Ich heiße Christoph Peters und ich bin Alkoholiker. Ich bin in einem niederrheinischen Bauerndorf aufgewachsen, wo der erste Schnaps schon morgens um elf ausgeschenkt wurde. Alkohol war so selbstverständlich wie Schweine zu Hause zu schlachten – mit viel Schnaps, versteht sich. Alle Feste endeten im kollektiven Vollrausch. Im Alter von zehn Jahren kam ich auf ein katholisches Jungeninternat fernab der Zivilisation. Dort war es den Schülern ab der 11. Klasse erlaubt, Bier zu kaufen. Es fand sich aber schon vorher immer einer, der den Jüngeren welches besorgte. Meine erste Flasche habe ich mit vierzehn getrunken.
Christoph Peters: „Entzug“
Als Christoph Peters diesen Satz niederschreibt, befindet er sich in einer Entzugsklinik. Hinter ihm liegen zweieinhalb Jahrzehnte, in denen er nahezu täglich Alkohol zu sich genommen hat. Die Gründe für diese Abhängigkeit sind mannigfaltig: Peters hat aus Langeweile getrunken, aus Lebensüberdruss, auch als Inspirationsanstoß während des Schreibens.
Er trank, bis alles eskalierte
Christoph Peters trank, bis alles eskalierte – rund zwei Jahre nach Geburt seiner kleinen Tochter. Nach dem Aufstehen Wodka aus dem Wasserglas – gegen das Morgenzittern. Er kippt während seines Einkaufs Kräuterschnaps. Alles, was er auf dem Weg konsumiert, muss er später nicht erklären gegenüber der besorgt-verärgerten Gattin.
Zum Nachmittag genehmigt sich der Schriftsteller Kaffee mit doppeltem Cognac, dazwischen ein, zwei Flaschen Wein. Nicht einmal die alkoholhaltigen Klostermedikamente sind vor ihm sicher. Hinter leeren Aktenordnern im Arbeitszimmer ist eine halbvolle Smirnoff-Flasche versteckt.
Ohne zu trinken bin ich tot, fühllos, ein Nichts und ein Niemand. Dann dehnt sich die Angst bis an die Grenzen des Hirninnenraums aus – Angst vor dem Leben, dem Sterben, den Menschen, die ich kenne, den Menschen, die ich nicht kenne, der Leere, dem ersten Satz, dem nächsten Satz, vor dem Zusammenbruch, vor Verarmung, Finanzbehörden, Vollstreckungsbeamten, Obdachlosigkeit … vor dem Zittern, dem Zahnausfall, dem tauben Gefühl in den Füßen, das immer höher die Unterschenkel hinaufkriecht und vielleicht das erste Anzeichen von Raucherbeinen ist, auch wenn ich dafür eigentlich noch zu jung bin.
Christoph Peters: „Entzug“
Paranoia ist ein Symptom des Alkoholismus. Jene berauschend- wahrnehmungstrübenden Effekte, die durch den übermäßigen Konsum eintreten, sorgen zwangsläufig für eine verquere Sicht auf das, was wir allgemein unter Wirklichkeit verstehen. Der Alkoholiker lebt in seiner eigenen Realität, die ihm schnell beängstigend erscheint.
An der Grenze von Fakt und Fiktion
Literatur über Alkoholismus erzählt deshalb oft an der Grenze von Fakt und Fiktion, von Wirklichkeit und Phantasie. Diese Dualität zeigt Peters’ Roman schon auf der Formebene. Die autobiografisch inspirierte Geschichte ist unterteilt in 90 Seiten über das „Trinken“ und daran anschließende 280 Seiten über das „Nicht trinken“, in einen Kranken- und einen Genesungspart also, zwanzig Jahre nach dem letzten Absturz verfasst.
Im ersten Romanabschnitt stolpert Peters stockbesoffen durch die Szenerie, täppisch wie der abenteuerliche Simplicissimus oder Miguel de Cervantes’ Don Quichotte. Während seine Frau Veronika die kleine Tochter behutsam abschirmt vor den gottlob nie gewalttätigen Eskapaden ihres saufenden Gatten, ist dessen Denken allein auf den nächsten großen Schluck fixiert.
