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Zeitfragen | Beitrag vom 15.04.2021

Covid-19-ErkrankungPharmaunternehmen testen Coronaimpfstoff bei Kindern

Von Carina Schroeder

Impfung von einem Kind. Es schaut nach unten und die Arzthand klebt gerade ein Pflaster auf den Oberarm. (imago / photothek / Ute Grabowsky)
Fast alle Eltern in Deutschland entscheiden sich heutzutage dafür, ihr Kind gegen Krankheiten wie Masern, Keuchhusten oder Mumps impfen zu lassen. (imago / photothek / Ute Grabowsky)

Pharmaunternehmen haben mit Studien zu Wirkung und Sicherheit ihres Coronaimpfstoffs bei jüngeren Kindern begonnen. Wie laufen solche Tests ab? Und ist es überhaupt sinnvoll, Kinder und Jugendliche gegen Corona zu impfen?

Ob bei der Impfstoffherstellung oder Testung – bei Kindern und Jugendlichen gilt: "Die Eltern stimmen zu einer Studie zu für ihr Kind, und da ist unsere Verantwortung, dass wir hier besonders sorgfältig vorgehen, damit wir jedes nur mögliche Risiko ausschließen."

Seit über 30 Jahren beschäftigt sich Johannes Liese vom Universitätsklinikum Würzburg mit Infektionskrankheiten und Impfungen für Kinder und Jugendliche von null bis 17 Jahren.

"Das sind völlig unterschiedliche Altersgruppen, die eigentlich auch, wenn wir auf die Wirkung von Impfstoffen eingehen, unterschiedlich reagieren können, sodass wir noch einmal innerhalb der Kinder differenzieren müssen in verschiedene Altersgruppen."

Tests in zwei Phasen

Deshalb haben Pharmaunternehmen wie Biontech/Pfizer im vergangenen Jahr schon eine Studie mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern von zwölf bis 15 Jahren begonnen. Nun werden noch jüngere Probandinnen und Probanden getestet. Ähnlich sieht es bei Moderna und anderen Unternehmen aus.

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Getestet wird in Phasen. Phase eins umfasst Tests mit Erwachsenen. Sie gilt bei den Impfstoffen beider Hersteller als abgeschlossen. Die Ergebnisse können als Referenzgröße für die Impfstofftests bei Kindern dienen. In Phase zwei wählt das Pharmaunternehmen zunächst eine sogenannte Formulierung, eine Zusammensetzung von Wirkstoff und Hilfsstoffen "und würde verschiedene Dosierungen an Kindern probieren – und messen, wie die Immunreaktion ist: Ob die neutralisierenden Antikörpermengen, beispielsweise im Blut, ebenfalls erhöht sind, relativ zu denen bei von Covid genesenen Kindern oder Jugendlichen."

Das sei die übliche Vorgehensweise, erklärt Klaus Cichutek – Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist. Hierbei im Blick: Nebenwirkungen wie Rötungen, Schmerzen an der Einstichstelle und Fieber.

"Wenn man eine Idee hat, wie die Dosierung ist und wenn die Formulierung dann auch eine relativ gute Verträglichkeit hat, würde man dann an mehreren Hundert Kindern eine Studie machen, die auch genau das Impfschema und den Impfabstand festlegt und auch hier noch einmal die Antikörpermenge bestimmen."

Ergebnisse bisher ermutigend

In der Regel bekommt eine Vergleichsgruppe Placebos. Dann wird geschaut, wie häufig sich die Gruppen noch mit Covid-19 anstecken. Die Abläufe ähneln denen der Impfstoff-Tests bei Erwachsenen, allerdings ist die Zahl der Probanden bei Kindern und Jugendlichen viel geringer. Bisher seien die Ergebnisse ermutigend. Johannes Liese vom Universitätsklinikum Würzburg:  

"In den ersten Studien sieht es sehr, sehr gut aus, bis zu dem Alter von zwölf. Da ist die Möglichkeit, Antikörper zu bilden, mindestens genauso gut wie bei den Erwachsenen in den vergleichbaren Studien." 

Auch in Bezug auf Nebenwirkungen reagieren Kinder und Jugendliche offenbar ähnlich wie Erwachsene. Für die Zwölf- bis 15-Jährigen haben Biontech/Pfizer Ende März erste Ergebnisse vorgelegt. Ihr Impfstoff zeige in dieser Altersgruppe eine Wirksamkeit von 100 Prozent, hieß es aus dem Unternehmen, die jugendlichen Testpersonen hätten die Impfung gut vertragen. Von Fachleuten geprüft sind die Daten jedoch noch nicht. 

