Colson Whitehead: „Cool Machine“ – Blick unter den Asphalt von Harlem

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Das Buchcover des Romans „Cool Machine“ von Colson Whitehead zeigt Fassaden von Hochhäusern in New York sowie den Buchtitel und den Namen des Autors.
© Hanser Verlag

Colson Whitehead

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Cool MachineHanser Verlag, München 2026

448 Seiten

27,00 Euro

Von Christoph Vormweg |
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Der neue Roman "Cool Machine" ist der Abschluss von Colson Whiteheads New-York-Trilogie. Darin ist der schwarze Möbelverkäufer Ray Carney zwar inzwischen in die Jahre gekommen, aber sucht noch einmal das kriminelle Chaos.
Der letzte Band der Harlem-Trilogie: Was heißt das? Muss der nach außen hin bürgerlich gewordene Möbelhändler Ray Carney in New York City doch noch für seine kriminellen Gelüste dran glauben? Anlässe, seine Hehlereien zu intensivieren, gäbe es für den Vater von zwei erwachsenen Kindern einige. So weigern sich die Banken, seiner Ehefrau einen Kredit für ihr Reisebüro zu geben. Der wahre Grund hinter der Ablehnung: Sie ist schwarz wie Carney selbst. Als sie auf Geschäftsreise entschwindet, geht er aufs Ganze.

Ein Gangster, der wie eine gut geölte Maschine funktioniert

Seine kriminelle Energie ist der Kit, mit dem Colson Whitehead auch diesen Roman zusammenhält. „Cool Machine“, so der Titel, verweist auf das Ideal des erfahrenen Gangsters, der wie eine gut geölte Maschine funktioniert, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.

Die Steine hatten es ihm angetan. Sie waren von langsamen, uralten Kräften geformt worden, genau wie Carney. Er hatte jedes Mal anderen Menschen die Schuld daran gegeben, dass sie ihn in ihren Schlamassel hineinzogen, aber wenn man mal allen Quatsch beiseite ließ, entschied er sich selbst für das Chaos. Im tiefsten Innern liebte er das Chaos ebenso sehr wie sonst irgendeine Gaunerseele.

Auszug aus „Cool Machine“

Ohne das kriminelle Chaos langweilt sich der studierte Ray Carney. Seine Hehlereien observiert er, als wäre er Historiker, Soziologe und Mentalitätsforscher in einem.

Ein Verbrechen hat eine Geschichte, und manchmal sind die einzigen Leute, die sie kennen, der Dieb und der Hehler. Haben sie es bis ins letzte Detail geplant oder haben sie improvisiert? Die Geschichte muss heraus und jemandem erzählt werden, damit sie real wird, sonst bleibt der Job unbeendet.

Auszug aus „Cool Machine“

Colson Whitehead hat selbst an der Harvard-University studiert. Zum einen will er die Abgründe von Carneys gespaltener afroamerikanischer Seele ausleuchten, zum anderen das Harlem der 1980er-Jahre erkunden, den schwarzen Stadtteil von Manhattan, wo er selbst aufgewachsen ist.

Fulminantes Stadtteilporträt

Das Recherchieren ist seine Leidenschaft, die er mit enzyklopädischer Akribie betreibt. So mausert sich „Cool Machine“ zu einem fulminanten Stadtteilporträt. Die Requisiten für eine Verfilmung liefert Whitehead gleich mit: die sich verändernden Moden, die boomende Graffiti-Szene mit ihren provozierenden Sprüchen auf den Häuserwänden, die Sounds und Texte der Rapper.
Alles ist im Wandel, auch der rassistisch aufgeladene Slang, den die Pädagogen der New Yorker Bevölkerung gerade austreiben wollen. Hier ist der Übersetzer, Nikolaus Stingl, besonders gefordert: eine Sisyphus-Aufgabe, die er bravourös bewältigt.

Es gab ein ganzes Vokabular für schiefgegangene Dinger (vermasselt, den Bach runtergegangen, von Anfang an der Wurm drin usw.), aber kein Wort für den Job, von dem man weiß, dass er in die Binsen gehen wird. [...] Soweit er wusste – noch wahrscheinlicher, dass diejenigen, die die Sache benannten, nicht lange genug lebten, um ihre Entdeckungen mitzuteilen.

Auszug aus „Cool Machine“

Whitehead beherrscht die literarischen Kniffe, um seiner detailreichen Prosa Dynamik einzuhauchen. Gekonnt pendelt er zwischen Gegenwärtigem und Erinnertem, Gesagtem und Gedachtem, direkter und indirekter Rede. Sein liebstes Zugpferd aber ist der Kampf um Leben oder Tod, gewürzt mit Fragen der Gauner-Philosophie – zum Beispiel: Was ist überhaupt stehlenswert – und warum?
„Cool Machine“ ist ein veritabler Männerroman für Liebhaber harter, soziologisch fundierter Krimis: strotzend vor Gewalt und Alltagsrassismus. Das naheliegende Manko: Frauen bleiben nur Randerscheinungen. Die meisten pflegen, wie Carneys Ehefrau, die Sehnsucht nach bürgerlicher Sicherheit.

Nostalgischer Blick auf New York

In jedem der drei über die Hauptfiguren locker zusammengehaltenen Roman-Teile erzählt Whitehead eine eigene Geschichte: erst über das Rückfälligwerden, dann über das Altern als Gangster, schließlich über die Ahnungslosigkeit der jungen Generation. Da ist viel Nostalgie im Spiel. Denn New York City befindet sich in den 1980er-Jahren unter Präsident Reagan im radikalen Umbruch. Die Folge: Die alten Fronten werden durchlässiger. So taucht Carneys Tochter eines Tages sogar mit einem weißen Yuppie als Freund auf. Das Vergangene und das Gegenwärtige brechen immer weiter auseinander. Dabei vergisst Whitehead nie den für ihn so typischen sarkastischen Humor.

Dieser neuen Generation [...] fehlten die Überlebensinstinkte, die sie darauf aufmerksam gemacht hätten, dass sie hier nicht erwünscht waren. Sie hatten keine Ahnung, dass das hier die Domäne von harten Männern, Abkochern, Witwenschüttlern und Cop-Würgern war – oder gewesen war. Für sie war es lediglich eine herrlich schäbige 'Altmännerkneipe'.

Auszug aus „Cool Machine“

Die Dynamik der Gewalt dividiert Whitehead bis ins Detail auseinander. Das sorgt bis zur letzten Seite für Spannung. „Cool Machine“ ist ein Kriminalroman auf hohem literarischen Niveau, mal knallhart realistisch, mal die Vergangenheit verklärend, wenn auch nie ohne Ironie. Colson Whitehead lässt seine Leserinnen und Leser unter den Asphalt von Harlem schauen, tief hinein in seine Geschichte – mit einer ganz eigenen Stimme im prominenten Chor der großen New-York-Autoren von James Baldwin über Paul Auster bis hin zu Bret Easton Ellis.
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