Seit 20:03 Uhr Konzert
Freitag, 05.03.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Kommentar / Archiv | Beitrag vom 17.04.2020

Corona und die SupermarktwerbungMitarbeiterlob zu Marketingzwecken

Von Ramona Westhof

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Kassiererin arbeitet unter einer Plastikfolie, um sich vor Coronaviren zu schützen. (dpa / Frank Molter)
Arbeiten unter Plastikfolie: Mitarbeiter in Supermärkten sind in der Coronakrise besonderen Belastungen ausgesetzt. (dpa / Frank Molter)

Supermarktketten entdecken ihre menschliche Seite: Auf Plakaten und in Werbespots danken sie ihren Mitarbeitenden für das tolle Engagement. Bessere Arbeitsbedingungen? - Gibt es nicht, doch sie wären die bessere Botschaft, kommentiert Ramona Westhof.

Unbezahlte Überstunden, zu wenig Personal für zu viel Arbeit, 14-Stunden-Tage, die auf die Gelenke gehen, Schlafstörungen. Das haben Medien letztes Jahr über die Arbeit im Discounter berichtet.

Und 2020? – 2020 ist vieles anders, weiß auch Edeka: "Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Menschen." Wen genau? Ah, da kann zum Glück Penny weiterhelfen: "…die in dieser Ausnahmesituation alles geben, um die Nachbarschaft verlässlich zu versorgen."

Puh. Noch einmal Glück gehabt. Gut, dass es die Discounter gibt! Ah Moment, da kommt noch was von Aldi: "Deshalb danken wir unseren Mitarbeitern. Und euch, dass ihr für andere da seid."

Supermarktgutscheine – statt besserer Arbeitsbedingungen

Wird es Ihnen da nicht auch ein bisschen warm ums Herz? Bei so viel Engagement? Vielleicht beim nächsten Supermarktbesuch die Frau an der Kasse einfach mal ganz fest umarmen. Und dem Kollegen, der die Pfandautomaten leert, einen dicken Kuss auf die Wange drücken. Ach nein, besser nicht. 1,50 Abstand und so.

Coronavirus-NewsletterDie Discounter haben sich darum etwas anderes überlegt, um ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ganz groß Danke zu sagen: einen Supermarktgutschein. Und das ist jetzt kein Scherz. Aldi und Lidl zahlen ihren Mitarbeitenden bis zu 250 Euro als Gutschein aus. Das hat steuerliche Gründe, heißt es bei Aldi.

Umgerechnet sind das 555 Packungen Nudeln, 125 Flaschen Wein – oder ungefähr 83 große Packungen Klopapier.

Das ist kein humanitärer Einsatz, das ist ein Job

Französische Supermärkte zahlen ihren Mitarbeitenden bis zu 1000 Euro Prämie. Und deutsche Discounter? Die geben das Geld lieber für Werbespots aus. Die Agenturen, die hinter den Hochglanzkampagnen stecken, haben sich sicher nicht in 714 Kilo Lidl-Mehl bezahlen lassen.

Und auch die Mitarbeitenden hätten sicher lieber bessere Arbeitsbedingungen als Gutscheine und warme Worte.

Mehr Betriebsräte, bezahlte Überstunden, höherer Stundenlohn. Das hält auch bis nach der Krise, wenn die große Dankbarkeit vorbei ist – und wir wieder alle ohne schlechtes Gewissen den Regaleinräumer anschreien.

Wer im Supermarkt arbeitet, macht das nicht aus purer Nächstenliebe, sondern um die Miete zu bezahlen. Das ist kein humanitärer Einsatz, das ist ein Job. Und wenn der kacke bezahlt ist, dann ist das halt kacke. Vielleicht kann man das mal auf Werbeplakate schreiben. Nachhaltiger wäre das auf jeden Fall.

Mehr zum Thema

Reinhard Loske über Nachhaltigkeit nach Corona - "Reine Orientierung am Konsum ist eine Fehlsteuerung"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 17.04.2020)

Corona als "Seniorenseuche" - Ein rissiger Mantel der Fürsorglichkeit
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 17.04.2020)

Bestseller-Autorin Cornelia Funke - Corona als Quelle der Inspiration
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 17.04.2020)

Kommentar

CoronamaßnahmenPolitiker, verlängert den Lockdown!
Sicherheitsmaßnahmen zur Abstandswahrung mit getrenntem Eingang und Ausgang vor einem geöffneten Geschäft in der Einkaufsstraße und Fußgängerzone Zeil der Innenstadt von Frankfurt am Main. (IMAGO / Ralph Peters)

Die meisten von uns haben die Nase voll von den Coronabeschränkungen im Alltag. Unser Autor dagegen ist genervt von Politikerinnen und Politikern im Wahlkampfmodus, die zu früh Lockerungen versprechen, obwohl alle Zahlen dagegen sprechen.Mehr

Corona-RegelnWeihnachten bewegt alle
Bunte Weihnachtskugeln am Weihnachtsbaum (picture-alliance/Russian Look/Global Look Press/Victor Lisitsyn)

Die politische Debatte über die erleichterten Coronaregeln an den Feiertagen zeigt, dass Weihnachten die Seelen bewegt. Die Kirchen hätten dieses Jahr eine besondere Chance, ihre Mitglieder und alle anderen zu erreichen, meint unser Autor. Mehr

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur