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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.11.2016

Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz"Fast jeder Syrer ist auf humanitäre Hilfe angewiesen"

Moderation: Thomas Jaedicke

Einwohner nehmen in Moadamiyeh, einem Vorort von Damaskus, Hilfsgüter vom Roten Kreuz entgegen, aufgenommen 2015 (imago/Xinhua)
Die Hilfsorganisationen Rotes Kreuz und Roter Halbmond könnten immer nur wieder verhandeln, dass ihnen Zugang in Kriegsregionen gewährt werde, so Christof Johnen. (imago/Xinhua)

Ob innerhalb oder außerhalb seines Landes, fast jeder Syrer brauche inzwischen humanitäre Hilfe, so Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz. Doch sei es zunehmend schwierig, diese auch zu leisten. Denn die Konfliktparteien gäben keine Sicherheitsgarantien.

Fast die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist seit Beginn des Krieges 2011 aus ihren Häusern geflohen, darunter fünf Millionen, die sich als Flüchtlinge ins Ausland durchgeschlagen haben. In vielen Landesteilen wütet der Bürgerkrieg, die Zerstörung ist massiv.

Christof Johnen, beim Deutschen Roten Kreuz für den Bereich Internationale Zusammenarbeit zuständig, war gerade eine Woche in Damaskus – und berichtete im Deutschlandradio Kultur von der Situation vor Ort.

"Es sind inzwischen mehr als 13 Millionen Menschen im Land auf humanitäre Hilfe angewiesen, und wenn Sie jetzt noch die Menschen, die das Land verlassen haben, hinzuzählen, dann heißt das quasi, dass fast jeder Syrer inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen ist. Vor dem Konflikt lebten circa 20 bis 21 Millionen Menschen im Land."

Humanitäres Völkerrecht immer wieder missachtet

Alles verschlechtere sich.

"Die Infrastruktur bröckelt natürlich, selbst da, wo keine heißen Konflikte sind. Es gibt lange Stromausfälle, die Schulen sind komplett überfüllt, wo sie denn überhaupt noch funktionieren, eben durch die vielen intern vertriebenen Menschen. Das Gesundheitssystem ist faktisch zusammengebrochen."

Das Problem sei, dass alle Konfliktparteien immer wieder das humanitäre Völkerrecht missachteten und nicht die Sicherheitsgarantien geben würden, die die humanitären Helfer benötigten, so Christof Johnen.

"Das heißt, die Hilfsgüter sind da, aber uns wird nicht garantiert, dass wir nicht angegriffen werden."

  • Christof Johnen ist beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) für den Bereich Internationale Zusammenarbeit zuständig (Deutschlandradio / Cara Wuchold)Christof Johnen ist beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) für den Bereich Internationale Zusammenarbeit zuständig (Deutschlandradio / Cara Wuchold)

Die Hilfsorganisationen Rotes Kreuz und Roter Halbmond könnten immer nur wieder verhandeln, dass der Zugang gewährt werde. Sie hätten jedoch keine Sanktionsmechanismen.

"Dass das humanitäre Völkerrecht, das ja humanitäre Hilfe insbesondere für die Zivilbevölkerung garantiert, dass dieses Recht durchgesetzt wird, das ist Aufgabe der Staatengemeinschaft und aller Konfliktparteien. Und da sehen wir nicht nur in Syrien eine massive Erosion des humanitären Völkerrechts, sondern auch offensichtlich des Willens, des politischen Willens, dieses Völkerrecht durchzusetzen."

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