Donnerstag, 09.07.2020
 

Studio 9 | Beitrag vom 26.05.2020

Corona weltweit: NicaraguaBefohlene Virus-Ignoranz − die Führung verordnet Party

Von Gabriela Selser

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ausserhalb eines leeren Fussballstadion sitzen Menschen auf der Wiese. (Getty Images / Inti Ocon)
Normalität im Fanblock - vor und im Fußballstadion gibt es in Managua keine Corona-Schutzregeln (Getty Images / Inti Ocon)

Lateinamerika wird zum neuen Epizentrum der Pandemie. Doch Nicaraguas Führung verordnet dem Land Normalität. Die Journalistin Gabriela Selser berichtet über den absurden Alltag in einem Land, wo das Virus angeblich keine Gefahr bedeutet.

Ich bin Gabriela Selser, ich bin Argentinierin und Nicaraguanerin und arbeite als freie Journalistin für verschiedene Medien aus Managua in Nicaragua, wo ich seit vielen Jahren lebe.

Der Fall Nicaraguas ist völlig atypisch und einzigartig in ganz Amerika. Die Regierung hat weder eine Quarantäne noch Kontaktsperren angeordnet. Der Unterricht findet weiter statt und es wird normal gearbeitet. Die 170.000 Staatsangestellten wurden verpflichtet, weiter zur Arbeit zu gehen und die 1,8 Millionen Schüler und Studenten wurden aufgefordert, persönlich am Unterricht teilzunehmen. Viele Schüler und Studenten kommen der Aufforderung jedoch nicht nach aus Angst vor Ansteckung, und das, obwohl ihnen Strafen drohen und sie sogar exmatrikuliert werden könnten.

Öffentliche Veranstaltungen demonstrieren Normalität

Die Regierung von Daniel Ortega hat öffentliche Massenveranstaltungen organisiert. Den ganzen April und Mai über fanden hunderte Veranstaltungen statt: unter anderem Boxkämpfe, Strandfeste, die sandinistischen Rathäuser haben religiöse Prozessionen abhalten lassen, obwohl die katholische Kirche davon Abstand genommen hatte. Zahlreiche Massenkundgebungen für die Regierung wurden abgehalten, eine trug den Namen "Liebe in Zeiten von Covid".

Seit zwei Wochen gibt es in Nicaragua sogenannte "Eil"-Bestattungen. Die finden nachts statt. In weiße Schutzkleidung gehülltes Personal des Gesundheitswesens bringt versiegelte Särge auf die Friedhöfe. Das sind entsetzlich makabre Szenen, die Anwohner oder Passanten mit ihren Handys aufgenommen haben und in den sozialen Netzwerken verbreiten.

Die Familienangehörigen dürfen bei den Bestattungen nicht anwesend sein, die sehr oft unter polizeilicher Aufsicht stattfinden.

Rosario Murillo sprich von einer "Pandemie des Hasses"

Die Vizepräsidentin Rosario Murillo, die Frau von Präsident Daniel Ortega, hat das alles geleugnet. Sie spricht von Falschmeldungen und hat die politischen Gegner der Regierung beschuldigt, eine "Pandemie des Hasses" zu verbreiten.

Uns Journalisten wird der Zugang zu den Friedhöfen verwehrt. Die Regierung nutzt ihren Sicherheitsapparat, um zu verhindern, dass die Toten registriert werden und dass über das berichtet wird, was sich in den Krankenhäusern abspielt.

Mehr als 600 Ärzte haben bereits mehrere Briefe an die Regierung geschrieben mit der Bitte, man möge ihnen doch persönliche Schutzausrüstung geben. Als der erste Corona–Fall Anfang März registriert wurde, hat die Regierung dem Krankenhauspersonal das Tragen von Masken und Handschuhen mit dem Argument untersagt, man dürfe keine Panik schüren oder Alarm schlagen; das sei ein Virus wie jeder andere.

Als das Schiff "Titanic" mit dem Eisberg zusammengestoßen war und schon sank, spielte das Musikorchester der 1. Klasse weiter, als wäre nichts geschehen, als wäre alles normal, obwohl die Menschen schon am Ertrinken waren. So etwas erleben wir gerade ein wenig in Nicaragua.

Aufgezeichnet von Burkhard Birke

Mehr zum Thema

Corona-Berichterstattung - Der Rassismus einiger Medien
(Deutschlandfunk, @mediasres, 26.5.2020)

Ansteckungsgefahr bei Nutztieren - Corona und das liebe Vieh
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 25.5.2020)

Türkei und Corona - Die Ängste der Landbevölkerung
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 25.5.2020)

Interview

weitere Beiträge

Frühkritik

weitere Beiträge

Buchkritik

Jhumpa Lahiri: "Wo ich mich finde"Aufbruch in neue Gefilde
Buchcover zu "Wo ich mich finde" von Jhumpa Lahiri auf orangefarbenem Aquarellhintergrund. (Rowohlt Verlag / Deutschlandradio)

Im Mittelpunkt von Jhumpa Lahiris neuem Roman steht eine Ich-Erzählerin, die ihren glanzlosen Alltag in einer namenlosen italienischen Stadt schildert. Nichts scheint das Muster der Gewohnheiten außer Kraft setzen zu können - bis die Protagonistin eine Entscheidung trifft.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur