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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.10.2020

Corona-EinschränkungenEin Albtraum, aber alternativlos

Ein Kommentar von Stefan Keim

Der Eingang zum geschlossenen Gartenbaukino in Wien, darüber hängt ein Plakat: "We'll meet again. Don't know where, don't know when" (picture alliance / dpa / Willfried Gredler-Oxenbauer)
Trotz strengster Hygienekonzepte werden Kultureinrichtungen geschlossen. (picture alliance / dpa / Willfried Gredler-Oxenbauer)

Erneut werden Theater, Opern und Konzerthäuser geschlossen. Damit Kultur in Zukunft nicht nur als hübscher Zeitvertreib angesehen werde, solle die Zeit genutzt werden, um Lobbyarbeit zu leisten, meint Stefan Keim.

Natürlich ist es Unsinn, die Theater, Kinos und Konzertsäle zu schließen. Alle mir bekannten Häuser haben überzeugende Hygienekonzepte und viel Geld in gute Belüftungsanlagen investiert. Außerdem ist weiterhin kein einziger Fall einer Infektion während des Besuchs einer Kulturveranstaltung bekannt.

Die Schließung zur Bekämpfung der Pandemie wirkt so sinnvoll, wie sich das Knie einzureiben, wenn man Zahnschmerzen hat. Außerdem wird ein riesiger Wirtschaftszweig, der ohnehin schon stark getroffen ist, weiter in Richtung Abgrund getrieben. Mal davon abgesehen, dass sich Künstlerinnen und Künstler erneut wie der letzte Dreck behandelt fühlen, die im Zweifel nicht systemrelevant sind, also hübscher Schnickschnack.

Die Lage ist bedrohlich

Das alles stimmt, und dennoch fällt es mir schwer, die neuen Schutzmaßnahmen zu verdammen. Die Zahlen sind extrem hoch, die Lage scheint bedrohlich, auch wenn man auf die Entwicklungen in manchen Nachbarländern schaut. Natürlich ist es undifferenziert, Kulturveranstaltungen mit Partys, Theater mit Bordellen gleichzubehandeln.

Aber ein Besuch besteht ja nicht nur darin, reinzugehen, Kunst zu genießen und sofort wieder nach Hause zu verschwinden. Die Begegnung, das Gespräch gehören zum Theater- und Konzerterlebnis unbedingt dazu. Und natürlich bleibt man stehen, unterhält sich, kommt in Kontakt.

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Wenn alle anderen gesellschaftlichen Aktivitäten herunter gefahren werden, ist es schwer zu vermitteln, warum die Kultur eine Ausnahme machen soll. Es gibt schon rationale Gründe, aber in diesem Moment geht es nicht nur um Logik. Ohne Solidarität kann so ein Lockdown nicht funktionieren.

Wenn aber wieder von Künstlerinnen und Künstlern wie von einigen anderen Berufsgruppen diese Solidarität gefordert wird, darf man sie nicht allein lassen. Es müssen neue, schnelle und unbürokratische Überbrückungshilfen beschlossen werden. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat das bereits zugesagt. Und die Politik muss zusammen mit den Veranstaltern ein Konzept entwickeln, wie es in Zukunft weiter gehen wird.

Wo bleibt die Kulturlobby?

Denn das Virus wird auch im Dezember nicht verschwunden sein. Die Künstlerinnen und Künstler müssen eine starke Interessenvertretung bilden. Sie werden bisher kaum gehört, weil sie keine Lobby haben. Lobbyismus gilt vielen Kulturtreibenden als unkünstlerisch und korrupt, ist aber eine Notwendigkeit.

Denn die Politikerinnen und Politiker reagieren auf Druck und brauchen Menschen mit Sachkenntnis, denen sie im besten Fall vertrauen können. Solche Strukturen aufzubauen, ist schon seit Jahrzehnten dringend erforderlich.

Künstlerinnen und Künstler sollten den erzwungenen Stillstand nutzen, um eine starke Organisation zu entwickeln, die ihre Interessen vertritt. Das ist viel sinnvoller, als sich in Onlineaktivismus zu stürzen und das Publikum mit Streamingangeboten zu überschütten.

Die Kultur muss stärker wahrgenommen werden, ihrem Rang entsprechend, in den Medien und in der Politik. Dafür sorgen, dass das geschieht, müssen die Künstlerinnen und Künstler selbst.


Der Jazz-Trompeter Till Brönner hat die Politik zu nachhaltiger Hilfe aufgerufen. Er verstehe, dass Sicherheit vorgehe, aber die Allgemeinheit müsse helfen, damit die Kulturbranche nach Corona noch existiere, sagte der Künstler:

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