Cory Doctorow: „Enshittification"
© Blumenbar Verlag / Aufbau-Verlag
Tech-Konzerne und die Strategie des vorsätzlichen Verfalls

Cory Doctorow
Hans-Peter Remmler
Enshittification. Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun könnenBlumenbar, Berlin 2026477 Seiten
24,00 Euro
Dass die Qualität digitaler Plattformen immer schlechter wird, ist für den kanadischen Netzaktivisten Cory Doctorow kein Zufall. Big Tech nutze seine Marktmacht aus – die Monopolstellung der Konzerne müsse deshalb geschwächt werden.
Facebook den Rücken kehren und die Follower einfach mitnehmen zur Konkurrenz? Bei Amazon ein Hörbuch kaufen und dieses ohne Amazon-Account nutzen? Fehlanzeige! Soziale Netzwerke machen es einem so schwer wie möglich, sie zu verlassen. Und gleichzeitig werden die Dienste immer schlechter.
„Enshittification“ hat der kanadische Netzaktivist und Journalist Cory Doctorow diese Entwicklung bereits 2022 genannt. Jetzt ist seine fundierte Analyse über das Vorgehen von Big Tech auch auf Deutsch erschienen.
Von gutem zu schlechtem Service - in drei Stufen
„Enshittification“ definiert er als den systematischen Qualitätsverfall digitaler Plattformen, den die Unternehmen bewusst forcieren, um ihre Gewinne zu maximieren. Ein Prozess, der dreistufig abläuft, wie er am Beispiel von Facebook, Amazon, Apple und Twitter demonstriert.
Zuerst wird man mit gutem Service umgarnt, so lange, bis eine kritische Masse an Nutzern diese an die Plattform bindet. Dann wird dasselbe Vorgehen bei Geschäftskunden – Werbetreibenden oder Händlern – angewandt. Und ist dann schließlich der Ausstieg aus dem Netzwerk so kostspielig, dass man nicht mehr ohne Weiteres rauskommt, werden „die Daumenschrauben angezogen“: Der Service wird zurückgefahren und die Preise erhöht.
Phantastisch, wie Cory Doctorow mit seinen Schilderungen den Frust der gesamten Nutzerschaft auf den Punkt bringt. Denn das „Enshittification“-Virus zieht sich inzwischen durch die gesamte Tech-Branche.
Da wird ein Software-Abo plötzlich zum finanziellen Fiasko, weil der Anbieter über Nacht die Geschäftsbedingungen ändert (Adobe). Die Nutzung bestimmter Browser wird mit Fehlermeldungen quittiert, damit man ja nicht auf die Idee kommt, ein Produkt der Konkurrenz auszuprobieren (Microsoft). Und die Suchergebnisse werden verschlechtert, nur damit man erneut fragen muss, was zu höheren Werbeerlösen führt (Google).
Politik hat weggeschaut
Warum aber kommen die Unternehmen mit diesem unlauteren Gebaren durch? Schlicht und ergreifend, weil man sie lässt! Auch das beschreibt der Journalist in seiner Tiefenrecherche: Wie Politikerinnen und Politiker jahrzehntelang weggeschaut und damit die Entstehung von Tech-Monopolen ermöglicht haben.
Und wie diese dann mit ihrer Macht den Markt und die Aufsichtsbehörden, von denen sie eigentlich überwacht werden sollen, vereinnahmen. „Regulatory Capture“ nennt der Kanadier diesen Vorgang, bei dem wichtige Gesetze wie das Urheberrecht ganz im Sinne von Big Tech umgeschrieben wurden.
Doch Cory Doctorow hat auch gute Nachrichten. Dank Donald Trump stünden die Zeichen für eine Kehrtwende besser denn je - denn die Politik des US-Präsidenten habe ein breites Bewusstsein dafür geschaffen, dass die Dominanz der Tech-Unternehmen endlich ein Ende haben müsse.
Dafür fordert der Netzaktivist – gerichtet an Brüssel – ein Umdenken in der europäischen Regulierungspolitik. Etwa beim "Digital Services Act", der die Macht der Plattformen stärke, statt sie zu schwächen. Genau das ist die wichtigste Botschaft dieses überzeugenden Buches: Besser wird die Digitalisierung erst, wenn alle eine Chance haben - nicht nur Big Tech.












