Seit 02:05 Uhr Tonart

Sonntag, 07.06.2020
 
Seit 02:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.02.2019

Clemens J. Setz zum Salinger-Nachlass"Ich glaube nicht, dass Texte nur einem Autor gehören"

Moderation: Marietta Schwarz

Podcast abonnieren
Der US-amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger im Januar 1951. (imago stock&people)
Der US-amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger im Januar 1951. Sein umfangreicher Nachlass soll nun veröffentlicht werden. (imago stock&people)

Der Sohn des Autors J.D. Salinger hat angekündigt, den kompletten Nachlass seines Vaters zu veröffentlichen. Schriftsteller Clemens J. Setz begrüßt das, denn bislang seien Salingers unveröffentlichte Schriften "die weggesperrtesten Texte der Weltliteratur".

Mit "Der Fänger im Roggen" schrieb J. D. Salinger einen der einflussreichsten Romane der US-Nachkriegsliteratur. Salinger starb 2010, seine letzte Veröffentlichung erschien 1965 im "New Yorker". Was in den folgenden 45 Jahren entstand, hat sein Sohn acht Jahre lang gesichtet.

Als er von der geplanten Veröffentlichung des Nachlasses erfuhr, habe er zuerst mit den Augen gerollt, sagt der Schriftsteller Clemens J. Setz: "Meine erste Reaktion war: Glaub kein Wort!"

Informationen zur geplanten Veröffentlichung sind vage

Das sei aber schnell verraucht und danach habe er versucht, sich vorzustellen, was das eigentlich bedeutet.

"Man kommt aber nicht auf viel, weil es so vage ist."

Dass es Matthew Salinger, der Sohn von J.D. Salinger, nicht geschafft habe, in der ganzen Zeit einige kompetente Philologen zu engagieren, die das Material sichten, professionell aufbereiten und einen Editionsplan vorschlagen, könne er nicht verstehen.

Er könne aber verstehen, dass der Sohn sich nicht an die Verfügung des Vaters halte, wonach der Nachlass erst 2060 veröffentlicht werden darf:

"Vielleicht ist eine Zeitspanne von 50 Jahren zu lang, als dass sich ein echtes Interesse hält. Ich weiß nicht ob in 50 Jahren die Leute noch viel mit Salinger verbinden werden."

Es wäre auch möglich, dass es in fünfzig Jahren in der Menschheit einen ganz anderen Zugang zu Literatur geben werde, meint Setz.

Schreiben, um in Kontakt zu treten

"Ich finde, man darf so etwas ruhig missachten, die Wünsche eines toten Autors. Ich glaube nicht, dass Texte nur einem Autor gehören. Das ist ein merkwürdig totalitärer Anspruch, den ich bei meinen Texten auch nicht hätte. Ich mache das ja, um mit der Menschheit in Kontakt zu treten.

Etwas zu schreiben, damit man gerade nicht in Kontakt tritt, sondern um das Einsiedlertum zu verstärken, ist doch höchst paradox. Aber auch sehr interessant, als Fall, als Story. Salinger ist ja ein sehr faszinierender Charakter."

Der Schriftsteller Clemens J Setz auf der Leipziger Buchmesse 2018. (imago stock&people)Der Schriftsteller Clemens J. Setz auf der Leipziger Buchmesse 2018. (imago stock&people)

Die weggesperrtesten Texte der Weltliteratur

"Der Fänger im Roggen" sei für ihn gar nicht das bedeutendste Buch von Salinger, sagt Setz, sondern "Nine Stories":

"Das ist ein Buch, dass ich immer wieder nehme und durchlese."

Er findet Salinger darüberhinaus als Fall ganz interessant:

"Seine Texte sind die weggesperrtesten Texte der Weltliteratur. Es gab, glaube ich, niemals etwas, das so versiegelt war. Es gibt ja auch manche, die nicht zu Hause im Safe liegen, sondern in Hochsicherheitsbereichen von 'Rare Book Libraries' an irgendwelchen Unis, die man dann auch nur mit Handschuhen anfassen darf. Das Schicksal dieser Texte ist sonderbar und absurd."

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsAufstand bei der "New York Times"
Verschiedene Ausgaben der Zeitung "New York Times" liegen auf einem Tisch. (dpa/Ole Spata)

Dass die "New York Times" den Einsatz des Militärs gegen Demonstranten fordern könnte, scheint abwegig. Doch genau das ist in einem Meinungsartikel passiert. Im „Tagesspiegel“ ist nachzulesen, wie das Traditionsblatt mit diesem Vorfall umgegangen ist.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 25Zurück aus dem Netz: Theater unter Corona-Auflagen
Stadion der Weltjugend (Schauspiel Stuttgart / Conny Mirbach)

In einigen Bundesländern dürfen die Theater wieder öffnen – unter strengsten Auflagen. Wie kann das aussehen: Live-Theater unter Corona-Bedingungen? Darüber sprechen wir mit der Theaterkritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur