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Im Gespräch | Beitrag vom 25.04.2020

CoronaRückenwind für das bedingungslose Grundeinkommen?

Adrienne Goehler und Ursula Weidenfeld im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Zwei Hände reichen in Richtung des Betrachters mehrere Euro-Banknoten. (Christian Dubovan / Unsplash)
In der Coronakrise wird die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens noch populärer als zuvor. Aber löst es die Probleme, die es lösen soll? (Christian Dubovan / Unsplash)

Geld für alle vom Staat – ohne Gegenleistung? Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen bekommt in der Coronakrise neuen Schwung. Ist es das Mittel gegen Armut, Ungerechtigkeit und für eine solidarischere Wirtschaftsordnung? Diskutieren Sie mit!

Die Corona-Pandemie stürzt viele Menschen in wirtschaftliche Probleme. Das IAB-Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit rechnet mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf mehr als drei Millionen und mit bis zu 2,5 Millionen Kurzarbeitern. Besonders unter Kleinunternehmern, Start-ups und Solo-Selbständigen droht eine Pleitewelle.

Grundeinkommen als Menschenrecht und Möglichkeitsraum

"Es ist High Noon für das bedingungslose Grundeinkommen", sagt Adrienne Goehler. Die Psychologin, Publizistin und Kuratorin setzt sich seit langem für dessen Einführung ein; sie nennt es auch "Grundauskommen": "Weil es den Bezug herstellt zu dem individuellen Menschenrecht und dem Gedanken daran, was man zum Leben braucht." Für die ehemalige Berliner Kultursenatorin ist das Grundein- oder Auskommen "ein Menschenrecht, ein Gestaltung- und Möglichkeitsraum."

Die Corona-Krise zeige deutlich, dass wir so nicht weitermachen dürfen: "Wir schaffen‘s nicht mehr mit den alten Modellen, die uns gerade an den Abgrund bringen! Wir müssen Corona und Klimawandel und die Angst der Menschen, ins Nichts zu stürzen, zusammendenken. Um zu der wichtigen ökologischen Transformation beitragen zu können, müssen wir die Möglichkeit kriegen, ein Leben führen können, das nachhaltig und entschleunigt ist. Und das geht am besten mit einem Grundeinkommen." Adrienne Goehler hat dazu einen Sammelband herausgegeben, der gerade im Parthas-Verlag erschienen ist; sein Titel: "Nachhaltigkeit braucht Entschleunigung braucht Grundein/auskommen".

Grundsicherung ja – Grundeinkommen nein!

"Ich finde gut, dass wir über Formen der Grundsicherung reden", sagt die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld. "Aber über eine Sicherung mit einer Bedingungslosigkeit zu diskutieren, halte ich für falsch." Gutverdienende hätten die Unterstützung schlicht nicht nötig. "Und hinter einem bedingungslosen Grundeinkommen steht notwendigerweise die Frage: Was geben wir auf? Wenn wir sagen: Jeder hat 800 oder 1000 Euro, dann muss etwas anderes aufgeben werden." Bei einigen Modellen fielen jegliche Sozialleistungen weg, wie Kindergeld, Renten- oder Krankenversicherung. "Dann hat man zwar ein elegantes Modell, aber was macht der, der auf einen Fahrdienst angewiesen ist, weil er an die Dialyse muss?" 

Die Frage müsse eher sein: "Wie findet man Instrumente der Grundsicherung, die nicht entwürdigend sind? Man muss den Menschen das Gefühl nehmen, sie bekommen Almosen – und das haben wir in der letzten Zeit nicht gemacht." Es gebe effektivere und treffsichere Methoden als das bedingungslose Grundeinkommen, so Ursula Weidenfeld: zum Beispiel eine negative Einkommenssteuer – und das von vielen auch zu Recht kritisierte Hartz IV. "Da kann man viel im System tun."

(sus)

Corona: Rückenwind für das bedingungslose Grundeinkommen?
Darüber diskutiert Vladimir Balzer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit der Grundeinkommen-Aktivistin Adrienne Goehler und der Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de.

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