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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 28.07.2020

Coronakrise beim SchienenkonzernWie die Bahn Kunden zurückgewinnen will

Von Dieter Nürnberger

Ein Zugbegleiter mit Gesichtsmaske gibt dem Lokfuehrer das Abfahrtzeichen im Bahnhof Berlin Spandau.  (imago images / Jochen Eckel)
Nur rund Dreiviertel des Zugverkehrs konnte die Bahn zur Corona-Hochzeit aufrechterhalten - ein Minusgeschäft. (imago images / Jochen Eckel)

Weniger Fahrgäste und zusätzliche Kosten durch Hygienemaßnahmen - die Bahn hat gelitten in der Coronazeit. Jetzt soll die Wende kommen, durch zusätzliche Investitionen. Rückendeckung kommt aus der Politik: Die Zukunft soll der Schiene gehören.

"Bitte die Maske auch über die Nase ziehen. Das ist eine Mund- und Nasenbedeckung. Wenn nicht, sind Sie mit 55 Euro dabei und das wollen Sie doch nicht, oder?"

Maskenkontrolle im Interregio-Express. Drei Mitarbeiter des Deutsche-Bahn-Sicherheitspersonals gehen durch die Sitzreihen im Großraumwagen und mustern die Fahrgäste. Der Ton ist höflich, aber bestimmt. Bei ein paar Bahnkunden sitzt an diesem Nachmittag die Maske etwas zu locker, doch im Großen und Ganzen halten sie sich an die Vorschrift.

"Der überwiegende Teil trägt die Maske und die meisten haben auch nur mal vergessen sie aufzusetzen. Sie setzen sie dann sofort auf, wenn man sie anspricht."

Bußgelder müssen in dieser Momentaufnahme der Masken-Kontrolle zumindest nicht verhängt werden. Die Züge der Deutschen Bahn sind derzeit wieder etwas voller, in vielen Bundesländern ist Urlaubszeit. Die Maskenpflicht ist ein Baustein der Bahn für mehr Sicherheit in Coronazeiten. Und wer Zug fährt, hat dafür wohl auch Verständnis.  

"Nee, ist ja auch richtig. Aber nach rund drei Stunden macht man sie auch mal runter, weil ja auch die Luft dann ein wenig weg bleibt."
"Als Kunde in der Bahn fühlen Sie sich aber sicher?"
"Ja, ja, auf jeden Fall."
"Ich fühle mich sicher, weil in der Regel tragen fast alle eine Maske. Wenn der Zug so leer ist wie im Moment, dann macht man aber auch mal die Nase frei - beim Naschen zieht man sie auch mal ab. Aber ich fühle mich sicher."
"Es ist schon eine Belastung, sage ich mal. Aber viele halten sich dran. Wenn alle vernünftig sind, vielleicht sind wir da schneller wieder raus der Nummer."

Natürlich gibt es auch gegenteilige Berichte. Fahrgäste, die beispielsweise in Sozialen Medien Bilder von überfüllten Zügen mit und ohne Maskenträger posten. Doch setzt die Deutsche Bahn AG als Marktführer darauf, dass es in den meisten Fällen wohl irgendwie funktioniert.

Dreistelliger Millionenbetrag zusätzlich für Reinigung

Seifenspender und kostenlose Toilettennutzung an größeren Bahnhöfen, eine Klimaanlage, die die Luft in den Zügen verlässlich austauschen soll. Hygiene werde groß geschrieben, versichert Berthold Huber vom Vorstand Personenverkehr beim bundeseigenen Unternehmen.

"Das bedeutet, dass wir einen dreistelligen Millionenbetrag zusätzlich in die Reinigung, insbesondere der Züge und der Bahnhöfe investieren. Dass wir vor allem Oberflächen unterwegs reinigen. Und wir freuen uns, wenn unsere Fahrgäste uns dabei helfen und sich auch sonst an alle Verabredungen, die in der Coronakrise gelten, halten. Dann ist das Bahnfahren absolut sicher."  

Die Bahn hat gelitten in der Coronazeit. Denn es wurden rund Dreiviertel des Zugverkehrs aufrechterhalten. Eine Grundversorgung im öffentlichen Personenverkehr - besonders wichtig für regionale Pendler. Aber ein Minusgeschäft, die Fahrgastzahlen gingen mitunter um 80 bis 90 Prozent zurück.

