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Rang I | Beitrag vom 22.08.2015

Concept-Theater in Berlin-KreuzbergEin verwirrendes Gedankenspektakel

Von Laf Überland

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Street-Art auf einer Hauswand in Kreuzberg (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)
Wie wollen wir zusammenleben in einer Stadt? Eine wesentliche Frage des Abends (dpa / picture alliance / Wolfram Steinberg)

Es ist ein Concept-Theater auf Zeit, das das Theaterkollektiv copy & waste in einem Kreuzberger Schmuddelbau eingerichtet hat. In dem multimedialen Stück werden die Zuschauer mit Fragen nach dem Wohnen und dem städtischen Zusammenleben konfrontiert. Ein Abend mit hohem Unterhaltungswert.

Der Concept Store "Cupcakes & Time Travel" liegt im tiefsten Kreuzberg, am Kottbusser Tor. Ein schmuddeliges, nüchternes Treppenhaus hoch, dann kommt man in den kleinen Verkaufsraum: In den spärlichen Regalen liegen exklusive Turnschuhe, Taschen, T-Shirts und Unterwäsche zum Thema, rechts ist ein kleiner Besprechungsraum und geradeaus das Concept-Store-übliche Café mit DJ-Pult und Tresen, wo man Kaffee bestellen und Cupcakes essen kann, die acht Performer als Bedienungspersonal agieren und wo auf eine Wand Ausschnitte aus den McFly-Filmen projiziert werden, vorproduzierte Schnipsel aus den Proben, Zeitungsausschnitte...

Nachmittags ab 15 Uhr verkaufen sie übrigens tatsächlich die Produkte aus den Store-Regalen, und abends können Interessenten die Storemitarbeiter wieder treffen – zu einer Zeitreise-Meditation. So nennen sie es tatsächlich: Meditation!

Das Publikum wird in drei Gruppen à 14 Gästen aufgeteilt, eine für jeden Raum – und wer es noch nicht bis ins Cafe des Concept Store geschafft hat und noch im Verkaufsraum warten muss – oder einem kleinen Besprechungszimmer -, der wird mittels Smartphone-Aufnahmen auf einer Wolke aus Bildschirmen über das Geschehen im Hauptraum auf dem Laufenden gehalten. Und weil ja alles zweisprachig vermischt ist, wird jeweils die Simultanüberzeugung gleich mitprojiziert.

Urban-Gardening-Tomaten aus der Stadt und Bio-Eiscreme aus Brandenburg

Und wie Marty McFly im Film flitzen die Gäste abwechselnd durch die Zeiten: 1985, 1885, 1955, 2015 - in welcher Zeit sind wir nun gerade eigentlich? Die Zeitreise katapultiert einen in immer neue Fragestellungen – natürlich auch zur Lebenssituation im permanenten Fortschritt des Fortschritts: Erlesene Boutiquen, Urban-Gardening-Tomaten aus der Stadt und Bio-Eiscreme aus Brandenburg. Die Anpassung an den jeweils neuesten Geschmack Öl ins Getriebe der Vermarktungsmaschine...

Lisa: "Erst kommen die Künstler, dann die Studenten."

Steffen: "Die Künstler sind schuld. Die Altbauten sind schuld. The artists in the altbaus, the altbaus in the artists."

Daniel: "The artists are the best means we have of developing of this city. They're the best, just not the best paid. Hey, come on."

Natürlich wollen die Performer von copy & waste nicht abbilden, was eh schon jeder weiß, sondern eher mit den Mitteln Theater und Live-Kunst eine Diskussion anzetteln - über dem Niveau des Abendbiergesprächs:

Jörg Albrecht: "Dass es nicht nur darum geht, wessen Miete jetzt gerade wieder so teuer wurde, sondern dass da vielfältige gesellschaftliche Gruppen beteiligt sind und das man einmal darauf kommt: Was steckt eigentlich da drunter?"

Popkultur mit Philosophie vermischt

Jörg Albrecht, gerade 34 geworden, ist der Autor des Stückes und grinst ständig durch seinen Fusselbart hindurch. Im Ruhrgebiet aufgewachsen, spuckt er Romane, Essays, Hörspiele und – vor allem – Theaterstücke aus wie ein durchgedrehter Colaautomat. Und er schreibt nicht für ein abstraktes, elitäres Theaterpublikum, sondern für die, die es betrifft: Denn seine Themen kreisen stets um um Wohnen und städtisches Zusammenleben, um Solidarität und um die Melancholie der Selbstfindung und Weltfindung – besonders, seit er vor acht Jahren, zusammen mit dem Schauspieler und Regisseur Steffen Klewar das Theaterkollektiv copy & waste gegründet hat – mit Sitz in Berlin und wechselnden Konstellationen aus Schauspielern, Videokünstlern, Musikern und "Arbeitern anderer Disziplinen".

In ihren Produktionen vermischen sie populäre Kultur (egal, ob den fiktiven Boxclub, Pornos, die Jugendbuchautorin Enid Blyton oder, wie jetzt, die Zeitreise-Kultfilme Zurück in die Zukunft) mit Theatertheorie, Medientheorie, Soziologie und Philosophie. 

Lisa: "Nur wenige Dinge bleiben, wie sie sind. Zum Beispiel..."

Steffen: "...die Axiome der heroischen Veränderungen, der Heldenzeitreisen."

Ruckzuck in die Zukunft ist ein Reiben an der Realität, in der auch die Performer leben, ein Strom von Reizwörtern, Erinnerungen und Manipulationen mischt sich zu einem Taumeln durch Realitäten - in einer Explosion von Gedankenspielen. Das erfordert eine enorme Konzentration – und eine gewisse Kenntnis der Popkultur: Aber dann kann sich der Gast des Concept Cupcakes & Timetravel genussvoll den Spiralen aus Meta-Meta-Metaebenen hingeben...

Albrecht: "Jaja... Bei uns ist immer Meta auch sehr handfest. Konkret und abstrakt sind eigentlich dasselbe."

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