Energiewende in Cottbus

Wohnungen mit Wärme aus Seewasser heizen

09:15 Minuten
Cottbuser Ostsee, am Rand Wald, darüber blauer Himmel. Das Gelände war früher ein Braunkohle-Tagebau.
Der Ostsee ist ein ehemaliger Braunkohle-Tagebau. Von dort aus soll ein Teil der Stadt Cottbus geheizt werden – ohne CO2-Emission. © picture alliance / Andreas Franke
Von Christoph Richter · 15.03.2022
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Cottbus im Südosten Brandenburgs will 15.000 Wohnungen klimaneutral und ökologisch heizen – mit Wärme aus dem Ostsee, einem früheren Tagebau. In dieser Dimension ist das Projekt wohl einzigartig. Doch mit einem Aspekt sind die Macher unzufrieden.
Die Seewasser-Wärmepumpe funktioniere relativ einfach, sagt Vlatko Knezevic, Geschäftsführer der Cottbuser Stadtwerke. Und sie sei effektiver Klimaschutz. Die Sonne erwärme das Wasser des Cottbuser Ostsees – früher ein Braunkohle-Tagebau, der jetzt zu einem riesigen See geflutet wird. „Das Wasser speichert die Energie. Und wir nehmen das Wasser und entziehen dem Wasser die Energie“, erklärt der 48-jährige Wirtschaftsingenieur.
Dazu wird in der Praxis das Seewasser des Ostsees in eine Art Wandlerstation gepumpt. Dort erwärmt die thermische Energie – die man dem Wasser beispielsweise mit einem Kühlmittel entzogen hat – einen weiteren Wasserkreislauf. Anschließend fließt dann das auf etwa 80 Grad erhitzte Wasser durch die Heizungsrohre und gelangt via Fernwärme in die Heizkörper. „Was in den Heizungen später fließt, hat keine Berührung mit dem Wasser aus dem Cottbuser Ostsee.“ Das seien zwei komplett getrennte Systeme. „Die zwei Systeme tauschen die Wärme lediglich untereinander aus.“ Das heruntergekühlte See-Wasser fließt wieder in den Cottbuser Ostsee, also an seinen Ursprungsort zurück.
Man kann sich eine Wärmepumpe auch als umgedreht funktionierenden Kühlschrank vorstellen. Das heißt: Im Kühlschrank entziehe ich den Nahrungsmitteln – etwa der Milch – die Wärme und kühle sie herunter. Die Seewasser-Wärmepumpe funktioniert genau andersrum: Ich entziehe dem Wasser die Wärme und heize damit. Wichtig ist: Für eine Seewasser-Wärmepumpe braucht man keine warmen Gewässer. Auch kaltes Seewasser – von beispielsweise vier Grad Celsius – liefert immer noch genügend Energie, um Wohnungen, Mehrfamilienhäuser oder Plattenbauten zu beheizen.

Suche nach einem Investor

Nach aktuellen Berechnungen der Stadtwerke könnten mit dem Vorhaben etwa 15.000 Wohnungen beziehungsweise rund 35.000 Menschen mit klimaneutraler und ökologischer Wärme versorgt werden. Ab 2027 will Cottbus knapp die Hälfte aller mit Fernwärme beheizten Wohnungen klimaneutral heizen. Kosten: 40 Millionen Euro. Um das Projekt zu finanzieren, brauche man Fördergeld aus dem Milliardenpaket zum Strukturwandel. Knesevic rechnet mit etwa 15 Millionen Euro. Zehn Millionen Euro könnten die Cottbuser Stadtwerke selbst beitragen, sagt er. Das sei aber schon die obere Schmerzgrenze. Deshalb ist man auf der Suche nach einem weiteren Investor.
Der Cottbuser Oberbürgermeister, Christdemokrat Holger Kelch, ist von der Idee überzeugt. Er hält den Einsatz von Wärmepumpen für den richtigen Weg hin zu einer Wärmewende. Also die Transformation der immer noch fossil dominierten Wärmeversorgung hin zu einer klimaneutralen Versorgung. Auch vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und der Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Rohstoffen.

Wärmepumpen in Privathaushalten gefragt

„Deutschland hat sich verpflichtet – idealerweise, wie es im Koalitionsvertrag heißt – sich bis 2030 möglichst zu dekarbonisieren“, sagt Knesevic. Eine Möglichkeit sei Geothermie. Doch: „Das ist in unserer Region nicht sonderlich ertragreich, da gab es schon mal Untersuchungen.“ Eine andere sei, über Wärmepumpen Wärmeenergie zu erzeugen. Das wollten sie möglichst bald umsetzen.
Der gelernte Elektromonteur hat in seinem Privathaus bereits eine eigene Wärmepumpe. „Da ist nichts weiter dran, als dass eine Bohrung in der Erde vollführt wurde.“ Dem Grundwasser würden ein, zwei Grad entzogen. „Und dann wird Wasser aufgeheizt damit. Und dieses aufgeheizte Wasser kann zum Duschen, zum Waschen, aber auch zum Heizkreislauf im Haus benutzt werden.“ In Deutschland sind Wärmepumpen in Privathaushalten immer gefragter. Nach Angaben des Bundesverband Wärmepumpe e.V. wurden allein im vergangenen Jahr mehr als 150.000 Heizungswärmepumpen verkauft. Dies entspreche „einem Wachstum von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, heißt es auf der Internetseite.