Ich muss aufhören zu trinken. Ich kann nicht aufhören zu trinken. Wegen der Panik, die dann ausbricht, vor allem wegen des Zitterns, das jedem, der mich sieht, sofort unmissverständlich vor Augen führt, dass diese Grenze überschritten ist – dass ich diese Grenze überschritten habe, hinter die es kein Zurück gibt.
Christoph Peters: „Entzug“
Symptome der Alkoholerkrankung kennt Peters: Depression und Angstzustände begleiten den bei Einsetzen der Romanhandlung 39-Jährigen seit über einem Jahrzehnt – die morgendlichen Schweißausbrüche seit immerhin elf Monaten.
Größere Blackouts und kleinere Erinnerungslücken
Mit siebenundzwanzig, als ich morgens um zehn, vor und zurück wippend wie ein hospitalisierter Affe, vor einer Flasche Rotwein saß, habe ich mir erstmals die Frage gestellt: Trinke ich, weil ich depressiv bin, oder bin ich depressiv, weil ich trinke? Damals war ich schon nicht mehr in der Lage, sie zu beantworten.
Christoph Peters: „Entzug“
Seine Depressionen und seine Alkoholsucht verbirgt der Schriftsteller vor sich selbst. Er kauft in verschiedenen Supermärkten und Kiosken ein, und glaubt, so falle niemandem auf, dass er täglich trinkt.
Von seiner Frau auf größere Blackouts und kleinere Erinnerungslücken angesprochen, reagiert Peters verärgert. Dabei kann er sich nicht einmal mehr erklären, weshalb eine angebrochene Wodkaflasche frühmorgens auf dem Küchentisch steht.
In diesem Zustand leidet die schriftstellerische Arbeit mehr denn je. Der Alkoholismus hatte ihn bereits zuvor beeinträchtigt, doch nun wird die Krankheit existenzbedrohend. Das von ihm zuletzt verfasste Kapitel eines damals entstehenden Romans fällt beim äußerst besorgt klingenden Verlagslektor durch: „Leider kann ich Dir diesmal nach der Lektüre nicht einfach von meiner Begeisterung schreiben", schreibt der Lektor: "Für mich ist der Text, so wie er sich in seiner jetzigen Fassung darstellt, noch nicht in dem Stadium, das ich eigentlich von Dir gewohnt bin.“
Karriere, Familie, Würde: Wird er alles verlieren?
Nach dieser Mail wird Christoph Peters deutlich, dass er gerade alles verliert: seine Karriere, seine Familie, seine Würde. Eine Entwöhnung auf eigene Faust würde ihm misslingen. Einfach weniger zu trinken, ist unmöglich geworden.
Er wird die Konsequenz aus dieser Einsicht – also den Entzug – zunächst vermeiden, stattdessen weitertrinken, sich dieses Trinken schönreden. Er wird über die private Beschaffung eines unterstützenden Medikaments nachdenken – und erst als dies misslingt, beim Hausarzt vorstellig werden.
‚Wir haben gerade einen Alkoholtest gemacht‘, sagt der Arzt, ‚2,3 Promille, morgens um elf, das ist ein ziemlich hoher Wert. Würden Sie sagen, dass Sie heute Morgen eher mehr oder eher weniger getrunken haben als sonst?‘“
Christoph Peters: „Entzug“
Tatsächlich ist es die gleiche Menge wie jeden Morgen – mit dem halben Wasserglas Wodka gegen fünf, dem zweiten um acht Uhr und dem geleerten Flachmann auf dem Weg zur Hausarztpraxis, ist so eine halbe Flasche zusammengekommen. 2,3 Promille! Das ist der erste gesicherte Fakt in diesem Buch.
Der Wert 2,3 Promille ist zugleich der erste Schritt aus dem Rausch hinaus in die Heilung: und diese Heilung, der Weg zum Nüchternwerden, wird auch stilistisch äußerst nüchtern nachgezeichnet.
