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Sein und Streit | Beitrag vom 21.06.2020

Corona, Klima und KapitalismusDie Krisen an der Wurzel packen

Von Constantin Hühn

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Rauch steigt zwischen abgeholzten Baumstümpfen empor. (picture-alliance / Ardea / Nick Gordon )
Brandrodung im Regenwald: Was dem Klima schade, steigere auch das Risiko von Pandemien, warnt Andreas Malm. (picture-alliance / Ardea / Nick Gordon )

Covid-19 und die Klimakrise haben gemeinsame Ursachen: etwa die weltweite Abholzung. Deshalb seien weitere Pandemien zu erwarten, sagt der schwedische Philosoph Andreas Malm. Als Gegenmittel fordert er einen „Öko-Leninismus“.

"Es war schon eine Erleichterung, aus Berlin, wo fast alles dicht war, zurück nach Malmö zu kommen, wo es gar keinen Lockdown gab: Plötzlich sind da überall Leute, du kannst mit den Kindern auf den Spielplatz. Das hab ich als enorme Befreiung empfunden", erzählt der schwedische Philosoph Andreas Malm. Malm ist also kein Freund von Freiheitsbeschränkungen. Trotzdem skizziert er in seinem Buch einen "Öko-Leninismus" als einzigen Ausweg aus unserer krisengeplagten Gegenwart.

Die Coronakrise ist menschengemacht

Für Malm ist die Coronapandemie kein zufälliges Ereignis, sondern ebenso menschengemacht wie die Klimakrise. Pandemien würden, wie auch andere Wissenschaftler prognostizieren, immer häufiger auftreten. Diese Zunahme von Pandemien und die Klimakrise haben laut Malm im Kern gemeinsame Ursachen: Das ungebremste Eingreifen des globalen Kapitalismus in natürliche Ökosysteme.

"Man kann die kapitalistische Logik in der Entstehung dieser Krankheiten nachweisen: Der Kapitalismus muss immerzu wachsen – das bedeutet, dass er permanent seinen materiellen Umsatz steigert. Und dafür muss er auch immer mehr Natur, Regenwälder und wilde Tiere in Waren verwandeln, die man auf einem Markt verkaufen kann."

Raubbau am Wald fördert Verbreitung von Krankheiten

Dadurch erhöhe sich der Kontakt zwischen Menschen und tierischen Krankheitserregern. Über globale Warenströme haben es diese leicht, sich in kürzester Zeit rund um die Welt auszubreiten. Als Hauptursache für die Zunahme von Pandemien sieht Malm aber ein Phänomen, das auch eine wesentliche Ursache für den menschengemachten Klimawandel ist:

"Es ist diese extrem schnelle Abholzung der Tropen, die die Wissenschaft als die Hauptursache für die Zunahme ansteckender Krankheiten ansieht."

Ursachen statt Symptome bekämpfen

Die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, die Lockdowns und Freiheitseinschränkungen in zahlreichen Ländern, bekämpfen in Malms Augen aber gerade nicht die Triebkräfte der Corona- und Klimakrise, sondern nur ihre Symptome:

"Mein Argument ist: Wenn wir uns nie um die Ursachen der Pandemien und der Klimakatastrophen kümmern, dann werden wir in eine Krise nach der anderen geraten. Es sei denn, die Staaten wenden ihre Maßnahmen endlich auf die Verursacher selbst an. Und damit meine ich nicht solche repressiven Maßnahmen wie im Lockdown. Aber das heißt schon, dass wir die Produktions- und Konsumformen, die diese Krisen verursacht haben, regulieren müssen."

Gegen die "Diktatur" des fossilen Kapitals

Dieser Perspektivwechsel von Symptomen zu Ursachen ist es, den Malm – in provokanter Absicht – mit dem Begriff des "Öko-Leninismus" bezeichnet. Dabei geht es Malm, wie er mehrfach betont, keineswegs um die Einrichtung einer autoritären Planwirtschaft, sondern um gezielte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Und dafür hat der Philosoph eine Reihe von Vorschlägen.

So fordert er etwa die Staaten auf, "alle Unternehmen, die fossile Energieträger herstellen, zu verstaatlichen und die fossile Produktion zu beenden. Stattdessen sollten sich diese Unternehmen dann der Verringerung von CO2 in der Atmosphäre widmen. 'Wäre das ein Weniger oder ein Mehr an Demokratie?' Nun, ich würde sagen, es wäre eine massive Erweiterung der Demokratie, wenn man eine Diktatur abschafft – und es ist eine Art Diktatur, die das fossile Kapital derzeit über das Schicksal der Erde ausübt."

Kein Recht auf grenzenlosen Konsum

Es gehe ihm keineswegs um einen Verzicht auf jeglichen Luxus, betont Malm. Zumindest eine Begrenzung des Konsums schwebt ihm aber durchaus für Produkte wie Schokolade und Kaffee vor, wenn diese einen großen Anteil an der Abholzung der Regenwälder hätten – und das, obwohl er selbst passionierter Kaffeetrinker ist:

"Wenn der Konsum dieser Güter (wie es scheint) die Abholzung in Westafrika vorantreibt, dann sehe ich keinen Grund, warum wir ein Recht haben sollten, diesen Konsum unbegrenzt fortzusetzen. Ich sage das nicht, weil ich denke, dass Abstinenz oder Genügsamkeit an sich einen Wert darstellen. Aber es gibt materielle Grenzen in dieser Welt – und diese Grenzen kommen immer näher."

Corona zeigt: Regulierung kann populär sein

Malms Kalkül ist: lieber dauerhaft eine gezielte Regulierung als regelmäßige Lockdowns und dramatische Effekte einer sich weiter verschärfenden Klimakrise. Dass solche Eingriffe in die Wirtschaft durchaus akzeptiert werden könnten, das habe doch gerade die aktuelle Pandemie gezeigt:

"Staatliche Eingriffe in Märkte gehen nicht notwendig mit einem Verlust an Zustimmung einher. Im Gegenteil, es kann genau andersherum sein: Die Leute sind zu Einschränkungen bereit, wenn die Politiker ihnen überzeugend vermitteln, dass es sich um einen Notfall handelt."

Andreas Malm: "Corona, Climate, Chronic Emergency. War Communism in the Twenty-First Century"
Verso Verlag, London/New York
160 Seiten, erscheint im Herbst 2020

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