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Sein und Streit | Beitrag vom 27.12.2020

Christoph Quarch zu „Eros und Harmonie“Wie das Glück uns findet

Moderation: Simone Miller

Historische Zeichnung des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v.Chr.) als junger Mann in seinem Studienraum. (imago images / Photo12 / Ann Ronan Picture Library)
Er suchte das Glück in der Hingabe an die Vernunft: Aristoteles im Homeoffice. (imago images / Photo12 / Ann Ronan Picture Library)

Je mehr wir unserem Glück nachjagen, desto weniger erfüllt es uns am Ende. Kein Wunder, meint der Philosoph Christoph Quarch, denn wahres Glück werde einem geschenkt. Doch das setze eine ganz bestimmte Haltung voraus.

Wir leben in einer Gesellschaft, die an jeder Ecke mit Produkten winkt, die Glück und Sinn versprechen: das Duschgel mit Bio-Bergamotte, der Tee mit Zeremoniehintergrund, die faire Schokolade, das Elektroauto mit Solarcarport und Ökostromtarif. Aber ist Glück wirklich konsumierbar?

Das kleine Glück der Kaufentscheidung

Die allgegenwärtigen Produktversprechen zielten im Grunde auf ein "kleines Glück", sagt der Philosoph Christoph Quarch, indem er eine Formulierung Friedrich Nietzsches aufgreift. In der Philosophiegeschichte, die verschiedene Glücksbegriffe kenne, stelle diese Variante eher einen Abweg dar. Doch in modernen Industriegesellschaften sei das vorherrschende Verständnis von Glück nach wie vor stark von dieser Auffassung geprägt.

Das Konzept gehe auf die vorwiegend angelsächsische Denkschule des Utilitarismus zurück. Sie habe im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert die Vorstellung entwickelt, dass Glück etwas Quantifizierbares sei, erklärt Quarch. Zu dieser Zeit sei auch das Menschenbild des "Homo oeconomicus" aufgekommen, "eines Wesens, das bei allem, was es tut, immer danach strebt, für sich das Maximum herauszuholen und so auch ein Maximum an Glück zu erlangen."

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Für eine treffende Definition dieses quantifizierbaren Glücks zeichne John Adams verantwortlich, der zweite Präsident der USA: "Ease, Comfort and Security" seien für ihn die Attribute der erstrebenswerten "Happiness" gewesen: "eine gewisse Leichtigkeit, Bequemlichkeit und Sicherheit."

Quarch findet es jedoch beklagenswert, dass philosophische Konzepte einer tieferen Glücks- und Sinnerfahrung zugunsten dieses relativ "kleinen" und "flachen" Glücks utilitaristischer Prägung in Vergessenheit geraten seien. In seinem Buch "Eros und Harmonie" zeichnet er eine Verfallsgeschichte dieser anspruchsvolleren Vorstellung von Glück oder "Glückseligkeit" nach.

Streben nach dem göttlichen Geist

Zu einer folgenschweren Weichenstellung sei es schon in der Philosophie der griechischen Antike gekommen, so Quarch. Aristoteles habe in seinen ethischen Schriften die Ansicht vertreten, dass wir als Menschen dann am glücklichsten seien, wenn wir, "wie man heute sagen würde, unser Alleinstellungsmerkmal zur vollen Entfaltung gebracht haben". Diese einzigartige und höchste menschliche Fähigkeit habe Aristoteles im Geist, dem Intellekt, gesehen, der den Menschen nach seiner Auffassung mit dem Göttlichen, Ewigen und Unsterblichen verband.

Die Krux dieser Identifikation der Glückseligkeit mit der Sphäre des Göttlichen: "Damit überheben wir uns ein Stück", sagt Quarch, "und haben uns vielleicht ein Glücksideal geschaffen, das uns daran hindert, das ganz menschliche, vielleicht auch allzu menschliche Glück erfahren zu können.

Die christliche Tradition habe Aristoteles' Vorstellung noch zugespitzt und die Glückseligkeit ins Jenseits verlagert: als posthumen Lohn für Wohlverhalten zu Lebzeiten. "Man fragt sich jetzt nur noch: Was müssen wir tun, um in einem anderen Leben selig zu werden", erklärt Quarch.

Darüber sei die Frage nach diesseitigem Glück aus dem Blick geraten. Als mit Beginn der Neuzeit immer mehr Menschen an einem Leben nach dem Tod zweifelten, sei indes eine Frage immer drängender geworden:

"Wie können wir diese Freude, diesen Spaß, den die Seligen im Himmel haben sollen, hier in diesem Leben aller erreichen? Und was dann unter dem Strich herauskommt, ist 'Happiness'."

