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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.11.2015

Cottbuser Filmfest Die verschiedenen Alltage der Religion

Von Wolfgang Hamdorf

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Das Logo des "Filmfestival Cottbus" bei Nacht (picture alliance / dpa / Michael Hanschke)
Das Logo des "Filmfestival Cottbus" bei Nacht (picture alliance / dpa / Michael Hanschke)

Europa und der Islam – das wird gerne als Gegensatz verstanden. Das Festival des osteuropäischen Films in Cottbus, das am Dienstag beginnt, widmet sich mit einer Reihe dem Miteinander der Religionen unter der Überschrift: "Islam in Osteuropa".

Der Saal ist voller tanzender Männer. Der Zikr ist der rituelle Tanz der tschetschenischen Sufis. In seinem Rhythmus findet auch Midaev Abubakar Entspannung und Vergessen. Hier überwindet er die Schwierigkeiten des Alltags und auch die kollektiven Erinnerungen an Krieg, Besatzung und Deportation.

Der argentinische Regisseur Martín Solá hat für seinen Dokumentarfilm "La Familia Chechena - Die tschetschenische Familie" fast ein Jahr in der Kaukasusregion verbracht:  "Er hat in Moskau Mathematik und Chemie studiert, kam also von den Naturwissenschaften zur Religiosität. Er erzählte uns, dass diese Entwicklung nach dem ersten Tschetschenienkrieg 1994 bis 1995 einsetzte. Er habe sich entscheiden müssen ob er den Weg in die Gewalt gehen wollte oder sich einen Halt in der Religion suchte. Den fand er im Sufismus, der immer schon eine sehr friedliche Ausrichtung des Islams war."

Der Film dokumentiert behutsam das Leben des Protagonisten und seiner Familie, der neun Kinder und seiner alten Mutter, die schon 1944 unter Stalin in ein sibirisches Arbeitslager deportiert wurde.

Mit langen, fast meditativen Einstellungen gibt Martín Solá einen komplexen Einblick in die tschetschenische Kultur und ihre Traditionen.  Dabei vermeidet er gängige Stereotypen und einfache Erklärungsansätze, und das, so erzählt der Regisseur, habe auch die Finanzierung des Films erschwert: "Ein Produzent wollte sich finanziell beteiligen, aber er bestand auf Interviewausschnitten, in denen sich die Befragten eindeutig gegen Putin und Kadyrow, den aktuellen Machthaber in Tschetschenien, aussprechen. Aber ich sagte, nein, ich weigere mich den typischen Film eines westlichen Filmemacher gegen das böse Russland zu machen."

Keine einfachen Schemen für religiöse Fronten in der Reihe "Islam in Europa"

Auch die anderen sieben Festival Filme der Reihe "Islam in Osteuropa" verweigern sich den einfachen Erklärungsschemen und überschreiten kulturelle und nationale Grenzen: So porträtiert eine polnische Filmemacherin eine religiöse Judolehrerin in Dagestan, die die patriarchalen Strukturen ihrer Dorfgemeinschaft kritisiert. Ein kanadischer Filmemacher bosnischen Ursprungs spaziert über den verschneiten Friedhof in Srebrenica und eine rumänische Regisseurin erzählt in einem Animationsfilm den Kampf eines polnischen Dissidenten an der Seite islamischer Widerstandskämpfer gegen die sowjetische Besatzer in Afghanistan.

Es geht in der Filmreihe darum, den Islam in Osteuropa aus ungewohnten und neuen Blickwinkeln zu zeigen, sagt Bernd Buder, der Programmdirektor des Festivals in Cottbus:

"Unsere Idee war es auch damit so ein bisschen die Klischees gegen den Strich zu bügeln. Also wir wollten nicht das x-te Festival sein, das sich beschäftigt mit Fundamentalismus, Radikalisierung, sondern wir wollten wirklich zeigen, Islam gehört in Osteuropa zu den autochthonen Religionen und es gab zahlreiche Versuche, den Islam auch konfliktvoll mit Konflikten, nicht gewaltfrei zurück zu drängen. Muslime gehören in vielen Ländern zu den Opfern russischer und serbischer Aggressionspolitik. Das ist eine Menschenrechtsfrage und aus dieser Frage heraus entwickelt sich teilweise auch eine Spirale der Radikalisierung, darüber muss man nachdenken und dieses Nachdenken wollen wir ein bisschen unter die Leute streuen."

Dabei werden auch Alltagsfragen diskutiert, wie stark etwa das Kopftuch die Rolle der Frau im Islam definiert, sagt Bernd Buder: "Kopftuch wird wahrgenommen als Symbol der Unterdrückung der Frau, was es zum größten Teil auch ist, ganz ohne Frage, aber es gibt auch andere Ansätze: Wir haben ein ‚work in progress‘ eines bosnischen Films dabei, zwei junge Filmemacherinnen, die sagen, junge Mädchen in Sarajevo, also im urbanen Sarajevo tragen das Kopftuch auch, um sich zu schützen von sexueller Anmache und da sich ihren Freiraum unter dem Kopftuch, der Film heißt auch UNDER THE COVER, das Kopftuch schützt sie auch, sich besonders attraktiv kleiden zu müssen, schützt sie vor dem Druck, besonders attraktiv aussehen zu müssen."

Einblicke in den Alltag von Baku - das Miteinander von Alltag und Religion

Die Filme der Reihe zeigen große Abenteuer, aber auch ganz Alltägliches. Das hängt in erster Linie vom Abstand oder von der Nähe  der Filmemacher zur islamischen Kultur ab: "Scheinbar ist es so, dass das Thema für Regisseure und Regisseurinnen von außen wesentlich interessanter ist als für Regisseure, die selber Muslime sind. Die betrachten Islam als ganz normalen Bestandteil des Lebens, die machen gar kein großes Aufheben drum, für die ist das Alltag und die zeigen islamischen Alltag."

So zum Beispiel der Film "Baku - Vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung", der mit dem ersten Gebetsruf des Muezzin beginnt. In 18 Episoden erzählen junge Dokumentarfilmer aus Aserbaidschan vom Alltag ihrer Hauptstadt. Auch wenn im Laufe des langen Tages nichts Spektakuläres passiert, so gibt der Film einen facettenreichen Einblick in den ganz normalen Tagesablauf.

Die Filme in Cottbus überraschen durch Inhalt und Form und öffnen dem Zuschauer Räume hinter den einfach gestrickten Erklärungsmustern tagespolitischer Schlagzeilen.


Das Programm auf der Webseite des Festivals des osteuropäischen Films Cottbus

Mehr zum Thema

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(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 10.11.2012)

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