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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.03.2011

Copy and paste

Über atmende und tote Texte

Von Barbara Sichtermann

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Karl-Theodor Zu Guttenbergs (CSU) stolperte als Verteidigungsminister über die Plagiatsaffäre. (picture alliance / dpa)
Karl-Theodor Zu Guttenbergs (CSU) stolperte als Verteidigungsminister über die Plagiatsaffäre. (picture alliance / dpa)

Was ist eigentlich ein Text? Wörtlich übersetzt ist er ein "Gewebe" – das Wort "Textil" hat denselben Ursprung – und das bedeutet: Es steckt Vieles darin. Fäden laufen rauf und runter, längs und quer, Kette und Schuss, und so wird daraus ein Stoff. Man kann das Tuch oder den Teppich sehr wohl mit dem gedanklichen Gewebe, dem Text, vergleichen. Die Übereinstimmung der Wörter ist kein Zufall.

Aber es gibt Texte und Texte. Es gibt sorgfältig gewebte Texte, und es gibt notdürftig zusammengestoppelte Texte. Es gibt lebendige Texte, die beim Lesen ganze Vorstellungswelten erschließen, und es gibt tote Texte, die nur Fakten oder Aspekte oder so genannte Inhalte runterrattern. Es gibt ansprechende, atmende Texte, und es gibt hohle, stickige Texte. Ganz wie es feste vielfarbige Teppiche gibt, auf denen man tanzen kann und grob vernähte schiefe Lappen, die zerreißen, wenn man sie betritt. Das Problem ist, dass unsere Gesellschaft, soweit sie Texte braucht und produziert, das Gefühl für den Unterschied verliert.

Ein guter Text hat immer eine Stimme, die im Kopf des Lesers widerhallt. Er spricht den Leser an, getreu der Absicht seines Autors, mit dem Publikum zu kommunizieren. Der Schreiber eines Textes möchte ja verstanden werden, er möchte – weitergehend – seine Leser überzeugen, sie mitnehmen, sie beeinflussen, ihnen etwas erklären. Manchmal auch sie zum Lachen bringen oder sie verstören. Egal, wie die Absicht im Einzelfall aussieht, die Stimme muss, damit die Kommunikation Text-Leser gelingt, vorhanden sein: als Eigenart eines Textes, als seine Subjektivität, als sein Geist. Nur ein solcher Text, der seine Leser bei der Hand nimmt, sie führt, sie überrascht, ist ein guter Text.

Wir leben seit der digitalen Revolution mit dem Computer, von dem manche meinen, er sei schlauer als wir. Wir beschäftigen uns unaufhörlich mit ihm, lernen, ihn zu bedienen und seine Funktionen zu vervielfältigen und vergessen darüber, dass er ja nur ein Medium ist, nur ein Mittel zum Zweck. Es ist ein bisschen so wie bei den großen Publikumsfilmen "Terminator" und "Matrix": Die Maschinen haben die Welt übernommen, die Menschen mit ihren Gedanken sind nur noch Anhängsel. Das Medium ist gänzlich zur Message geworden. Und den Text haben die Maschinen zum "Inhalt" degradiert, der beliebig verwendbar ist, der aber nicht mehr atmen, nicht mehr flüstern, nicht mehr rufen muss, um nützlich zu sein. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Leselust abnimmt.

Im Zeitalter des copy and paste schreibt der Autor seinen Text immer öfter nicht mehr mit der Absicht, seinen Leser in die eigene Gedankenwelt einzuführen, sondern er fabriziert ihn mit der Absicht, Informationen weiterzugeben. Er kombiniert ein paar "Inhalte" zu einem "Reader" und fertig ist er. Diese Art des Kompilierens ist an Schulen und Unis längst üblich. Sie kümmert sich nicht darum, ob ein Text atmet. Man sieht so was ja auch auf dem Bildschirm nicht.

Die Affäre Guttenberg hat gezeigt, wie groß die Macht der Maschinen im Geistesleben schon geworden ist. Immer wieder hieß es, unser Ex-Verteidigungsminister habe in seine Doktorarbeit eine große Menge Fremdtexte eingebaut, ohne deren Herkunft durch Anführungszeichen und Quellenangabe zu kennzeichnen, und darin liege sein Verstoß gegen die Usancen des wissenschaftlichen Betriebs. Aber was wäre denn gewesen, wenn er diese Kennzeichnung vorgenommen hätte? Er hätte einen Flickenteppich aus Textfragmenten fremder Autoren abgeliefert, den sein Doktorvater ihm postwendend zurückgegeben hätte.

So aber, ohne Anführungszeichen, blieb der Anschein von Homogenität gewahrt – der jedoch bei aufmerksamer Lektüre hätte schwinden müssen. Die Prüfer seiner Arbeit haben nichts gemerkt – vielleicht weil sie schon daran gewöhnt waren, Texte zu lesen, die keine individuelle Stimme mehr haben, keinen Atem, keinen Fluss und keinen Charakter. Man muss nicht plagiieren, um einen solchen toten Text herzustellen. Es reicht, wenn man sich der Atemlosigkeit des Copy-and-paste-Zeitalters unterwirft.


Barbara Sichtermann, Jahrgang 1943, lebt als freie Autorin in Berlin. Sie ist Kolumnistin der Wochenzeitung Die Zeit. Ihre letzten Buchveröffentlichungen: "Lebenskunst in Berlin" (mit Ingo Rose), "Romane vor 1900" (mit Joachim Scholl) und "Das Wunschkind" (Mitautor Claus Leggewie).

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