Suche nach der Harmonie des Kosmos

Dieser Vorstellung von Glück oder Freude, die vor allem auf die Befriedigung individueller Bedürfnisse abzielt, setzt Quarch eine andere antike Überlieferung entgegen. Die Namen Sokrates und Platon stünden für eine Denkweise, "die wir vielleicht heute systemisch nennen würden". Im Zentrum ihrer Glückskonzeption stehe die Idee einer äußeren und inneren Balance, die durch Harmonie zum Ausdruck komme.

Porträt von Christoph Quarch: Gesprächspartner für die Sendung am 27.12. (Ulrich Mayer)Die Philosophie hat das Glück unterschiedlich interpretiert. Es komme darauf an, dafür offen zu bleiben, dass einem Glück widerfährt, sagt Christoph Quarch. (Ulrich Mayer)

Sokrates und Platon verstanden Menschen als "Bürger eines Kosmos: einer umfassenden Welt, die sie nicht zufällig 'Kosmos' nannten, weil Kosmos nichts anderes bedeutet als 'schöne Ordnung'", erklärt Quarch. "Die grundlegende Idee des guten Lebens bestand nun darin, dass sich der Mensch in dieser großen Symphonie des Lebens so einbringt, dass er mit dem Großen und Ganzen im Einklang ist."

Diese Vorstellung hatte auch eine gesellschaftliche Dimension, sagt Quarch. "Gerechtigkeit ist im griechischen Verständnis ein Zustand der Balance: Das Recht dient dazu, die Welt wieder ins Lot zu bringen, wenn sie durch einen unrechtmäßigen Akt aus dem Gleichgewicht gebracht worden ist." Sokrates ging daher davon aus, dass der Ungerechte nicht glücklich sein könne, weil er eine Ordnung unterbreche, die ihn Teil einer guten Gemeinschaft sein lasse.

Äußere und innere Balance

Ebenso wie nach äußerer Gerechtigkeit verlangt diese Glücksvorstellung auch nach einer "inneren", erläutert Quarch: der ausgewogenen Balance von menschlichen Vermögen wie Rationalität, Emotionalität und Affektivität. "Wenn wir so mit uns übereinstimmen und uns dann als stimmiges Wesen ins Ganze eines Gemeinwesens integrieren, dann wird uns dieses große Glück zuteil, indem wir quasi ein stimmiger Akkord in der großen Symphonie des menschlichen Miteinanders und des großen kosmischen Miteinanders geworden sind."

Dieser ausbalancierte Glückszustand, der in der griechischen Antike als "eudaimonia" bezeichnet wurde, sei mithin ein "Beziehungsgeschehen", sagt Quarch, eine Form der Kommunikation oder "Konversation zwischen Mensch und Welt", die eine bestimmte Art von Empfänglichkeit voraussetze: die Bereitschaft des Menschen, offenzubleiben für das, "was das große Ganze ihm zu sagen hat". In diesem Sinne sei jede Glückserfahrung, wenigstens zum Teil, ein Geschenk:

"Das ist eigentlich nie das Ergebnis unseres Wollens, unseres Könnens, unseres Machens, bestimmter Glückstechniken oder Glücksrezepturen, die uns zwar manche Glücksratgeber in Aussicht stellen, sondern es ist immer das Produkt eines Einstimmens, eines – ja, manchmal auch gerade Loslassens und sich Einlassens auf das große Geschehen der Welt."

Im Einklang mit der Symphonie des Lebens

Der Ansporn, der uns dazu bringe, mit der Welt in Kontakt zu treten, "der innere Antrieb des Lebens, der uns Menschen immer wieder dazu anfeuert und stimuliert, die in uns schlummernden Potenziale zu entfalten", hieß in der griechischen Antike "Eros". Mit Potenzialentfaltung sei aber gerade nicht gemeint gewesen, dass sich der Mensch die Welt als Forscher, Former und Erfinder nach seiner eigenen Vorstellung gefügig machen sollte, wie es in der neuzeitlichen Philosophie etwa René Descartes propagiert habe, so Quarch:

"Glücklich werden wir genau dann, wenn wir uns von diesen Denkweisen freimachen und jetzt wirklich einlassen, uns einstimmen auf diese große Symphonie des Lebens."

Auf eine besonders einprägsame Formel habe der Schriftsteller Hermann Hesse diesen Gedanken gebracht. Er schrieb 1949 in einem Vortrag: "Mittanzen im ewigen Reigen der Welt, mitlachen im ewigen Lachen Gottes, das ist unsere Teilhabe am Glück."

(fka)

Christoph Quarch: "Eros und Harmonie. Eine Philosophie der Glückseligkeit"
Legenda Q Verlag, Daun 2020
272 Seiten, 19,90 Euro

Außerdem in dieser Ausgabe von Sein und Streit:

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