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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.10.2013

"Clean ist kein Zustand, in dem man Christiane wiederfinden würde"

Autorin Sonja Vukovic über die gemeinsame Arbeit mit Christiane F. an deren Biografie

Sonja Vukovic im Gespräch mit Dieter Kassel

Das Cover der Biografie "Christiane F. - Mein zweites Leben" (picture alliance / dpa / Deutscher Levante Verlag)
Das Cover der Biografie "Christiane F. - Mein zweites Leben" (picture alliance / dpa / Deutscher Levante Verlag)

35 Jahre nach "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" erscheint ein zweites Buch über das Leben von Christiane Felscherinow. Weil sie sich nicht aufdrängte, schenkte Christiane F. der Journalistin Sonja Vukovic ihr Vertrauen und nutzte die Chance, noch einmal eine Stimme zu bekommen.

Dieter Kassel: Die Geschichte der Christiane F. und ihrer Freunde vom Bahnhof Zoo hat vor 35 Jahren die ganze Bundesrepublik fasziniert und teilweise schockiert. In Form eines Buches, das eben vor 35 Jahren, 1978 erschienen ist und ein paar Jahre später auch als Film. Diese Geschichte endet aber mit Christianes Wegzug aus Berlin im Alter von ungefähr 14 Jahren, und was seitdem passiert ist, das erzählt nun ein neues Buch. Bevor wir über dieses Buch reden, frischt Christian Berndt unsere Erinnerungen an das alte auf.

Kassel: Christian Berndt über die frühe Geschichte der Christiane F. Wie es weiterging mit Christiane Felscherinow - das ist ihr richtiger, kompletter Name - das kann man jetzt in einem zweiten Buch lesen, und dieses Buch hat sie zusammen mit der Journalistin Sonja Vukovic geschrieben, und die ist jetzt bei mir im Studio. Schönen guten Tag, Frau Vukovic!

Sonja Vukovic: Schönen guten Tag!

Kassel: Dass es dieses Buch "Christiane F. Mein zweites Leben" überhaupt gibt, das ist Ihre Schuld. Das liegt daran, dass Sie unbedingt mit ihr reden wollten, sie unbedingt treffen wollten, diese Frage, die wir uns alle stellen, was ist aus ihr geworden, klären wollten. Warum denn eigentlich so dringend?

Vukovic: Na ja, das klingt jetzt so ein bisschen fast, als hätte ich Christiane dazu gedrängt. Ich glaube aber, dass das Geheimnis unserer Zusammenarbeit genau darin liegt, dass ich sie nicht gedrängt habe. Ich hab am Ende meines Volontariats an der Axel-Springer-Akademie die Aufgabe bekommen, mal eine Investigativgeschichte zu recherchieren. Und nach einem Brainstorming und nach der Überlegung, was kann ich denn in Berlin noch umsetzen, bin ich zu dem Punkt gekommen, dass es 2011 genau 30 Jahre her gewesen wäre, dass der Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" in die Kinos gekommen ist.

Und dann hab ich gedacht, na ja, es war Winter 2010, super, ist doch ein toller Aufhänger, ich recherchier mal nach. Und eines Tages hab ich an ihrer Türe geklingelt, und sie antwortete an der Gegensprechanlage, hm, nee, es passe ihr gerade überhaupt nicht, aber ich könne ja mal meine Visitenkarte einwerfen. Und dann hat sie die Tür aufgemacht und ich hab die Briefkästen gesucht und habe meine Karte eingeworfen, bin gegangen und dachte, nee, das war's. Total auf dem falschen Fuß erwischt, das wird nichts.

Und abends rief sie aber tatsächlich an und hat mir dann erklärt, dass der Grund, weshalb sie mich angerufen hat, war, dass ich das respektiert hatte, dass sie in dem Moment keine Zeit hatte oder ihre Privatsphäre brauchte. Dass ich die Tatsache, dass sie die Tür zum Haus aufgemacht hat, nicht ausgenutzt habe, um mit Nachbarn zu sprechen – wie ist es, mit Christiane unter einem Dach zu leben? – oder auf sie zu warten oder durch den Spion zu gucken oder Ähnliches. Und das war der Grund, warum sie mir vertraut hat.

Kassel: Wie geht es ihr denn eigentlich inzwischen. Oder fangen wir mal damit an, wie ging es ihr, als Sie sie dann das erste Mal wirklich persönlich getroffen haben. Ich glaube, das war kurz danach, in einem Café?

