehlt Monika Berns:
„… sollte die Mutter sich wieder Boostern – zum Schutz der Mutter und zum Schutz des Kindes. Dann wird sie wieder mehr IgAs in der Muttermilch haben, ganz sicher. Aber die Studien kommen dann jetzt demnächst erst.“ 

Weniger Muttermilch – geringere Schutzwirkung

Ob dann vielleicht sogar Langzeitstillen sinnvoll ist – also über den ersten Geburtstag hinaus, vielleicht sogar für zwei oder mehr Jahre? Untersuchungen dazu gibt es noch keine – aber:

„Das hat sicherlich keine negativen Effekte – und eher positive Effekte“, sagt Stefan Weichert. Allerdings müssten Kinder ab dem ersten Geburtstag auch andere Nahrung zu sich nehmen – sonst fehlten ihnen Nährstoffe.
Klar ist aber auch: Je seltener ein Kind Muttermilch trinkt, desto weniger IgA nimmt es auf – und desto geringer wird die Schutzwirkung gegen Sars-Cov2 dann noch sein.
Und was tun, wenn eine stillende Mutter an Covid-19 erkrankt? Wenn ihr Zustand es erlaubt, empfehlen deutsche und internationale Fachleute unisono: Weiterstillen – aber dabei auf Mund-Nase-Schutz und Händedesinfektion achten. Von der Muttermilch selbst geht keine Ansteckungsgefahr für den Säugling aus.
„Da habe ich keine Bedenken. Wenn man die Datenlage anguckt, kann man beruhigend auf Mütter einwirken und sagen: Das ist kein Risiko.“

Übrigens: Impfnebenwirkungen – das zeigt vor allem ein entsprechendes Register in den USA – sind bei Stillenden und Schwangeren nicht häufiger oder schwerer als bei anderen jungen Frauen.

Erhöhtes Risiko für schwere Verläufe

Eine Schwangere aber ist im Vergleich deutlich gefährdeter, schwer zu erkranken. Das betonen Stefan Weichert und Monika Berns gleichermaßen:

„Wir haben ein dreifach erhöhtes Risiko für eine Beatmung. Wir haben ein zweieinhalbfach erhöhtes Risiko, dass sie an die künstliche Lunge muss. Ein fast zweifach erhöhtes Risiko, dass sie verstirbt. Wir haben mehr Frühgeburtlichkeit dadurch, wenn eine Schwangere Covid bekommt. Wir haben sehr viele Frauen auf Intensiv, die entbunden werden mussten dann von einem frühgeborenen Kind. Dann haben wir nicht nur eine sehr, sehr kranke Mutter danach, sondern auch ein frühgeborenes Kind mit den Risiken der Frühgeburtlichkeit.“
Allerdings – Stichwort Omikron: Erste Daten deuten darauf hin, dass ein Teil der bisherigen Impfstoffe vor dieser neuen Virusvariante deutlich schlechter schützt. Mit Blick auf Ungeborene und Säuglinge heißt das: Ob und wie gut sie durch mütterliche Antikörper geschützt sind gegen Omikron – das ist im Moment völlig offen. Selbst wenn die Mutter vollständig geimpft ist.

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