Keine Gefahr für Flora und Fauna

Die Idee der Cottbusser Stadtwerke ist nicht neu. Man habe sich in Schweden und der Schweiz inspirieren lassen. Stadtwerkechef Vlatko Knezevic betont aber: Die Dimension sei einzigartig. Eine großtechnische Anlage, mit der man Zehntausende Menschen mit klimaneutraler Wärme versorgen kann. „Angefangen von Norwegen, bis Japan und Schweiz; gibt es das meistens in kleinerem Umfang. Nicht für die Beheizung einer gesamten Stadt.“
Ansicht der brandenburgischen Stadt Cottbus aus der Luft
In Cottbus leben fast 100.000 Menschen. Ungefähr ein Drittel will die Stadt mit Wärme aus dem Ostsee versorgen. © picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild / Patrick Pleul
Vlatko Knezevic stammt aus Zenica in Ex-Jugoslawien, dem heutigen Bosnien und Herzegowina. Als 18-Jähriger ist er 1990 vor dem Krieg nach Deutschland geflohen. Anschließend hat er in Mannheim studiert, war dort für die Stadtwerke tätig. Später hat er mit eprimo einen Öko-Stromanbieter aufgebaut. Er sieht sich als Überzeugungstäter.
Damit sich das Vorhaben der Seewasser-Wärmepumpe aber nicht als Problem für das Ökosystem dort entpuppt, hat Knezevic bereits vorab ein hydrologisches Gutachten erstellen lassen, um zu erfahren, welche Folgen es hat, wenn man das zwei Grad kühlere Seewasser wieder in den Cottbuser Ostsee zurückpumpt. „Uns wurde bestätigt, dass die Abkühlung keine Auswirkungen auf das Ökosystem der Cottbuser Ostsee hätte. Das heißt: Wir würden weder Flora noch Fauna gefährden.“ Erstellt wurde das Gutachten vom Dresdner Institut für Wasser und Boden, in Zusammenarbeit mit der BTU, der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus-Senftenberg.

Klimawende in früherem Tagebau

Vor den Toren der Stadt liegt der Cottbuser Ostsee. An der Bundesstraße nach Peitz gibt es eine kleine Anhöhe, Lakoma genannt, ein Aussichtspunkt am Cottbuser Ostsee. Hier kann man gut beobachten, wie fast wasserfallartig Spreewasser in den früheren Tagebau fließt. In gut drei Jahren soll der große künstliche See komplett geflutet sein.
Dass man mit dem Seewasser eines Tages zig Wohnungen in Cottbus klimaneutral heizen kann, begeistert hier viele Menschen. Auch den Cottbuser Jost Wolke. Er ist 82 Jahre alt und war früher Maschinist auf einem der riesigen Tagebaubagger. Genau dort, wo jetzt der Cottbuser Ostsee entsteht. Das Vorhaben sei sehr gut: „Ich bin für das Neue immer zu haben“, sagt er. Ähnlich sieht es Geologe Ingolf Arnold. Er war bei der LEAG – dem Betreiber der Lausitzer Braunkohletagebaue- und Kraftwerke – bis 2020 der Leiter der Geotechnik und hat nach eigenen Angaben den Cottbusser Ostsee maßgeblich mitgeplant. Die Idee, dass an einem Ort des fossilen Zeitalters sich nun die Klimawende vollzieht, lässt sein Herz höher schlagen.

Kritik an komplizierter Gesetzgebung

„Wir sehen die Windräder auf der Kippe des ehemaligen Tagebaus", so Ingolf Arnold. "Wir sehen dahinten so einen gelben Kran stehen, der hat gerade Aufstandsflächen gemacht für Befestigungsösen, wo man eine schwimmende Solar-Anlage hier hinbauen will. 22 Hektar, also fast 30 Fußballfelder. Und die Stadtwerke bauen da noch einen Wärmeaustauscher, um Energie zu gewinnen. Also, es sind alle drei Dinge – Solar, Wind und Thermodynamik – die man hier ausnutzt.“ Cottbus werde so zum weltweit vorzeigbaren Reallabor der Energiewende, meint der Geologe und lächelt ein wenig stolz. In der Ferne sieht man aber auch noch – fast wie ein Relikt aus alten Zeiten – die riesigen Kühltürme des Kraftwerks Jänschwalde dampfen.
Ingolf Arnold würde gerne alles schneller umgesetzt sehen. „Aber: Die Genehmigungen brauchen ihre Zeit. Aber es ist ein tolles Projekt. Geht in die richtige Richtung.“ So sieht es auch der Cottbusser Rathauschef Holger Kelch. Auch er kritisiert die deutsche Langatmigkeit bei solch innovativen Projekten. „Gerade im Zuge dessen, was wir weltweit momentan in Fragen der Energiepolitik erleben, wie abhängig auch Deutschland von Erdgaslieferungen aus dem Ausland ist.“ Solche Planungsprozesse müssten einfach schneller gehen. „Damit die Versorgungssicherheit der Bevölkerung – um niemand anderes geht es hier – besser sichergestellt werden kann.“

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