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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2020

Corona-LockdownHandelt die Politik planvoll oder fahrlässig?

Alena Buyx und Gerd Antes im Gespräch mit Gabi Wuttke

Geschlossene Geschäfte und leere Fußgängerzone in Bamberg (picture alliance / Fotostand | Fotostand / K. Schmitt)
Um die Coronavirus-Pandemie einzudämmen, schließen ab Mittwoch die meisten Geschäfte. (picture alliance / Fotostand | Fotostand / K. Schmitt)

Ab Mittwoch steht das öffentliche Leben wieder still. Die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, begrüßt die neuen Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung. Medizinstatistiker Gerd Antes spricht dagegen von einer undurchdachten "Panikreaktion" der Politik.

"Insgesamt sind wichtige Entscheidungen getroffen worden heute, die ich wirklich mit vollem Herzen unterstütze", sagt Alena Buyx. Sie ist Professorin für Medizinethik an der Technischen Universität München und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. Von kommendem Mittwoch bis zum 10. Januar sollen die meisten Geschäfte schließen, außerdem soll der Präsenzunterricht an den Schulen ausgesetzt werden.

"Wir kommen hier nur gemeinsam raus"

Das Wichtigste sei nun, so Buyx, das öffentliche Leben so weit wie möglich herunterzufahren. Dabei komme es auf jede und jeden einzeln an. Das Gesundheitssystem sei schon jetzt "wirklich an der absoluten Kante dessen, was noch gerade so geht". Denjenigen, die auf Intensivstationen arbeiteten, stehe das Wasser bereits bis zum Hals, sagt die Medizinethikerin. Für diese müsse man sich schon jetzt zurücknehmen. "Was jedem vor Augen stehen sollte: Man macht das nicht für sich, sondern man macht das primär für andere", sagt Alena Buyx.

Alena Buyx (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, findet die neu beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung richtig. (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)
"Und ich glaube, da ist gerade die Weihnachtszeit eine wirklich gute Zeit, dass uns das allen klar ist, dass wir hier nur gemeinsam herauskommen. Und wir nur dann, wenn es wieder gelingt, die Pandemie in den Griff zu bekommen, auch darüber nachdenken können, wie wir in die nächsten Monate kommen, wie wir das gesellschaftliche Leben wieder aufleben lassen können, und alle dann hoffentlich auch gemeinsam im Frühjahr und im Sommer mehr Freiheit haben können."

"Politik im Blindflug"

Ganz anders sieht das Gerd Antes. Er ist Mathematiker und Medizinstatistiker und war 2009 Mitglied der Ständigen Impfkommission, als es um die Eindämmung der Schweinegrippe ging. Er kritisiert die Politik dafür, den Sommer nicht für die Erhebung von Daten über das Infektionsgeschehen oder für das Erstellen von stringenten Konzepten genutzt zu haben.

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Insofern nennt er die neuesten Beschlüsse konsequent nur im Sinne einer "wiederholten Panikreaktion auf das, was wir an den Zahlen in den Krankenhäusern sehen", aber "durchdacht, sinnvoll und mit einem klaren Ziel" seien sie nicht. Man reagiere nur noch ad hoc und sei nun genau an dem Punkt angelangt, von dem es noch im Frühling geheißen habe, dass man ihn unbedingt vermeiden wolle: raus aus dem Lockdown und rein in den Lockdown, so Antes. Der Medizinstatistiker vermisst eine Exitstrategie.

Der Medizinstatistiker Gerd Antes. (Gerd Antes)Der Medizinstatistiker Gerd Antes wirft der Politik grobe Versäumnisse vor. (Gerd Antes)
Im März hatte die Bundeskanzlerin die Bekämpfung der Pandemie als die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Gemessen daran habe die Politik durch ihre vielen Versäumnisse fahrlässig gehandelt, sagt der Mathematiker – "und das büßen wir jetzt".

Im Januar droht schon das nächste böse Erwachen, wie Antes erklärt, dann nämlich, wenn die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nicht auf unter 50 sinkt. "Und deswegen haben wir jetzt auch etwas, was nicht mal Sichtflug ist, sondern Blindflug."

(ckr)

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