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Buchkritik | Beitrag vom 06.08.2020

Clemens Berger: "Der Präsident" Ein Schelmenroman aus dem alten Amerika

Von Manuela Reichart

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Das Cover zeigt das Washington Memorial  in einer Zeichnung, den riesigen Obelisken zu Ehren des ersten US-Präsidenten George Washington. (Residenzverlag / Deutschlandradio)
Clemens Berger spielt amüsant die Möglichkeiten eines Doppelgängers eines berühmten Mannes durch. Am Ende tritt auch Donald Trump in dem Roman auf. (Residenzverlag / Deutschlandradio)

Clemens Berger erzählt in "Der Präsident" von einem Polizisten, der dem amtierenden Ronald Reagan zum Verwechseln ähnlich sieht. Als der Doppelgänger beginnt, sich in die Politik einzumischen, wird es heikel - und amüsant.

Ein Schelmenroman aus dem alten Amerika: 1981 meldet ihn seine Frau heimlich zu einem Doppelgänger-Wettbewerb an – und er wird ausgewählt unter 179 Bewerbern. Der Polizist Jay Immer ist zwar 15 Jahre jünger als Präsident Reagan, sieht ihm aber zum Verwechseln ähnlich.

Der Sohn von Einwanderern aus dem Burgenland hatte nie von einem anderen Leben ge­träumt, war froh mit seinem Haus und seinem Garten, seiner Frau und seinem Beruf, aber er lässt sich neugierig ein auf eine Doppelgänger-Existenz, die ihm Geld und Vorteile ver­schafft.

Eine Agentur vermarktet ihn. Er wird für Autohauseröffnungen und Werbe-Fotoshoo­tings gebucht, kommt in der Welt herum, darf Business fliegen. Ein ungewohntes und interessan­tes Le­ben, jedenfalls so lange Reagan beliebt ist. 

Später muss Jay schon mal den Kopf ein­ziehen, weil ihn Eier treffen, die eigentlich dem Amtsinhaber gelten. "Ich bin ein Polizist, der einen Schauspie­ler spielt, der einen Präsidenten spielt."

Eine ausnehmend glückliche Familie

Bergers Romanheld verkörpert den Präsidenten jedenfalls so gut, dass er irgendwann beginnt, dessen Entscheidungen in Frage zu stellen. Jay nimmt Videos auf, in denen er Begnadigungen ausspricht, sich einsetzt für entlassene Fluglotsen und Ende der 1980er-Jahre zum Umweltaktivisten wird. Dieser Teil dieses amüsanten und klugen Romans ist gut konstruierte Fiktion.

Einen Reagan-Doppelgänger aus dem Burgenland hat es übrigens wirklich gegeben. Clemens Berger ist bei Re­cherchen über Auswanderer auf ihn gestoßen und hat diesem Mann, der in Wahrheit anders hieß und anders handelte, ein überzeugendes literarisches Denkmal gesetzt.

Wie man damit lebt, auszuse­hen wie ein anderer und wie man daraus Kapital schlagen kann, darum geht es einerseits in diesem Roman; andererseits geht es aber auch um die Geschichte einer Einwandererfamilie, um eine ausnehmend glückliche Ehe und ein berührendes Ende.

Ein Gorbatschow-Doppelgänger

Nicht zuletzt erzählt "Der Präsident" von der Freundschaft zwischen dem Helden und einem Gorbatschow-Doppelgänger. Der begreift seinen Job zwar ganz anders, ist aber auch für Aktionen gegen den Klimawandel zu gewinnen.

Von ihm lässt sich sogar Donald Trump täuschen, der da noch nichts ande­res ist als ein eitler Baulöwe und beglückt aus seinem Trump Tower tritt, als der vermeintliche Gor­batschow dort einen Kurzstopp einlegt. Als Trump nach diesem Täuschungsmanöver im Fernse­hen befragt wird, reagiert die Frau des Helden hellsichtig: "Donald Duck wäre mir lie­ber, sagte Lucy".

Clemens Berger: "Der Präsident"
Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2020
335 Seiten, 24 Euro

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