Colin Niel: „Unter Raubtieren“

Im Kopf des Löwen

03:34 Minuten
Zu sehen ist das Cover des Buches "Unter Raubtieren" von Colin Niel.
© Lenos Verlag

Colin Niel

übersetzt von Anne Thomas

Unter RaubtierenLenos, Basel 2021

404 Seiten

24 Euro

Von Thomas Wörtche · 03.12.2021
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Mit Handy, Pfeil und Bogen: Colin Niel hat mit "Unter Raubtieren" einen in jeder Hinsicht überraschenden Thriller geschrieben – mit Jagdszenen in Namibia, in den französischen Pyrenäen und in den sozialen Medien.
Colin Niels "Unter Raubtieren" ist ein schon fast sensationell überraschender Thriller, inhaltlich und formal gleichermaßen. Ein Teil des Buches spielt in Namibia und erzählt von der Jagd auf einen riesigen Löwen, der in die Ziegen- und Kuhherden der einheimischen Himba einbricht und erheblichen Schaden anrichtet.
Für solche Fälle gibt der Staat gegen eine Gebühr von 60.000 Dollar den Abschuss des Raubtieres frei, also attraktiv für ausländische Jäger. Das ist die Chance für die junge Jägerin Apolline Laffourcade mit ihrem Hightech-Bogen.

Die Jägerin wird zur Gejagten

Der zweite Teil erzählt von der Jagd des Tierschützers und Umweltaktivisten Martin auf Apolline. Der Parkaufseher in den Pyrenäen hat ein Foto von ihr mit dem erlegten Löwen in den sozialen Medien gesehen und will an ihr ein Exempel statuieren. Zunehmend obsessiv will er sie erlegen, so wie sie Tiere erlegt.
Bei Colin Niel kann man, wie wir auch von seinem Roman "Nur die Tiere", nie aufgrund von "Genrewissen" ahnen, wie ein Buch läuft und in welchen literarischen Bezugsfeldern es sich letztendlich bewegt. Zwar ist der Roman anscheinend konventionell multiperspektivisch erzählt, aber eine Perspektive ist dabei etwa auch die von Charles, dem Löwen, dem wir – innerer Monolog – sozusagen in den Kopf schauen. Das stellt ihn in die literarische Reihe reflektierender Tiere wie dem Hund Berganza bei Cervantes und E. T. A. Hoffmann.
Gleichzeitig aber ist die Ausstattung eines Tieres mit Bewusstsein eine Absage an die ganzen Großwildjagdschmonzetten à la Wilbur Smith, Ernest Hemingway oder dem Howard-Hawks-Film "Hatari". Wobei die Besetzung des Jägers mit einer Frau die klassischen Rollen dementiert.

Schlechter Handyempfang in Kaokoveld

Das ist doppelt verzwirbelt, auch durch den Umstand, dass die Französin mit Pfeil und Bogen jagt, während sich die Himba-Hirten Sorgen über ihren Handyempfang im kargen Kaokoveld, einem Gebiet im Nordwesten Namibias, machen. Nimm das, Klischee!
Auch die moralische Positionierung der Figuren dreht sich. Martin, der Ranger, der verzweifelt versucht, den letzten überlebenden Pyrenäenbären zu beschützen, wird zum blutrünstigen Menschenjäger, während die europäischen Löwenjäger nicht nur die Staatskasse von Namibia füllen, sondern auch die Hirten effektiver beschützen, als diese selbst es können.  

Traditionen renoviert

An solchen Stellen arbeitet Niel, selbst Wildtierbiologe und Ökologe, mit wahrhaft grimmiger und blutiger Ironie. Am Ende sind die beiden "unschuldigsten" Wesen des Romans tot, so viel kann man getrost spoilern. Es sind nicht die, die man für diese Rolle als vorgesehen glaubt.
Denn auch die Tatsache, dass es sich bei "Unter Raubtieren" um einen sogenannten Man-on-the-run-Roman handelt (ein Subgenre des Thrillers, das von Autoren wie Geoffrey Household oder John Buchan entwickelt wurde), gibt keinen Hinweis auf das Ende des Buches. So ist "Unter Raubtieren" abermals ein virtuoses Meisterwerk von Niel, das Traditionen innovativ und überraschend renoviert.

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