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Länderreport | Beitrag vom 26.03.2020

Coronahilfe in SchwerinMundschutze aus der Theaterschneiderei

Von Silke Hasselmann

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Blick am Montag 06.01.2020 in der Landeshauptstadt Schwerin auf den Alten Garten mit dem Mecklenburgischen Staatstheater links und dem Staatlichen Museum rechts.  (imago / BildFunk MV)
"Ein kleiner Beitrag, mit dem wir hoffen, helfen zu können." Im Schweriner Staatstheater werden derzeit Schutzmasken genäht. (imago / BildFunk MV)

Nichts zu tun derzeit in der Schneiderei des Staatstheaters Schwerin: Wegen der Coronakrise ruht die Produktion. Die Schneiderinnen nutzen die Zeit, um Mundschutze für Pflegeheime und andere Einrichtungen zu nähen. Sie können sich vor Anfragen kaum retten.

Man könnte auch den Fahrstuhl nehmen. Doch der zuckelt gerade mit einer Ladung aussortierter Stoffreste nach unten. Wir aber wollen nach oben in die Schneiderei. Also geht Johannes Lewenberg voran auf der engen, glattgewetzten Steintreppe bis in die vierte Etage des Gebäudes, das 1886 als Großherzogliches Hoftheater errichtet worden war - direkt gegenüber vom Schweriner Schloss.

"Tja, unterm Dach", sagt er. "Das sind die Büros mit dem besten Ausblick, nämlich direkt über den großen Schweriner See."

Unterwegs macht Johannes Lewenberg etwas für seinen Berufsstand Untypisches: Der Öffentlichkeitsarbeiter des Theater übt sich im Understatement, indem er vorausschickt:

"Es ist ein kleiner Beitrag, mit dem wir hoffen, helfen zu können."

Hinter diesem "Wir" stecken vor allem drei erfahrene Schneiderinnen und eine junge Frau, die auf dem Tisch vor sich eine große Schere und jede Menge sandfarbenen dünnen Stoff liegen hat.

"Ich bin Herrengewandmeisterin hier am Staatstheater Schwerin"; sagt Teresa Baumgärtel. "Im Moment nähen wir Mund- und Nasenschutz. Dadurch, dass unsere Produktionen ein bisschen still stehen, dadurch, dass keine Proben mehr stattfinden können wegen der ganzen Coronakrise – deswegen machen wir jetzt Mund- und Nasenschutz."

Und zwar aus Nessel. "Das ist unbehandelte Baumwolle", erklärt sie. "Das haben wir bei uns im Stofffundus rumliegen. Das benutzen wir um Prototypen zu machen, bevor man den richtigen Stoff benutzt, der um einiges teurer ist. Also, um ein bisschen rumzubasteln."

Theaterproduktionen ruhen wegen des Coronavirus

Neben Teresa Baumgärtels Ateliertisch stehen Kleiderständer mit Kostümentwürfen für "Fidelio", die diesjährige Schlossfestspiel-Oper. Doch das Mecklenburgische Staatstheater hat die Produktion coronabedingt abgesagt. Und sonst?

"'Die tote Stadt', 'Mutter Courage' und 'Peter Pan'. Das sind so die Produktionen, mit denen wir gerade beschäftigt waren. Aber dadurch, dass keine Kostümbildner im Haus sind und man keine Anproben machen kann, liegt das vorerst brach."

Tatsächlich hing noch vorige Woche ein circa 20 Meter langes und 5 Meter breites Banner vom Theatergebäude herunter. Es warb für den 3. April als Premierentermin der Oper "Die tote Stadt" – ein Titel, der den aktuellen Zeitgeist unfreiwillig exakt trifft. Wobei, vollends ausgestorben wirkt die Residenzstadt mit ihren knapp 100.000 Einwohnern nicht, auch wenn sie mit ihren bislang 38 registrierten Coronainfizierten Spitzenreiter in Mecklenburg-Vorpommern ist. In der Schneiderei des Schweriner Staatstheaters herrscht jedenfalls seit dieser Woche wieder betriebsames Leben, weil Teresa Baumgärtel eine Idee hatte:

"Ich habe mit meiner Schwester gesprochen. Die arbeitet in Berlin in einem Krankenhaus, und die hat erzählt, dass ihr Oberarzt erzählt hat, sie müssen sich jetzt alle diesen Mundschutz selber nähen. Da bin ich das erste Mal drauf gestoßen. Und dann habe ich viele Kollegen an anderen Häusern und Theatern, die auch schon damit angefangen haben. Und dann dachte ich, das wäre für uns auch eine gute Option."

