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Studio 9 | Beitrag vom 31.07.2019

Comic-Kultur in ChinaUnterhaltung, Subversion und Propaganda

Von Axel Dorloff

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Screenshot des chinesischen Anime-Films (bilibili) über Karl Marx. (Deutschlandradio Screenshot / Youtube Hongqiu Zhang)
Die chinesische Videoplattform bilibili hat Anfang des Jahres eine Zeichentrickserie über Karl Marx herausgebracht. (Deutschlandradio Screenshot / Youtube Hongqiu Zhang)

In China gibt es eine große aber auch sehr unterschiedliche Comic-Kultur. Es gibt „unpolitische“ Unterhaltungs-Comics und die Polit-Propaganda – aber auch kritische Künstler, die es schaffen, geschickt die Zensur zu umgehen.

"Nimm sofort meinen Bruder weg", so heißt eine der populärsten Comic-Serien in China. Die Folgen haben 10 Millionen Klicks – und laufen auf der Comic-App Kuaikan. Xiao Cheng ist Kommunikationschef des Pekinger Comic-Startups Kuaikan World.

"In der Serie geht es um eine etwas spezielle chinesische Familie. Die Eltern sind geschieden, Bruder und Schwester streiten immer. Es geht nicht besonders harmonisch zu, aber es ist witzig. Die meisten unserer Nutzer sind junge Leute, geboren in den 90er- oder 2000er-Jahren. Die wollen Comic-Themen, die etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun haben, so wie Campus- oder Jugendthemen."

Größte Comic-Plattform kommt aus China

Seichte bis lustige Mainstream-Unterhaltung mit Comics – darauf setzt Kuaikan. Ende 2014 gegründet, bietet das Startup die derzeit größte Comic-Plattform in China. Mehr als 200 Millionen Mal wurde die App bereits heruntergeladen, auf der Plattform werden etwa 3000 Comic-Werke angeboten.

"Etwa 80 Prozent unserer Nutzer bekommen unsere Inhalte durch die App. Zehn bis 20 Prozent lesen sie auf der Webseite. Die Ausspiel-Wege für unsere Comics sind digital. Einige wenige werden auch noch veröffentlicht. Aber die Leute, die noch Print-Comics kaufen – das sind alles Sammler."

Anfang 2015 waren es bei Kuaikan genau zwölf Comic-Interessierte, die das Start-up und die App aufgebaut haben. Heute residiert Kuaikan in einem gläsernen Hochhaus in Peking. Über 500 Mitarbeiter auf drei Etagen, mit skandinavischen Designermöbeln. Zwischendurch wird frisches, geschnittenes Obst gereicht – und die Kaffeeautomaten kommen aus der Schweiz.

Ca Zhuxi dagegen lebt in einer völlig anderen Comic-Welt. Auch in Peking, aber alleine in seiner Wohnung. Er zählt zu den unabhängigen Comic-Künstlern in China, hat blond gefärbte Haare, tätowierte Arme und raucht eine Zigarette nach der anderen. Seine Vitrinen sind vollgestopft mit Comic-Figuren, die er zum großen Teil selbst produziert hat. Seine ganze Wohnung wirkt wie eine Comic-Themenpark.

"Seit meiner Kindheit lese ich schon Comics, damals die japanischen Comics, seit der ersten Klasse in der Grundschule." 

Förderung chinesischer Comics durch die Regierung

Mit japanischen Comics fing es in China an. Aber Mitte der 90er-Jahre hat die chinesische Regierung dann versucht, chinesische Comics zu fördern. Japanische Comic-Werke wurden verboten und existierten nur noch als illegale Kopien.

"In China waren alle japanischen Comics wie giftiges Gras. Wir durften das nicht lesen, Chinesen sollten eigene Comics haben. Viele Leute haben dann versucht, in das Comic-Gewerbe zu gehen, in die vom Staat unterstützten Comic-Organisationen. Das ist die frühe Generation von Comic-Künstlern in China."

Der chinesische Staat hat die Comic-Kultur gefördert – auch damit er den Markt und seine Akteure besser im Auge behalten kann. Und: um die Comic-Kultur selbst für Propagandazwecke zu nutzen.

Bis heute: Anfang des Jahres lief eine siebenteilige Zeichentrick-Serie über das Leben des deutschen Philosophen Karl Marx. Ausgestrahlt auf der chinesischen Video-Plattform Bilibili. Ein Marx für junge Leute, ein charismatischer Held der Revolution. In ganz China steht Marx auf dem Lehrplan, gehört offiziell zur Staatsideologie. Seit einigen Jahren predigt die politische Führung in Peking ein Marxismus-Revival – da passt die Serie ins Bild. 

Offene Gesellschafts-Kritik ist schwierig

Mit all dem hat Comic-Künstler Ca Zhuxi nichts zu tun hat. Er nennt sich unabhängig, sagt aber auch: Offene Gesellschafts-Kritik sei für chinesische Comic-Künstler schwierig.

"Es kann einen niemand daran hindern, etwas zu zeichnen. Aber Du kannst dann halt nur zeichnen und nichts veröffentlichen. Aber wenn Du kommerziell erfolgreich sein möchtest, dann ist das halt eine andere Sache. Es geht auch darum, wie viel Talent du hast und wie du bestimmte Sachen verstecken kannst. Ich brauche nicht alles, an die Oberfläche zu bringen."

Kritik wird – in vielen Bereichen der Kunst und auch der Literatur in China – auf subtilere Art und Weise transportiert. Auch eine Konsequenz der autoritären Staatsform. Ca Zhuxi ist übrigens ein Künstlername. Zhuxi heißt Präsident oder Vorsitzender. Staatsgründer und Revolutionsführer Mao Zedong ist im Volksmund heute noch Mao Zhuxi. Der Vorsitzende Ca kann von seiner Comic-Kunst leben. Auf Massen-Plattformen wird er aber wohl nicht erscheinen – und will das auch gar nicht.

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