"Sorgerecht für ihren Sohn verloren"

Vukovic: Das war im Winter 2010. Und ich war erst mal eigentlich beeindruckt. Ich dachte, als diese Frau die Tür hereinschritt zu diesem Bierbrauhaus in Berlin, das kann ja gar nicht wahr sein. Das soll Deutschlands bekanntester Junkie sein? Unglaublich. Also, sie hatte frisch gefärbte Haare, rot angemalte Lippen, rot lackierte Fingernägel, hatte einen tollen Mantel an, sehr stilvoll, und dann auch noch diesen feschen Chow-Chow, also ihren Hund Leon. Das war schon ziemlich beeindruckend.

Erst, als sie ihre Handschuhe ausgezogen hat, hab ich gesehen, aha, okay, das sind quasi die Narben der Vergangenheit. Es war zu dem Zeitpunkt aber erst zwei Jahre her, dass sie das Sorgerecht für ihren Sohn verloren hatte. Das ist der größte Einschnitt in ihrem Leben, das hat auch, ja, sie letztendlich wieder an einen sehr tiefen Punkt gebracht. Also zu dem Zeitpunkt, als ich sie kennenlernte, war sie, sagen wir mal, in nicht allerbester Verfassung. Ich bin ganz froh, dass ich halt mit der Zeit erleben durfte, dass sie durch die Arbeit wieder so ein bisschen aufblüht.

Kassel: Wenn man die Boulevard-Schlagzeilen ab und zu gelesen hat, die es immer wieder gab in diesen 35 Jahren, dann lauteten die ja immer: Christiane F. am Kottbusser Tor gesehen - also einem der Drogenumschlagspunkte in Berlin - Christiane F. wieder an der Nadel. Nun muss ich zugeben, wenn man das Buch liest, dann hat man den Eindruck, natürlich war das immer sehr zugespitzt, wie die Boulevard-Presse so ist, aber es war nicht richtig falsch, oder?

Vukovic: Na ja, der Grund, warum sie sich oft in der Gegend um den Hermannplatz herumtreibt, ist schlichtweg und ergreifend, dass ihr Methadonarzt dort seine Praxis hat. Eines der für mich entsetzlichen Dinge während unserer Arbeit war die Erkenntnis, dass das, was wir als Otto-Normal-Menschen als clean bezeichnen würden, kein Zustand ist, in dem man irgendwie Christiane irgendwann mal wiederfinden würde. Das hat aber unter anderem auch physische Gründe.

Also, wenn man sich mit Suchtexperten unterhält, die erklären einem, na ja, dass man eine Opiatresistenz verfünfzigfachen kann, also mit Anfang 20, Anfang 30 hat sie Dosen zu sich genommen jeden Tag, womit man eine ganze Sekundarstufe I sedieren könnte. Im Laufe der Jahre gewöhnt sich der Körper, die ganze Physis, die Psyche, das Soziogramm, alles ist quasi auf diesen Stoff ausgerichtet. Und wenn man das Ding jetzt komplett wegnimmt, dann nimmt man denen quasi die Luft weg. Und das ist halt der Grund, warum die auch später, wenn sie weg von der Droge sind, mit einem gewissen Stoff täglich stabilisieren müssen, damit sie überhaupt normal funktionieren.

Kassel: Also das erste Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" endet ja damit, dass sie nach Kaltenkirchen in die Nähe von Hamburg geht, in eine Familie von Verwandten ihrer Mutter, und das Buch endet ja, was das Buch insgesamt überhaupt nicht ist, aber es endet ja doch so ein bisschen mit Hoffnungsschimmern. Was nicht mal völlig falsch war. Sie hat da ja dann wirklich auch ihren Hauptschulabschluss geschafft, das hat alles funktioniert. Aber aus Ihrem neuen Buch lernt man, dauerte aber nicht sehr lange, dann war sie da in der Musikerszene und damit relativ schnell wieder in der Drogenszene.

Dann geht es weiter mit Momenten, wo sie lange in Zürich war, nicht andauernd, aber immer wieder, weil sie nahe Kontakte zur Familie hat, die unter dem Diogenes-Verlag steht. Da landet sie dann aber am Platz Spitz, also dem damaligen - gibt es in der Form nicht mehr - Hauptdrogenumschlagspunkt Zürichs und eines der schlimmsten Europas. Das heißt, ich hatte immer wieder das Gefühl, theoretisch, aus Sicht eines Menschen wie mir, hatte sie eine Chance, und sie hat sie nicht ergriffen.