Herrengewandmeisterin Teresa Baumgärtel schneidet Nesselstoff für Mund- und Nasenmasken zurecht. (Silke Hasselmann)Herrengewandmeisterin Teresa Baumgärtel schneidet Nesselstoff für Mund- und Nasenmasken zurecht. (Silke Hasselmann)

Aber kann man sicher sein, dass diese Art von Stoff dann auch hilfreich ist? 

"Also, es gibt sehr verschiedene Meinungen dazu. Wir machen jetzt auch nicht diese FFP oder FRP... also die einen bestimmten Filter haben und ein Ventil. Das sind jetzt keine Anti-Corona-Masken sozusagen, sondern das ist ein normaler Mund- und Nasenschutz, der jetzt gerade ausgeht in Pflege und Krankenhaus."

Der Nordosten hat bisher nur wenige Coronafälle

In dem relativ großflächigen, aber mit 1,6 Millionen Menschen recht dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern hat sich das neuartige Sars-CoV-2 noch vergleichsweise wenig verbreitet. Neben Bremen meldet der Nordosten seit Wochen die im Bundesvergleich mit Abstand niedrigsten Zahlen an Infektionen, Krankenhausaufenthalten und schweren Verläufen. Gestorben ist hier noch niemand an der Lungenkrankheit Covid-19. Dennoch klagen auch in Mecklenburg-Vorpommern Ärzte und Pfleger über einen Mangel an Schutzausrüstung, weiß Teresa Baumgärtel. Die junge Herrengewandmeisterin des Staatstheaters zu Schwerin schnappt sich die nächsten Nesselstoff-Lagen.

"Also, ich bin jetzt dabei, das alles zuzuschneiden. Heute habe ich 130 Stück zugeschnitten. Pro Maske braucht man etwa 20 Minuten zum Nähen. Ich schneide gerade Masken zu mit den Maßen 70 cm x 40 cm. Das wird dann doppelt genommen, damit das zweilagig ist. Das wird dann noch in Falten gelegt. Da kommt dann noch ein kleiner Draht rein, damit man sich das besser an die Nase anpassen kann."

Und es sind keine Einweg- oder Wegwerfartikel: 

"Nein. Deswegen machen wir das auch aus Nessel. Das kann gekocht werden und dann immer wieder verwendet werden."

"Ein kleiner Beitrag, mit dem wir hoffen, helfen zu können"

Die Geschichte ist erst gestern Abend offiziell publik geworden. Doch unter interessierten Einrichtungen verbreitete sich die Kunde offenbar schon vorher sehr schnell. Schon könne sich die Theaterschneiderei vor Anfragen kaum retten, staunt Pressesprecher Johannes Lewenberg.

"Wir haben jetzt erst mal im Sinne der Solidarität geguckt, was wir hier in Schwerin und vielleicht im Umland machen können. Natürlich haben das viele Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, mitbekommen und haben uns gefragt, ob wir da mehr zur Verfügung stellen können. Im Moment haben wir absolut genug Anfragen hinsichtlich der Personalkapazität und unserer Materialkapazität."

Dann weist er auf die Masken, die Teresa Baumgärtel und ihre drei Kolleginnen genäht haben, und sagt:

"Das geht jetzt erst mal an ein Pflegeheim hier in Schwerin. Die brauchen das nämlich ganz besonders. Das geht an die Pfleger dort, und da ist es auch in guten Händen. "Wir wissen, wie gesagt, dass das kein Riesending ist. Aber es ist ein kleiner Beitrag, mit dem wir hoffen, helfen zu können."

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