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Weltzeit | Beitrag vom 25.08.2020

Corona auf den PhilippinenDie Politik des Präsidenten bringt Hunger und Angst

Von Holger Senzel

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An Obdachlose werden auf einer Straße in Manila Essen und Maske verteilt. (laif / The New York Times / Jes Aznar)
In Manila werden Essen und Masken an Obdachlose verteilt. Die Schwächsten der Schwachen hat Corona auch auf den Philippinen mit am härtesten getroffen. (laif / The New York Times / Jes Aznar)

Bis zu 5000 Neuinfektionen gibt es auf den Philippinen täglich, so viele wir nirgendwo sonst in Südostasien. Dem Gesundheitssystem und der Wirtschaft droht der Zusammenbruch. Die Menschen sind in der Not auf sich allein gestellt.

Dicht an dicht drängen sich die Menschen um provisorische Verkaufsstände in Manilas Stadtteil Quezon. Und dann plötzlich stürmen Polizisten in Tarnanzügen mit Sturmgewehren durch die engen Gassen. Scheuchen Menschen in ihre Hütten zurück oder legen ihnen Handfesseln an. Tausende wurden inzwischen festgenommen, weil sie gegen die strengen Pandemieregeln verstoßen haben.

Ein Betrunkener ohne Maske und ein psychisch Kranker, der bei der Kontrolle in seine Tasche griff, wurden von der Polizei erschossen. Präsident Rodrigo Duterte hatte den Sicherheitskräften zuvor quasi einen Freibrief erteilt und hartes Durchgreifen angedroht:

"Meine Befehle an Polizei und Militär sind: Wenn es Ärger gibt oder sie sich widersetzen, Euch bedrohen: Schießt sie tot. Meine Soldaten werden nicht zögern, zu schießen. Und sie werden nicht zögern, Euch festzunehmen. Und wenn Ihr eingesperrt seid, werde ich es Euch selbst überlassen, Essen zu finden."

Längster und härtester Lockdown der Welt

Lange hatte Duterte das Virus nicht ernst genommen, dann von einem auf den anderen Tag das Land quasi dichtgemacht. Ausgangssperre, Alkoholverbot, geschlossene Geschäfte und Restaurants, Flüge und Nahverkehr eingestellt – von April bis Juni erlebten die Philippinen den längsten und härtesten Lockdown der Welt. Nur widerwillig folgten viele den Anordnungen. "Denn wenn wir zu Hause bleiben, verhungern wir", klagt die Obstverkäuferin Jocelyn Villanueva:

"Ich habe keine Hilfe von der Regierung bekommen. Keinen einzigen Peso. Also muss ich auf die Straße gehen, um Obst zu verkaufen."

Als die Einschränkungen im Juni wieder gelockert wurden, gab es in dem 100-Millionen-Inselstaat 27.000 Covid-19-Infektionen. Inzwischen sind es über 190.000 Fälle und Tag für Tag kommen vier- bis 5000 dazu. Seit dem 3. August sind daher große Teile der Philippinen erneut im Lockdown.

Das Gesundheitssystem ist ohnehin marode, die Kliniken sind überlastet, Krankenhäuser mussten schließen, weil das Personal sich infiziert hatte. Viele Philippiner haben keine Krankenversicherung, weil sie zu arm sind. Die Geschäftsfrau Kara Alikpala ist zwar krankenversichert, aber viel nützt ihr das in dieser Pandemie auch nicht.

"Eine Schlacht, die kaum zu gewinnen ist"

"Die Tests sind sehr teuer, sodass sich viele die nicht leisten können. Und die Krankenversicherung deckt Kosten im Zusammenhang mit Covid-19 nur teilweise ab. Insofern sind wir auf uns selbst gestellt, um einen Feind zu bekämpfen, den wir nicht sehen können. Eine Schlacht, die kaum zu gewinnen ist und nicht zu bezahlen."

Ein Priester segnet die Armen und Kranken in Caloocan, Philippinen. (laif / The New York Times / Jes Aznar)"Es ist eine traurige und beängstigende Zeit." (laif / The New York Times / Jes Aznar)

Das öffentliche Leben in Manila liegt zum zweiten Mal brach in Folge der Pandemie. Müllsammler Virgilio Estuesta musste sein Fahrrad verkaufen, um nicht zu hungern – sein Firmenkapital. Mit dem Fahrradanhänger sammelt der 60-Jährige Blechbüchsen, Altmetall, Altpapier und Plastik in den Straßen Manilas. Zwischen 47 Cent und neun Dollar bekommt er für eine voll beladene Karre – in guten Zeiten. Aber die sind vorbei.

"Alle in meiner Familie haben ihren Job verloren. Mein Geschäft läuft auch nicht mehr, weil die meisten Müllläden geschlossen haben, an die ich sonst meine Ausbeute verkaufe. Ich habe keine Ahnung, wie es weiter geht, wir sind alle sehr verzweifelt."

