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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.04.2020

Corona - wann ist man geheilt?Mit einem Test zurück ins normale Leben

Martin Mair im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Das Foto zeigt einen Gang der Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Dresden. (picture alliance / Sebastian Kahnert / dpa-Zentralbild / dpa)
Geheilt ist ein Covid-19-Patient frühestens 14 Tage nach den ersten Symptomen (hier die Corona-Intensivstation im Universitätsklinikum Dresden). (picture alliance / Sebastian Kahnert / dpa-Zentralbild / dpa)

Nach Schätzungen gibt es über 30.000 Menschen in Deutschland, die eine Corona-Erkrankung bereits überstanden haben. Nach allem, was wir zurzeit wissen, können sich Genesene vorerst nicht mehr anstecken. Die Hoffnungen ruhen deswegen auf dem Antikörpertest.

Liane von Billerbeck: In diesen Tagen brauchen wir auch mal gute Nachrichten, und das hier ist vielleicht eine: Nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts gibt es inzwischen mehr als 33.000 genesene Personen, die Covid-19 überstanden haben. Was es heißt, genesen oder geheilt zu sein, darüber will ich jetzt mit unserem Wissenschaftsredakteur Martin Mair sprechen. Ab wann kann ein Covid-19-Patient denn als geheilt angesehen werden?

48 Stunden keine Symptome

Martin Mair: Das Robert-Koch-Institut hat dafür die Kriterien festlegt, und geheilt ist man frühestens 14 Tage, nachdem die ersten Symptome aufgetreten sind, und geheilt ist man dann, wenn man für 48 Stunden keine Symptome hatte, die für Covid-19 stehen, also kein Fieber, keinen Husten oder aber auch nicht, dass der Geschmacks- und Geruchssinn beeinträchtigt sind. Das ist ja auch ein Zeichen für diese Erkrankung.

Wer einen schweren Verlauf hatte und im Krankenhaus war wegen einer Coronavirus-Infektion, bei dem müssen außerdem noch zwei Tests gemacht werden innerhalb von 24 Stunden, und sind die beide negativ, dann gilt man als geheilt.

Insgesamt sind das ziemlich strenge Kriterien, aber vielleicht zur Einordnung der Zahl: Es ist so eine Sache, weil die nicht an die Gesundheitsämter gemeldet wird. Das Robert-Koch-Institut begründet das damit, dass es sagt, der Aufwand wäre viel zu groß, das alles nachzuverfolgen. Und deswegen muss man ein bisschen zurückhaltend sein, diese Zahl hat also durchaus auch eine hohe Schätz-Komponente.

von Billerbeck: Und sind die Personen, die dann als geheilt gelten, ganz sicher auch nicht mehr ansteckend?

Die Antikörper bleiben im Blut

Mair: Die Wissenschaft ist ja mit dem Begriff "ganz sicher" zurückhaltend, und deswegen würden Virologen auf die Frage, ist das so, sagen: mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit. Ich übersetze es aber mal mit "ja". Alle Daten, die wir bisher haben, deuten darauf hin, dass jemand, der eine Erkrankung mit dem Coronavirus durchgemacht hat und geheilt wird – das macht der Körper ja selbst, indem er Antikörper bildet, diese Antikörper bleiben im Blut und das heißt, man kann sich dann nicht ein zweites Mal anstecken und man kann die Krankheit auch nicht übertragen.

Die spannende Frage ist: Wie lange hält dieser Schutz unserer eigenen Immunabwehr an? Und das kann man nicht genau sagen, da hat man nur Vermutungen aufgrund von anderen Coronaviren, die es gibt. Das Coronavirus ist ja eine große Familie von Viren, und bei anderen Viren weiß man, dass diese Antwort des Immunsystems so zwei bis fünf Jahre hält, also vermutlich ist dieser Schutz dann tatsächlich auch längere Zeit gegeben.

Coronavirus-Newslettervon Billerbeck: Bei der hohen Zahl an Erkrankten, die nur wenige oder sogar gar keine Symptome haben: Könnte hier der Antikörpertest für mehr Klarheit sorgen? Wie weit ist man damit?

