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Buchkritik | Beitrag vom 27.02.2020

Colm Tóibín: "Haus der Namen"Wie Gewalt neue Gewalt erzeugt

Von Sigrid Löffler

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Buchcover von Colm Tóibín: Haus der Namen (Hanser  / Deutschlandradio)
Buchcover von Colm Tóibín: Haus der Namen (Hanser / Deutschlandradio)

In "Haus der Namen" macht der irische Autor Colm Tóibín aus dem antiken Atriden-Mythos die Geschichte einer dysfunktionalen Familie in Kriegszeiten. Leider bleibt der Roman ein unentschlossener Zwitter aus Alt und Neu.

Der griechische Atriden-Mythos ist einer der Ur-Texte der lesenden Menschheit. Kaum ein Mythos ist so oft bearbeitet und neu erzählt worden wie dieser. Die Faszination der schrecklichen Atriden-Familie ist ungebrochen. Denn sie zeigt, wie Gewalt neue Gewalt erzeugt und wie Vergeltung eine Spirale von Gegenvergeltungen hervorruft, aber auch, wie diese Mechanik von Rachemorden in Endlos-Schleife schließlich beendet werden könnte.

Nun hat der irische Autor Colm Tóibín seine Version der antiken Rache-Geschichte vorgelegt: seinen elften Roman «Haus der Namen». Tóibín will den Mythos im Lichte eines modernen Bewusstseins überprüfen, ihn für heute adaptieren und womöglich psychologisch besser begründen. Seine folgenreichste Änderung: Er streicht die Götter. Das Fatum ist in Tóibíns Version ausgemustert. Seine Romangestalten sind in ihrem Tun allein auf sich gestellt. Keine fatale göttliche Einmischung ins Menschenleben. Das reduziert die Figuren in ihren Motivationen auf heutiges menschliches Normalmaß und macht aus dem Mythos mal eben eine Geschichte über eine dysfunktionale Familie in Kriegszeiten.

Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen

Darin liegt auch das Dilemma dieser Neudeutung – eine problematische Unsicherheit darüber, in welcher Zeit – in mythischer oder historischer Zeit? – die alte Fabel angesiedelt werden sollte. Einerseits hält sich Tóibín weitgehend an die tragischen Originaltexte der antiken Dramen. Der Roman spielt jedoch nicht so sehr in undefinierter mythischer Zeit als vielmehr vage in der späten Bronzezeit der mykenischen Palastkultur.

Andererseits verweist der lässige heutige Sprachgebrauch darauf, dass das archaisierende Setting nur eine Geschichte mythisch beglaubigen soll, in der es eher um modern anmutende politische Konflikte geht. Tóibín verwendet viel Phantasie darauf, die Palastintrigen, Machtkämpfe, Verschwörungen, geplanten und vereitelten Umstürze während Agamemnons Abwesenheit auszumalen. Unter Klytaimnestras Statthalterschaft wird das Land von Attentaten, Aufständen paramilitärischer Verbände und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zerrüttet. Aigisthos steigt vom Gefangenen zu Klytaimnestras Liebhaber auf, der seine Milizen für den Tag der Machtübernahme rüstet. Zwar ruft der Roman archaische Landschaften auf und evoziert eine urtümliche bäuerliche Hirtenwelt von Schafen, Ziegen und Eseln. Doch das Land wird von einer zeit-untypischen marodierenden Soldateska verheert.

Fülle an modernen Assoziationen

Die Schilderung der blutigen Vorgänge wird abwechselnd zwei weiblichen Stimmen in den Mund gelegt. Hier sind die Frauen am Wort. Ihre anklagenden, wütenden, abwechselnd gequälten und mordlüsternen Stimmen tragen die Geschichte. Klytaimnestra, die eigentliche Machtfigur, spricht mit geradezu machiavellistischer Ruchlosigkeit, Tücke und Verstellung, kennt aber auch Phasen der Hilflosigkeit, Einsamkeit und lauernden Panik. Die Stimme ihrer Tochter Elektra klingt getrieben von Zorn auf die Mutter, Verbitterung über die eigene Machtlosigkeit und Verlangen nach Vergeltung.

Die meiste Freiheit nimmt sich der Roman mit der Figur des Orestes, der als schwächlicher, schwankender Jüngling erscheint. Hier dichtet Tóibín vielfach eigene Erfindungen hinzu. Vor allem gibt er Orestes eine Kindheits-und Jugendgeschichte und einen älteren homoerotischen Freund, wovon der antike Mythos nichts weiß. Im Gegensatz zu Mutter und Schwester spricht Orestes im Roman nicht mit eigener Stimme. Dafür ist sein Ich zu wenig ausgeprägt.

Im Ganzen wirkt Tóibíns Neufassung des Atriden-Mythos eigentümlich zwiespältig, ein unentschlossener Zwitter aus Alt und Neu. Die Fülle an modernen Assoziationen (Stichworte: Krieg, Bürgerkrieg, Exil) soll die alte Geschichte für Heutige anschlussfähig machen. Dennoch bleibt der Roman trotz allen erfundenen Zutaten seltsam leblos. An die gewaltige und unausweichliche Tragik des Mythos will oder kann er nicht heranreichen.

Colm Tóibín: "Haus der Namen"
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag, München 2020
288 Seiten, 24 Euro

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