Colm Tóibín: „Die Schwestern“
© Carl Hanser Verlag
Drei Frauen, drei Lebenswege
05:37 Minuten

Colm Tóibín
Ditte Bandini, Giovanni Bandini
Die SchwesternCarl Hanser Verlag, München 2026126 Seiten
22,00 Euro
Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden – oder kann man real an den Anfang zurückspringen? In Colm Tóibíns Erzählung „Die Schwestern“ kehren drei Frauen nach Katalonien zurück. Ein kluges Buch über Migration, Heimat und Zugehörigkeit.
Eine Erbschaft ist immer auch eine Verknotung der Zeiten. Sie steht für eine Vergangenheit, die ihre Klauen in die Gegenwart schlägt, mal beglückend, mal belastend. In Colm Tóibíns neuem Buch „Die Schwestern“ wird eine Erbschaft zum auslösenden Moment einer Rekapitulation mehrerer Leben voller Ambitionen, Verwerfungen, Brüche und Kompromisse.
Núria, Conxita und Montse – drei Spanierinnen in ihren Sechzigern, haben gemeinsam ein Haus in den Pyrenäen geerbt, in dem sie als Kinder glückliche Zeiten verbracht haben. Seit fünf Jahrzehnten leben sie allerdings bereits in Argentinien, seit ihre Mutter mit den Töchtern aus Katalonien ausgewandert ist. Die Lebenswege der Schwestern liefen in Südamerika immer weiter auseinander.
Psychogramm einer Entfremdung und Wiederannäherung
Tóibín lotet das hochkomplexe Beziehungsgeflecht der Schwestern auf dem engen Raum einer Novelle aus. Entstanden ist das Psychogramm einer Entfremdung und Wiederannäherung. Zentrale Fragen unserer von Migration bestimmten Zeit werden dabei berührt, Fragen von Zugehörigkeit und Identität. Der erzählerische Kniff besteht darin, eine der Figuren in den Mittelpunkt zu stellen: Montse, die jüngste Schwester. Die Familiengeschichte der Auswanderinnen wird vollständig aus ihrer Perspektive erzählt.
Schon bei der Ankunft stach die älteste, damals fünfzehnjährige Tochter nach Montes Erinnerungen heraus: „Als sie in Argentinien ankamen, war Núria schon groß und besaß eine Selbstsicherheit, die jeden beeindruckte, der ihr begegnete. Montse bemerkte, dass sie die Pan-Am-Stewardessen beobachtete, ihre eleganten Bewegungen und ihr zu einem makellosen Dutt geknotetes Haar, und ihr Lächeln nachahmte, das herzlich, aber auch dezent und distinguiert war.“
Das Nachahmen bis zur Hochstapelei wurde Núrias Eintrittsticket in die neue Gesellschaft. Kaum war es ihr gelungen, in die argentinische Oberschicht einzuheiraten, wollte sie mit den Schwestern so gut wie nichts mehr zu tun haben. Nur die Mutter holte sie in ihre Nähe.
Selbstbefreiung aus dem fremdbestimmten Leben
Während Conxita einen ganz eigenen Weg ging – sie wurde zur Lebenspartnerin einer ebenfalls reichen Argentinierin, auch wenn sie offiziell als Bedienstete galt –, wurde Montse immer einsamer. Sie fand sich mit den Möglichkeiten ab, die Frauen in der traditionellen Gesellschaft dieses Landes hatten.
Tóibín verurteilt ihre beiden Beziehungen mit verheirateten älteren Männern nicht, romantisiert sie aber ebenso wenig. Beide Male wird Montse nach dem Tod ihrer Geliebten von deren Söhnen zurückgestoßen. Für sie verbinden sich daher die größten Hoffnungen mit der gemeinsamen Erbschaft. Sie bringt die Schwestern auf die Idee, einen Sommer gemeinsam in dem geerbten Haus zu verbringen, aber eigentlich wittert sie eine viel größere Chance:
„Blitzartig kam Montse der Gedanke, dass sie, sollte sie wirklich verreisen, nicht zurückkehren würde. Ebenso schnell beschloss sie, Núria nichts davon zu sagen.“
Die Rückkehr in die Heimat - das soll also nun Montses späte Selbstbefreiung aus den Fesseln eines fremdbestimmten Lebens werden. Gibt es aber nach einem ganzen gelebten Leben – diese Frage stellt der Roman unausgesprochen –, die Möglichkeit, noch einmal an den Anfang zurückzuspringen?
Erzählt ohne jeden Seelenkitsch
Wie die drei Frauen auf der Reise in alte Rollenmuster zurückfallen und wie allmählich von ihnen abfällt, was der mütterliche Erwartungsdruck angerichtet hatte, das ist mit höchster Präzision und Empathie, ohne jeden Seelenkitsch, erzählt. Die Sprache ist nüchtern und dezent, der Stil dialogisch. Genau das wirkt äußerst würdevoll. „Die Schwestern“ ist keine Abrechnung mit einem falsch geführten Leben, es ist die Vision der Möglichkeit einer Korrektur.
Noch leben Menschen in dem Ort, die die Schwestern kennen. Und doch, so bemerkt Montse, sind sie auch hier zu Fremden geworden. Núria, die nicht einmal katalanisch sprechen möchte, sieht es besonders skeptisch:
„‚Wir sind immer noch Außenseiterinnen‘, sagte Núria. ‚Auch wenn wir gar keine sind.‘ Montse sah, dass sie einem gut gekleideten Mann zulächelte.“
Tatsächlich schließen die selbstbewusste Núria und die lebenslustige Conxita schnell neue Bekanntschaften in der alten Heimat, während die melancholische Montse nur langsam, dafür aber nachhaltig aus ihrer Erstarrung erwacht. Sie ist es, für die diese Reise zum Ende einer Odyssee wird, während die Schwestern ihre argentinischen Arrangements vorziehen.
Gänzlich heimisch geworden ist am Ende keine der Figuren, aber jede hat die für sie größtmögliche Annäherung an ein Zuhause gefunden. Heimat, so führt es diese ruhige, lebenskluge Novelle von Colm Tóibín bildstark vor Augen, ist eine innere Zufriedenheit mit den Kompromissen, die man eingegangen ist.