Hilfsbedürftige campieren in Stadien und auf Flughäfen

Erstmals seit Jahrzehnten steckt das aufstrebende Schwellenland in einer tiefen Rezession, die Wirtschaft der Philippinen kollabiert. 27,3 Millionen Philippiner sind arbeitslos, das entspricht einer Quote von 45 Prozent, und die Zahlen steigen weiter. Viele Philippiner leben von der Unterstützung ihrer Familienmitglieder, die im Ausland als Krankenschwestern, Bauarbeiter oder Seeleute arbeiten.

Zwei Millionen sind es insgesamt, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Doch viele von ihnen haben ebenfalls ihre Jobs verloren. In Stadien, Bahnhofshallen und Flughafengebäuden Manilas campieren Hilfsbedürftige – soziale Sicherungsnetze gibt es nicht. Umgerechnet 163 Dollar als einmalige Soforthilfe hat die Regierung versprochen, doch die Verteilung funktioniert nicht.

Wer kann, verlässt die Hauptstadt Manila

Kara Alikpana verlässt aus Angst vor Ansteckung ihre Wohnung nicht mehr: "Es ist eine traurige und beängstigende Zeit. Viele Menschen hungern. Ich selbst habe sechs Freunde durch Covid verloren, und viele haben sich angesteckt. Andere sterben, weil sie wegen Covid Angst haben, ins Krankenhaus zu gehen. Oder sie können sich keine Behandlung leisten. Bürogebäude, Einkaufszentren und Restaurants sind leer und dunkel – selbst Banken, Apotheken und Supermärkte sind dicht. Jeder scheint es eilig zu haben, aus Manila wegzukommen."

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Ein Exodus hat eingesetzt aus der 14-Millionen-Metropolregion, nur raus aus Manila ist die Devise. Abertausende machen sich auf den Weg zurück in ihre Heimatprovinzen in der Hoffnung, dass das Elend dort erträglicher ist. Doch bevor die Menschen mit Bussen und Fähren aufs Land gebracht werden, müssen sie eine Reiseerlaubnis beantragen und sich testen lassen.

In einem Fußballstadion in Manila belagern die Reisewilligen provisorische Schalter, Tausende weitere warten in langen Schlangen vor den Toren auf Einlass. Positiv Getestete werden mit Lastwagen der Küstenwache in Isolierzentren gebracht. Verstorbene werden noch am Todestag verbrannt, damit sich Angehörige nicht auf der Trauerfeier mit dem Virus anstecken.

Der Präsident hat keine Strategie gegen Corona

Trotzdem steigen die Zahlen weiter, der Inselstaat bekommt die Pandemie nicht in den Griff. Statt mit Aufklärung regiert der Präsident mit Furcht. Die Menschen setzen Masken auf und bleiben zu Hause, weil sie Angst haben vor den schwerbewaffneten Polizeipatrouillen. Doch sobald die Soldaten weg sind, nehmen viele ihre Masken wieder ab und versammeln sich in großen Gruppen. Niemand habe sich die Mühe gemacht, den Philippinern zu erklären, warum die Regeln notwendig seien, meint Harvey Tomines von der Nachbarschaftshilfe in Quezon.

"Ganz klar, die Regierung hat es verbockt. Diese ganzen neuen Regeln und Einschränkungen verstehen viele Menschen einfach nicht. Die Menschen haben einfach Hunger, und sie haben Angst. Außerdem ist es unmöglich, alle Regeln zu befolgen. Abstandsregeln in den überfüllten Slums? Wie soll das gehen? Ich sehe wirklich schwarz und fürchte, das Schlimmste steht uns noch bevor."

Am Ende schafft das Coronavirus, was allen Kritikern und Menschenrechtsaktivisten über Jahre misslungen ist: Die Unzufriedenheit mit der Regierung wächst. Rodrigo Duterte hatte bis vor Kurzem auf den Philippinen noch Zustimmungsraten von über 80 Prozent, auch wenn er international wegen seines blutigen Antidrogenkrieges schon lange ein Paria ist. Über 20.000 Drogendealer, Verdächtige und Süchtige wurden während seiner Präsidentschaft von Todesschwadronen ermordet oder von der Polizei erschossen. Oft starben auch völlig Unbeteiligte im Kugelhagel. 

Duterte setzt jetzt auf den neuen russischen Impfstoff

Die Philippinen haben sich seit Langem als Rechtsstaat verabschiedet, doch die Mehrheit ihrer Bürger wusste zu schätzen, dass die Straßen sicherer geworden waren. Dass Duterte kritische Fernsehsender schließen und Kritiker verfolgen ließ und dass er keines der großen Probleme – Armut, Infrastruktur, Gesundheitswesen – löste, fiel darüber wenig ins Gewicht.

Corona hingegen offenbart nur allzu deutlich die Hilflosigkeit des zunehmend autokratisch agierenden Präsidenten in einer wirklichen Krise. Seine Hoffnungen setzt Rodrigo Duterte jetzt auf den neuen umstrittenen russischen Impfstoff gegen Covid 19:

"Ich werde der Erste sein, der sich impfen lässt, wenn das Serum eintrifft. Und wenn es bei mir wirkt – dann ist es für alle gut."

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