Die Bilanz des ersten Halbjahres wird die Bahn AG am Donnerstag veröffentlichen. Doch wie will das bundeseigene Unternehmen aus der Krise fahren? Die einfache Antwort: Mit mehr Geld für Investitionen. In das Schienennetz, in neue Züge, in die Restaurierung von Bahnhöfen. So wurden vor zwei Wochen beispielsweise 30 neue Hochgeschwindigkeitszüge bestellt. 

"Mit der Investition von einer Milliarde in die neuen Züge setzen wir ein deutliches Signal gerade in der aktuellen Zeit", sagt Bahnchef Richard Lutz. "Denn auch wenn wir schwer mit den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise zu kämpfen haben, glauben wir weiterhin fest an die Zukunft. Die Zukunft der Schiene als den Verkehrsträger des 21. Jahrhunderts. Und an die Zukunft der Eisenbahn als Rückgrat einer grünen und vernetzten Mobilität von morgen."

Fahrgastzahlen sollen sich bis 2030 verdoppeln

Was vor der Coronakrise galt, gilt auch danach: Die Bundesregierung hat viel vor mit ihrem Unternehmen. So sollen sich die Fahrgastzahlen im Schienenfernverkehr bis 2030 verdoppeln, auch der Güterverkehr soll mittelfristig ein Viertel der Transporte übernehmen. Dafür gibt es in den kommenden zehn Jahren einen dreistelligen Milliarden-Betrag.

Die Politik will so auch ihre international vereinbarten Klimaschutzziele erreichen. Und so kommt es, dass selbst unter dem sonst eher autofreundlichen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) Rekordsummen vereinbart wurden. Auch er war natürlich dabei, als kürzlich die neuen Hochgeschwindigkeitszüge bestellt wurden.

"Ich komme gerade aus dem Kabinett. Und die Freude war groß, weil wir in den letzten Wochen sehr viel darüber nachgedacht haben, wie wir einen 'Deutschland-Turbo' setzen können - mit Konjunktur- und Zukunftspaketen. Mit Möglichkeiten, dass wir Arbeitsplätze schaffen, besser gesagt, erhalten. Auch klare Botschaften an die Wirtschaft geben. An diesem Beispiel sieht man: Es geht." 

Ende Juni wurde sogar zwischen Bundesregierung und Deutscher Bahn, zwischen der Industrie und Verkehrsverbänden ein "Schienenpakt" unterzeichnet. Ein Bekenntnis zum Verkehrsträger Bahn mit allen notwendigen Investitionen, und das Herzstück soll ein neuer Deutschlandtakt sein: bessere und schnellere Verbindungen, ein effizienterer Fahrplan, auch dank fortschreitender digitaler Technik.

Und auch im Klimapaket der Bundesregierung sind beispielsweise 1,2 Milliarden Euro für den regionalen Verkehr mit Bussen und Bahnen vorgesehen, zudem schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren im Verkehrsbereich.

Private Zugunternehmen haben Bauchschmerzen

Bei so viel Offensive sind Kritiker eher schwer zu finden. Auch Ludolf Kerkeling vom Netzwerk Europäischer Eisenbahnen, hier sind die Vertreter der privaten Güterbahnen organisiert, hat den Schienenpakt unterzeichnet. Doch mit ein wenig Bauchschmerzen, denn er befürchtet, dass die Milliardensummen vor allem der Deutschen Bahn, dem Staatsunternehmen, zugutekommen.

Mehr Wettbewerb würde so leider nicht gefördert, so Kerkeling. "Aus unserer Sicht macht es sich der Bund auch etwas zu einfach. Er sagt, wir kümmern uns um unser Unternehmen, andere Eigentümer sollen sich um ihr Unternehmen kümmern. Denn wenn wir da in einem Wettlauf der Subventionen oder Eigenkapitalerhöhungen kommen, dann kann da nur ein Unternehmen gewinnen. Und alle anderen werden verlieren. Das wäre schon eine erhebliche Bedrohung des heute gut funktionieren Wettbewerbs im Schienengüterverkehr."  

Rekordsummen für Investitionen, ein neues Fahrplankonzept und ehrgeizige Klimaschutzpläne: So soll die ohnehin hoch verschuldete Deutsche Bahn aus der Krise fahren. Und das zurückgewinnen, was derzeit noch fehlt: Das Vertrauen der Bahnkunden.

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