Theoretisch, wenn weniger auf dem Spiel stünde, könnte es auch lustig sein. Der Blick durch die Fensterfront endet an einem roten Ziegeldach unter tief hängender Wolkendecke. Ich habe den Koffer ausgepackt. In meinem Spind befinden sich Unterwäsche und Socken für vierzehn Tage, zwei Jeans und fünf Hemden sowie ein neuer Pyjama, klassisch kariert.
Christoph Peters: „Entzug“
Endlich ist Christoph Peters in der Entzugsklinik angekommen.
Es war die Hölle, durch diesen Entzug durchzugehen, aber gleichzeitig war da diese unglaubliche Erleichterung, ich muss nicht mehr trinken, weil: ich kann nicht mehr trinken.
Christoph Peters: „Entzug“
Im eröffnenden Sucht-Kapitel war der Ton anders. Da gab es überbordende Phantasie inmitten der Abhängigkeit. Man konnte sich erinnert fühlen an Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ von 1939 oder an Édouard Manets Gemälde „Der Absinthtrinker“ aus dem Jahr 1859 – an zwei von zahlreichen Kunstwerken, die errichtet wurden auf den Trümmern des Alkoholismus.
Kunst über Rausch und Absturz
All diese Gemälde, Bücher oder auch Filme suchen auch die Schönheit im Hässlichen – und viel wissen wir dank dieser Kunst über den Rausch und seinen Absturz, über die Melancholie der Abhängigkeit, über das Andere der Vernunft.
Wenig wissen wir hingegen über den Heilungsprozess – der äußerst fragil ist. Die Rückfallquote nach einem Alkohol-Entzug liegt bei über neunzig Prozent, was Christoph Peters in der Klink gleich zu Beginn mitgeteilt wird.
Wahrscheinlich sollte diese Information, ganz egal, woher die Zahl stammt, meinen Ehrgeiz anstacheln. Als ob ich in einem Zustand wäre, der Raum für Ehrgeiz ließe … Um mir die Notwendigkeit vor Augen zu führen, mich auf alle therapeutischen Maßnahmen einzulassen, selbst wenn sie mir nicht einleuchten.
Christoph Peters: „Entzug“
Wie schon die 2,3 Promille sind auch diese über 90 Prozent ein gesicherter Fakt. Der Entzug und die Klink markieren den quälenden Abschied vom Fuseltraum. Hier findet die schmerzhafte Hinwendung zum Realitätsgrund nicht nur des Schriftstellers statt, sondern auch aller Mitpatienten, die oft hilflos auf die Zerstörung ihres Lebens schauen. Peters ist untergebracht in einem Vierbettzimmer mit drei anderen Männern, darunter einem logorrhoischen Polizisten.
"Es muss schlimm sein, richtig schlimm. Der Sinn ist, dass du da mit dem Gefühl rausgehst: Ich will so etwas nie wieder erleben": Worte eines Freundes – der Peters das schmucklose Krankenhaus empfohlen hatte. Kein Privatpatientenchalet also, sondern auch hier: die Hinwendung zum absolut Kargen.
Arztvisiten, Gesundheitschecks und Atem-Alkoholkontrollen
Grübelnd, in sich versunken nimmt der Schriftsteller sein neues Schicksal an, lässt sich klaglos von Mehlschwitze ertränkten Wirsing und Graubrot mit Bierschinken vorsetzen, und erträgt seine nur leidlich von Medikamenten abgefederten Entzugserscheinungen.
Er lässt Arztvisiten, Gesundheitschecks und Atemalkoholkontrollen über sich ergehen, besucht Ergo-, Gruppen-, Schreib- und Kunsttherapie: Korbflechten kann er dort, Mandalas ausmalen noch nicht – aufgrund seines starken Tremors.
Viele suchtkranke Menschen verlieren ihren Partner, doch Peters’ Frau Veronika ist geblieben. Sie, die oft im Hintergrund wirkt, ist die stärkste Figur dieses poetisch von der Trostlosigkeit, aber auch vom Trost berichtenden Romans.
Christoph Peters hat sich dereinst gefügt – und ist nüchtern geblieben. Er hat lange Meditationen und japanische Teezeremonien für sich entdeckt, so die Grundlagen geschaffen, um nun – anders als damals – einen wirklich guten Roman zu schreiben, der noch den kritischsten Lektor – und Leser beglückt.