Kommentar zu Correctiv-Bericht
Das Landgericht hat entschieden, dass die Correctiv-Berichterstattung zum "Potsdamer Treffen" im Wesentlichen unwahr gewesen sei - Correctiv legt Berufung gegen das Urteil ein © picture alliance / dts-Agentur
Desinformation gibt es auch von links
04:35 Minuten

Die Berichte des Medienkollektivs Correctiv über das „Potsdamer Treffen“ sind ein Lehrstück in Sachen Desinformation: Emotionen, eine moralische Mission, übertriebenes Framing. Das schadet Faktencheckern – und nützt der AfD.
Lassen Sie sich nicht beirren! Glaubt man den "Faktencheckern" von Correctiv, sind Zweifel an der Erzählung vom "Geheimplan gegen Deutschland" unangebracht. Eine "gezielte Kampagne" aus "rechten Kreisen" versuche, den Bericht zu "delegitimieren". Das Berliner Urteil? Nicht rechtskräftig! Andere Urteile? Sehen das anders! Für ein Medium, das "einseitige" Informationen und daraus folgende "verzerrte Weltbilder" bekämpfen will, ist dieser Appell zur Einseitigkeit bemerkenswert.
Aufarbeitung zu Correctiv-Bericht in den Medien fehlt
Auch das Schweigen im Medienwald ist es. Immerhin wurde der Correctiv-Bericht einst über alle Sender gestreut: mit den größten Protesten in der Geschichte der Republik als Folge. Da könnte man doch etwas Interesse erwarten, wenn es darum geht, was an ihrem Auslöser wirklich dran ist.
Gewiss, man kann darüber streiten, was auf dem Treffen gesagt wurde. Wie weitreichend waren die diskutierten Maßnahmen, wie viel Zuspruch erhielten sie? Was im Bericht ist irreführende Einordnung, was falsche Tatsachenbehauptung? Was hat Correctiv zu verantworten, was wurde von anderen Journalisten hinzugedichtet? Man kann da beim Überblicken der Verfahren zu unterschiedlicher Sicht gelangen. Aber genau das wirft doch bereits Fragen über die damalige politische Dynamik auf!
Und diese Details sind nicht mal der Kern des Problems. Der besteht nämlich im übertriebenen Framing, das von Correctiv gesetzt und dann von vielen Medien hochgejazzt und sozial-medial zugespitzt wurde. Massendeportationen seien auf dem Potsdamer Treffen geplant worden, hieß es: eine "Wannseekonferenz 2.0". Und das eng verknüpft mit einer Partei: ein "AfD-Geheimtreffen" war es für viele. Entsprechend war die Stimmung bei den Protesten, wo man sich Fünf vor 1933 wähnte.
Fakten biegen, bis sie ins Weltbild passen
Geheim war das Treffen aber nur so wie viele nicht öffentliche Netzwerktreffen. Und mit der AfD hat das so viel zu tun, wie jedes solcher Treffen, wo AfDler ohne Parteiauftrag teilnehmen. Auch ist der Plan ein Plan nur insofern, als hier Akteure wie Martin Sellner einen solchen propagieren. Das kann man für berichtenswert halten. Auch die Frage, wie einflussreich diese Ideen in der AfD sind, sollte man stellen. Aber ein dramatisches Storytelling, das Millionen glauben lässt, jetzt ginge es um die demokratische Wurst? Das bewegt sich mindestens im Graubereich einer moralischen Panik.
Deutschland Anfang ’24, das ist ein Lehrstück über Desinformation. Nicht in dem Sinne, dass Correctiv hier absichtlich manipuliert hätte. Aber mit der Absicht ist es ja so eine Sache: Man kann sie schlecht nachweisen. Und oft vermischt sie sich mit Selbsttäuschung: Man biegt sich die Fakten so, dass sie ins Weltbild passen.
Emotionen werden zu Gewissheiten: Typisch für das postfaktische Zeitalter
Das ist der eigentliche Treiber dessen, was oft unter Desinformation verhandelt wird. Und davon sind Journalisten nicht frei. Am wenigsten, wenn sie eine moralische Mission haben. Entscheidender ist aber die Dynamik, die daraus folgt. Ein emotionales Narrativ, das zu kollektiver Gewissheit mutiert, ist typisch für das Postfaktische. Und auch, dass sich das kaum mehr wegräumen lässt. Die Identität will ja geschützt sein. Noch heute mangelt es an einer Aufarbeitung der Causa Correctiv. Die Angst, man würde damit den Falschen in die Hände spielen, verstellt den Weg.
Dem Teufel die Wahrheit zu überlassen, weil man die "gute Sache" nicht schädigen will, nutzt dem Teufel noch am meisten, haben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer einmal gesagt. Wie recht sie damit hatten, zeigt die Correctiv-Geschichte einmal mehr. Denn da steht unter dem Strich: ein Glaubwürdigkeitsverlust der Kämpfer gegen Desinformation; ein Rechtsextremist, dessen Bevölkerungsplanspiele popularisiert wurden; und eine gewachsene Distanz zwischen progressiven Milieus und großen Teilen der Bevölkerung. Der AfD jedenfalls hat ihre Stigmatisierung alles andere als geschadet. So werden am Ende aus postfaktischen Faktencheckern noch demokratiegefährdende Demokratieretter.
