Vukovic: Ich bin natürlich keine Expertin, aber aus dem, was ich jetzt in den letzten Jahren von ihr gehört habe, erlebt habe, die Gespräche mit den ganzen Suchtexperten, daraus resultiert für mich, dass es natürlich auch fast schon ein bisschen naiv ist zu glauben, dass nur, wenn man jemandem den Stoff wegnimmt, dass das aus der Sucht führt. Weil die Ursachen sind ja ganz andere. Und das ist übrigens der Grund, glaube ich auch, warum Christiane für so viele so faszinierend ist.

Ich glaube tatsächlich, dass viele sich auch mit ihrer Geschichte identifizieren können, denn es geht ja eigentlich nicht um Drogen, sondern es geht da um einen heranwachsenden instabilen Menschen, der familiär vernachlässigt wurde, der sich irgendwie identifizieren will, der irgendwo dazugehören will, der geliebt sein will, und der auf dem Weg in eine scheinbare Lösung komplett sich verliert. Und das kann man auch quasi wegholen von der Droge und umschlagen auf eine Sportsucht oder auf eine Arbeitssucht oder Esssucht oder Ähnliches. Die Ursachen sind ja das Wichtige.

"Chancen und Probleme durch das erste Buch"

Kassel: Wir reden heute Nachmittag hier im Deutschlandradio Kultur mit Sonja Vukovic, die zusammen mit Christiane Felscherinow, so heißt Christiane F. mit komplettem Namen, das Buch geschrieben hat: "Christiane F. Mein zweites Leben". Hat eigentlich das erste Buch und auch der Film, der dann Anfang der 80er-Jahre gedreht wurde, hat das Christiane Felscherinow in ihrem Leben eher geholfen oder hat es sie teilweise eher behindert, diese Öffentlichkeit?

Vukovic: Nach dem zu urteilen, was sie mir erzählte, ist es tatsächlich beides so ein bisschen. Auf der einen Seite hat das Buch ihr natürlich eine Reihe von Chancen gegeben in ihrem Leben und auch wirklich tolle Menschen in ihr Leben reingespült. Also wenn man nur mal an die ganzen Jahre in Zürich bei Daniel und Anna Keel denkt, die damals den Diogenes-Verlag gegründet haben. Auf der anderen Seite hatte sie das Problem, dass sie ihr ganzes Leben lang quasi gegen einen Teil von sich ankämpfen musste, der sie auf der anderen Seite ernährt. Und das ist natürlich ein Zwiespalt, der für sie ganz schwierig zu ertragen ist.

Kassel: Sie waren und sind ja in einer ein bisschen zwiespältigen Situation: Sie sind einerseits Journalistin, und ich sag das bewusst jetzt mal ein bisschen kalt, Christiane Felscherinow war Ihr Objekt, also Ihr Gesprächspartner für ein journalistisches Projekt. Aber andererseits könnte ich mir ja vorstellen, nach so vielen Jahren, in denen Sie sie sehr regelmäßig getroffen haben, ist das ja auch ein bisschen mehr als einfach nur ein Gesprächspartner. Ist da so eine Art Freundschaft entstanden, oder haben Sie doch Distanz gewahrt, jetzt am Schluss?

Vukovic: Nee, ich hab keinerlei Distanz bewahrt. Also, gebe ich ganz frank und frei zu. Ich glaube, anders wäre das aber auch nicht machbar gewesen. Also, wir haben so eine Art freundschaftliches Verhältnis. Ihr geht es am Ende des Tages nicht um Erfolg. Sondern ihr geht es darum, dass sie irgendwie Vertrauen finden kann, dass sie sich wohl fühlt, dass sie akzeptiert ist und dass sie die Chance hat, wie hat sie gesagt, dass sie die Chance noch mal hat, eine Stimme zu bekommen.

Kassel: Sagt Sonja Vukovic, die zusammen mit Christiane Felscherinow das Buch geschrieben hat "Christiane F. Mein zweites Leben". Erschienen ist das Buch im Berliner Levante-Verlag. Und es gibt, nicht nur, aber auch zum Buch eine Internetseite unter der Adresse Homepage "Christiane F. - Mein zweites Leben"christiane-f.com.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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