Moderna, Johnson & Johnson und Sinovac testen ihre Impfstoffe derzeit ebenfalls an Kindern und Jugendlichen, Astrazeneca pausiert seine Tests, solange der Zusammenhang zwischen Impfstoff und Blutgerinnseln untersucht wird. Die europäische Arzneimittel-Behörde EMA erwartet Ergebnisse bis 2024.

Wenige Kinder entwickeln Symptome

Mediziner diskutieren derweil über den Nutzen von Covid-19-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen. Denn: Nur wenige von ihnen entwickeln nach einer Infektion überhaupt Symptome. Möglicher Grund: Kleinkinder haben – durch andere Coronaviren – bereits Antikörper und damit eine geringe Immunität.

"Wir haben ja nicht nur das neuartige Coronavirus, sondern wir haben ja auch andere Corona-Erkältungsviren", sagt  Johannes Liese. "Es gibt insgesamt drei bis vier verschiedene, mit denen wir jedes Jahr zu tun haben und die treten besonders häufig auf in der Gruppe der Kleinkinder."

Mehr Herdenimmunität als Ziel

Aber worin besteht dann der Nutzen einer Impfung von Kindern und Jugendlichen? "Was man schafft, ist mehr Herdenimmunität. Dass man noch mehr die Bevölkerung insgesamt schützt. Aus diesen Gründen kann es vielleicht sinnvoll sein, die Kinder zu impfen. Aber nicht für das einzelne Kind, weil das einzelne Kind ja keine schwere Infektion zu erwarten hat. Also um das einzelne Kind zu schützen, ist die Impfung nicht sinnvoll", meint Tim Niehues, Sprecher des Arbeitskreises pädiatrische Immunologie der deutschen Gesellschaft für Immunologie. Denn Covid-19-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen seien selten.

Doch auch bei Kindern und Jugendlichen kann es Komplikationen geben: das Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS), eine starke Entzündungsreaktion des Immunsystems, die sich im Körper ausbreiten und alle Organe befallen kann.

Auch bei PIMS stellen Mediziner unterschiedliche Formen in den Altersgruppen fest. Unter anderem, dass "bei den Schulkindern oder Adoleszenten und jungen Erwachsenen etwas andere Symptome auftreten als bei den Kleinkindern. Zum Beispiel: Herz und Lungen sind eher bei den älteren Kindern betroffen, kleinere Kinder haben eher etwas am Magen-Darm-Trakt."

Zwar ist PIMS mit Medikamenten gut behandelbar und in Deutschland hat es bis jetzt erst etwas mehr als 250 Fälle gegeben, erklärt Tim Niehues. Eine aktuelle Studie von Medizinern des US-amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC) zeichnet ein anderes Bild.
 
Sie untersuchten mehr als 1000 Kinder mit PIMS, die meist zuvor asymptomatische Coronainfektionen hatten. Alle mussten in Kliniken behandelt werden, die Hälfte auf Intensivstationen. Es gab einige Todesfälle. Warum Kinder an PIMS erkranken, ist unklar, ebenso wenig ist über eventuelle Langzeitschäden bekannt. Das sei ein Argument pro Impfung auch für Kinder, sagt Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln.

Ein Restrisiko bleibt

Zudem: Je mehr Übertragungswege verhindert werden können, desto stärker sinken die Infektionszahlen insgesamt und desto eher sei auch für Kinder und Jugendliche wieder normales Leben möglich.

"Wir wissen im Moment schon, wie schwer die Kinder darunter leiden, dass die Schulen nicht offen sind. Es sind enorme psychische Belastungen für die Kinder und Jugendlichen entstanden. Und das ist etwas, das wir versuchen müssen, soweit wie möglich zu reduzieren."

Natürlich bliebe auch bei Impfungen für Kinder und Jugendliche ein individuelles Restrisiko bestehen. Aber, so Johannes Liese aus Würzburg: "Bei allen Impfungen, die wir in Deutschland bei Säuglingen und Kleinkindern empfehlen, ist es immer so, dass das Risiko der Erkrankung um ein Vielfaches höher ist als das Risiko der Impfung."

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