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Religionen | Beitrag vom 24.05.2020

Corona als interreligiöser StresstestZusammenarbeit auch in der Krise

Von Christian Röther

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Azza Karam auf der zehnten "Religions for Peace" Weltkonferenz in Lindau, 2019 (imago images / Christian Thiel)
Azza Karam, die Vorsitzende von "Religions for Peace", bei ihrer Wahl im vergangenen August. Ihr Amtsantritt im März 2020 war überschattet von der Coronakrise. (imago images / Christian Thiel)

Der Dialog zwischen den Religionen ist das unbeachtete Opfer des Coronavirus. Denn in der Krise sorgen viele Religionsgemeinschaften nur noch für ihre Gläubigen, die Zusammenarbeit mit anderen fällt weg. "Religions for Peace" will das ändern.

"Eine humanitäre Krise ist ein Moment der Wahrheit für die interreligiöse Zusammenarbeit", sagt Azza Karam. "Denn es ist eine Sache, in guten Zeiten zu kooperieren. Das ist inzwischen normal. Aber die Krise ist eine Prüfung: Sind Religionsgemeinschaften auch dann noch für andere da, oder fallen sie darauf zurück, nur sich selbst retten zu wollen?"

Amtsantritt zur Coronakrise

Azza Karams Arbeit als Generalsekretärin von Religions for Peace begann mit einer Krise. Der Coronakrise. Gewählt worden war Karam zwar schon im Sommer 2019, aus arbeitsrechtlichen Gründen konnte sie ihren Job offiziell aber erst im März 2020 antreten. Der Hauptsitz von Religions for Peace ist in New York, wo das Virus ab März besonders hart zuschlug.

Coronavirus-NewsletterUnd nach dem ersten persönlichen Schock musste Azza Karam schnell feststellen, dass die Coronakrise auch eine interreligiöse Krise ist: "Obwohl viele Räte der Religionen schon seit über 20 Jahren zusammenarbeiten, haben wir Folgendes beobachtet, als die Pandemie ausbrach: Viele Religionsgemeinschaften kümmerten sich nur noch um ihre eigenen Mitglieder."

Nicht nur schöne Bilder in guten Zeiten

Seit fast 50 Jahren versucht Religions for Peace, Religionsgemeinschaften auf der ganzen Welt zur Zusammenarbeit zu bewegen. Und das recht erfolgreich: Die Organisation ist in 90 Ländern aktiv und bringt Menschen vieler Glaubensrichtungen an einen Tisch. In Deutschland wurde ihr Wirken durch die Weltversammlung in Lindau im vergangenen Sommer besser bekannt. Damals füllten Bilder von einträchtig versammelten Religionsvertretern in unterschiedlichsten Gewändern die Medien.

Doch in der Coronakrise geraten die interreligiösen Beziehungen ins Hintertreffen. Deshalb ruft Generalsekretärin Azza Karam die Mitgliedsorganisationen weltweit dazu auf, auch jetzt zusammenzuhalten.

Ein Hilfsfonds nur für religionsübergreifende Projekte

Aber weil Appelle offenbar nicht ausreichten, richtete Religions for Peace einen Hilfsfonds ein. Das Besondere: Einzelne Religionsgemeinschaften erhalten keine Unterstützung aus diesem Fond. Nur multireligiöse Projekte werden gefördert.

"Kirchen, Moscheen, Synagogen, auch buddhistische und Hindu-Organisationen – sie müssen zusammenarbeiten", erklärt Karam. "Das ist die Bedingung, um Gelder zu bekommen. Und sie brauchen die Gelder. Wir wurden von Hilferufen geradezu überschwemmt, als die Krise ausbrach."

Religionsgemeinschaften aus der ganzen Welt bräuchten jetzt Hilfe, so Karam. Es gehe um Gesundheit und Hygiene, Nahrung und Wasser, aber auch um Sicherheit oder Bildung. Mit dem multireligiösen Hilfsfond habe Religions for Peace eine gute Antwort darauf gefunden, sagt Azza Karam. Ihr neuer Job startete also turbulent. Und wegen der Coronakrise auch mit großen Ängsten:

Es habe sich angefühlt, als würde sie aus einem fahrenden Zug springen, meint Azza Karam. Doch sie scheint die Krise inzwischen ganz gut im Griff zu haben.

Von der UNO zu den Vereinten Religionen

Dabei hat ihr sicherlich geholfen, dass sie in den vergangenen Jahren für die Vereinten Nationen gearbeitet hat und daher bestens vertraut ist mit internationalen Strukturen und Problemlösungen. Zumal Religions for Peace als größte interreligiöse Nichtregierungsorganisation der Welt gar nicht so anders sei als die Vereinten Nationen.

Sie arbeite jetzt für die Vereinten Religionen, scherzt sie. Azza Karam wurde 1968 in Kairo geboren und ist Muslimin. Von Ägypten ging sie zunächst in die Niederlande. Dort, an der Freien Universität in Amsterdam, ist sie bis heute Professorin für Religion und Entwicklung.

Erste Frau an der Spitze

Seit vielen Jahren ist sie in der Friedensarbeit tätig. Sie weiß, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, dass die 700 Delegierten der Weltversammlung von Religions for Peace sie in Lindau zur neuen Generalsekretärin gewählt haben.

"Ich bin die erste Frau an der Spitze, und das ist sehr wichtig für die religiösen Autoritäten, die mich gewählt haben", sagt sie. "Sogar wichtiger, als es mir selbst ist. Sie wollten der Welt laut und klar mitteilen, dass sie bereit sind, eine Frau zu wählen. Das ist eine starke Botschaft."

Niemanden ausschließen, niemanden zurücklassen

Auch Azza Karam will sich für Frauen einsetzen, für Geschlechtergerechtigkeit in den Religionen. Und auch sonst sei es ihr Traum, niemanden auszuschließen, niemanden zurückzulassen.

Religions for Peace als globales inklusives Projekt. Azza Karam sagt, sie will auch nicht-religiöse Menschen einbeziehen. Denn die 52-Jährige hat eine klare Vorstellung davon, wie der Frieden aussehen soll, den ihre Organisation im Namen trägt.

"Frieden heißt nicht einfach bloß Waffenruhe", sagt sie. "Sondern Frieden bedeutet: Menschenrechte und Menschenwürde für alle."

Gemeinsam gestärkt aus der Krise

Und so paradox es klingen mag, meint Azza Karam: Die Auseinandersetzung mit der Coronapandemie könnte dabei helfen, diesem Frieden ein Stück näherzukommen:

"Wenn wir diese humanitäre Krise engagiert und aufrichtig gemeinsam durchstehen, dann werden wir multireligiös noch stärker zusammenhalten, wenn die Krise vorbei ist."

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