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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.11.2019

Christoph Ransmayr: "Arznei gegen die Sterblichkeit"Europas blutiger Reichtum

Von Maike Albath

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Das Cover ist hellgrau, darauf ist neben Autor und Titel das Porträt eines Affen zu sehen. (Cover: S.Fischer-Verlag)
Cover des Buchs von Christoph Ransmayr mit dem Titel "Arznei gegen die Sterblichkeit" (Cover: S.Fischer-Verlag)

Die Begegnung mit einem achtjährigen Mädchen vergegenwärtigt dem Afrika-Reisenden Christoph Ransmayr die grausame koloniale Vergangenheit. Seine Erzählungen "Arznei gegen die Sterblichkeit" sind ebenso politisch wie literarisch funkelnd.

Mit den neuen Erzählungen von Christoph Ransmayr, "Arznei gegen die Sterblichkeit" heißt der Band, hat es eine besondere Bewandtnis: Sie sind als Dankesreden für bestimmte Auszeichnungen entstanden, die der Schriftsteller für seinen letzten Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" (2016) erhielt.

Es handelt sich um sorgfältig komponierte Miniaturen, funkelnde Prosastücke mit einer Pointe oder einer Gedankenbewegung, die eine autobiografische Erfahrung aufgreift und etwas mit dem Namensgeber des jeweiligen Preises zu tun hat.

Die Geschichte "Mädchen im gelben Kleid", aus Anlass des Würth-Preises für Europäische Literatur erstmals vorgetragen, dekliniert tatsächlich das durch, was Europa für Afrika bedeutet.

Es geht um eine Reise, die der Erzähler mit einigen Freunden und einer ruandischen Primatenforscherin in ein Gebiet zwischen Uganda, Ruanda und dem Kongo unternahm, um dort eine Berggorillahorde zu beobachten. Während die Gruppe durch eine Reifenpanne bei den Virunga-Vulkanen zwischen Papyrusfeldern aufgehalten wird, sieht der Ich-Erzähler ein achtjähriges Mädchen in einem gelben Kleid, das einen viel zu großen Wasserkanister schleppt.

Das Dilemma der Gegenwart

Die dort verlegten Wasserrohre dienten ausschließlich den Kaffee- oder Kakaoplantagen oder den Tulpenfeldern der Blumenzüchter, führten aber nie in die Dörfer zu den Menschen, stellt er fest und lässt die grausame koloniale Vergangenheit Revue passieren. Dass sich das Mädchen später von den Reisenden nicht mitnehmen lassen will, wirkt wie ein Reflex auf diese Erfahrungen.

Als die Gruppe Tage später auf das Leittier der Gorillahorde mit silbrigem Rücken stößt und sich mit grunzenden Lauten um den Gorilla bemüht, begegnet der Koloss den fremden Artgenossen mit nachsichtiger Freundlichkeit.

Unaufdringlich und lakonisch bringt Ransmayr in diesem Text das Dilemma der Gegenwart auf den Punkt: Unser Reichtum geht auf die Ausnutzung anderer Kontinente zurück.

Die Frage nach dem Sinn der Literatur

In den beiden anderen, in ihren Verfugungen ebenso elegant gestalteten Geschichten bilden Kindheitserfahrungen den Kern.

Ein fatales Eigentor bei einem wichtigen Spiel wird von dem sportlichen Bäckermeister, der zugleich der Trainer der örtlichen Fußballmannschaft ist, mit den ironischen Worten quittiert, er sei "eine Zierde für den Verein".

Dass es sich dabei um den Titel des einzigen Romans von Marie Luise Fleißer handelte, findet der Autor erst viele Jahre später heraus.

Und in der dritten Erzählung porträtiert er seinen Vater, der im Kampf um die Wiederherstellung seines guten Rufes mehr und mehr zu einem Michael Kolhaas wird.

Sinn von Literatur

Das untergründige, gleich zu Beginn aufscheinende Thema ist aber die Frage nach dem Sinn von Literatur. Hier imaginiert Ransmayr eine Zeit vor einer Million Jahren, als ein ehemaliger, schwer verletzter Jäger sich durch das Erzählen von Geschichten seinen Platz in der Horde verdient: Der Wert seines Tuns liegt darin, dass es sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft hineinragt. Dies ist auch Ransmayrs ureigenes Terrain. Oder wie er es ausdrückt: "Denn was ist, ist niemals alles."

Christoph Ransmayr: "Arznei gegen die Sterblichkeit". Drei Geschichten zum Dank
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019
64 Seiten, 12 Euro

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