Das Virus indirekt nachweisen

Mair: Ja, er könnte auf jeden Fall für mehr Klarheit sorgen, denn bei den Tests, die man im Moment macht, ist es ja so, dass man das Virus direkt nachweist. Das heißt, dieser Test schlägt an, wenn das Virus im Körper ist und man akut erkrankt ist, und dann kann man ganz zuverlässig sagen: Das ist eine Coronavirus-Infektion.

Beim Antikörpertest geht man einen anderen Weg, und zwar weist man das Virus indirekt nach, indem man eben diese Antikörper nachweist, die unser Körper bildet. Das würde für die Medizin wichtige Daten geben, weil man im Moment das Problem mit einer Dunkelziffer hat, wir wissen nicht so genau, wie viele Menschen sind tatsächlich infiziert mit dem Coronavirus.

Es gibt solche Antikörpertests auch schon, aber die sind noch nicht so 100-prozentig spezifisch, das heißt, womöglich schlagen die auch bei anderen Virustypen an. Und deswegen ist das noch immer in Entwicklung. Da laufen aber Tests und man kann davon ausgehen, dass das tatsächlich etwas ist, was in den nächsten Monaten - vielleicht geht es sogar schneller - mit großer Wahrscheinlichkeit dann gemacht werden kann.

von Billerbeck: Nun habe ich ja gesagt, wir brauchen alle gute Nachrichten in diesen Tagen, und die Zahl der Geheilten klingt ja erst mal nach einer guten Nachricht. Trotzdem will ich noch ein bisschen Wasser in den Wein gießen: Gibt es denn Untersuchungen, ob die Krankheit, wenn man sie überstanden hat, auch längerfristige Folgen haben kann?

Der Großteil der Fälle verläuft harmlos

Mair: Im Moment gibt es noch keine verlässlichen Daten dazu, weil das Virus ja etwas ist, was sehr neu ist und erst vor wenigen Monaten bei Menschen aufgetreten ist. Es gibt aber einzelne Beschreibungen von Ärzten. Der Großteil der Fälle verläuft harmlos, zum Teil merken die Menschen es möglicherweise gar nicht, weil sie es vielleicht mit einem normalen Schnupfen verwechseln.

Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass es in Deutschland noch jemanden gibt, der vom Coronavirus nichts gehört hat, aber womöglich ist da auch jemand, der einfach zu Hause bleibt und einen normalen Schnupfen durchmacht und das dann am Ende vorbei sein wird. Bei den Patienten, die im Krankenhaus sind und beatmet werden müssen, ist es tatsächlich so, dass geheilt völlig folgenlos bedeutet.

Das liegt natürlich auch daran, dass diese schweren Verläufe ja häufig mit Vorerkrankungen zu tun haben, und deswegen gibt es durchaus auch Fälle, wo Mediziner beschreiben, dass schwere Verläufe auch Folgeschäden haben, also dass zum Beispiel die Kapazität der Lunge, wie gut sie Sauerstoff aufnehmen kann und wie gut man atmen kann, danach nicht wieder so ist, wie es davor war.

von Billerbeck: Das Geheilt-Sein oder die Geheilten in der Gesellschaft, könnten die auch dafür sorgen, dass man über eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen nachdenkt, nach dem Motto: Wer gesund ist, der kann wieder arbeiten gehen, muss keine zwei Meter Abstand halten?

Wer war infiziert, wer ist immun?

Mair: Ja, absolut, das ist eine ganz wichtige Frage. Also zum einen ist es natürlich beruhigend für den Einzelnen, wenn er weiß, ich kann mich nicht mehr anstecken, weil es zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Aber es ist für uns alle natürlich auch wichtig bei der Frage, wie kehren wir wieder und wie schnell kehren wir wieder in ein normales Leben zurück?

Dafür muss man diese Frage eben beantworten können: Wer ist schon infiziert gewesen und deswegen immun? So lange diese Antikörpertests vielleicht auch bei einem anderen Virustyp anschlagen, ist das noch nichts, was uns rettet, aber tatsächlich eine große Hoffnung, auf die Wissenschaftler setzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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