Christliche Nächstenliebe für einen Diktator

Von Martin Wolter |
Als Erich und Margot Honcker Ende 1989 Asyl suchten, nahm sie Uwe Holmer bei sich im Pfarrhaus auf - obwohl er zuvor als "Feind des Sozialismus" galt und das Regime ihn mit Gefängnis bedroht hatte. Er habe Bereitschaft zur Versöhnung zeigen wollen, sagt Holmer.
"Für mich war das entscheidende Ereignis in meinem Leben, dass ich mich bewusst entschied zur Nachfolge Jesu Christi, ich wollte ein Jünger Jesu sein, ihm folgen und tun, was er will. Und dann wuchs daraus die innere Berufung, Pastor zu werden. Meine Mitschüler waren ganz verwundert darüber, in einer Zeit, wo der Sozialismus aufblühte und jeder dachte: Wenn du vorwärts kommen willst, musst du mit der Partei gehen – und ich ging zur Kirche. Sagte einer: ‚Du bist doch ein vernünftiger Kerl? Hast du nicht begriffen , dass bei der Kirche nichts zu holen ist?‘ Und ich konnte nur sagen, ich glaube, dort ist die Wahrheit."

Dabei hätte Uwe Holmer, geboren 1929 in Wismar, auch in den Westen gehen können.

"Mein Vater war leitend tätig im Vorstand einer landeskirchlichen Gemeinschaft. Daraufhin haben sie meinen Vater fristlos entlassen. Da er aber eigentlich seine Heimat in Schleswig-Holstein hatte, das war 1953, sind sie zurückgegangen in den Westen. Und meine Mutter bat natürlich, Junge komm‘ mit, und ich sagte, ich studier hier Theologie und bin bald fertig. Hier werden Pastoren gebraucht, ich bleibe hier."

Auf der ersten Pfarrstelle im mecklenburgischen Leussow bekommt Holmer die totalitäre Energie der frühen DDR deutlich zu spüren und wird Zeuge der Zwangskollektivierung nach sowjetischem Vorbild, der sich auch alle bisher nicht enteigneten Bauern zu beugen haben. Der Widerstand gegen den Eintritt in die LPGs wird mit massivem Druck gebrochen – und die verängstigten Bauern gezwungen, am Ende vor dem Rat der Stadt persönlich um die Aufnahme zu bitten. Holmer kann dem nicht tatenlos zusehen.

"Wir wurden dann als Pastoren in unserem Kreis Ludwigslust eingeladen ins Schloss nach Ludwigslust, und da waren acht Genossen vom Bezirk, die haben uns erklärt, wie wunderbar das sei , dass wir nun alle gemeinsam arbeiten. Da konnte ich dann nur sagen: ‚Ich habe in diesen Tagen so viele Tränen gesehen, das können Sie gar nicht glauben.‘ ‚Tränen?‘, sagte der Leiter, ‚ich habe auch Tränen gesehen, Tränen der Freude, dass sich nun endlich die Wünsche der Bauern erfüllen.‘ Ich sag, ‚die Tränen, die ich gesehen hab, waren keine Tränen der Freude!‘ ‚Wo sind Sie her?‘ ‚Aus Leussow‘. ‚Dann wollen wir mal durch Leussow gehen, und die Leute fragen!‘

Und da bin ich so wütend geworden, da staut sich auch etwas auf, wenn man sieht, wie die Bauern gedemütigt werden. ‚Wenn Sie die Meinung der Leute wissen wollen, müssen Sie vorher Ihr Parteiabzeichen abnehmen.‘ Einer spricht mich an und brüllt: ‚Was sind Sie für eine schwarze Drossel! Wo kommen Sie her, mit Ihnen müssen sich mal die Justizbehörden beschäftigen.‘ Aber dann stand unser Superintendent auf und sagte: ‚Sehen Sie meine Herren, Sie haben uns eingeladen, wir wollen miteinander diskutieren, nun macht einer seinen Mund auf, und da holen Sie einen Knüppel aus dem Sack.‘ Da standen wir mit den Bauern zusammen, das hat auch sehr viel Vertrauen geschaffen, untereinander, das wünschte ich mir heute auch wieder, ein wirklich echtes Zusammenstehen von Pastoren und Gemeinde."

<h4stragtegische kooperation="" mit="" dem="" system<="" h4="">Über die Leitung einer Bibelschule und christliche Suchtkrankenarbeit, die in Mecklenburg schon seit dem 19. Jahrhundert Tradition hatte, kommt Uwe Holmer 1983 mit seiner 11-köpfigen Familie nach Lobetal bei Bernau. Von Friedrich von Bodelschwingh zu Beginn des Jahrhunderts begründet als Arbeiterkolonie für Berliner Obdachlose, sind die sogenannten Hoffnungstaler Anstalten später eine Diakonische Einrichtung mit Wohn- und Werkstätten für Epilepsie- und Suchtkranke, Menschen mit Behinderung und alte Menschen. Hier befindet sich Holmer als Direktor der Anstalten im ständigen Spannungsfeld zwischen Gegnerschaft und Zusammenarbeit mit dem System.

"‘"Es war ganz klar: Ich war gegen jedes Verbrechen und gegen jede Herzlosigkeit des alten Regimes: Das wussten auch die Genossen genau, es stand in meiner Akte: Holmer ist ein Feind des Sozialismus. Aber in meinem praktischen Handeln: Ich war Leiter einer großen diakonischen Einrichtung und war drauf angewiesen, dass ich mit den Behörden verhandeln musste, wenn etwa ein Engpass in der Energieversorgung war, und unsere Alten keine Heizung mehr hatten. Ich war auch Bürgermeister – und das war wichtig, dass ich Bürgermeister war, so konnten wir unser Dorf, in dem alle Häuser der Kirche gehörten, selber verwalten, wir konnten uns sogar Baugenehmigungen erteilen – und musste mit den Behörden zusammenarbeiten. Ich hab mich gehütet ihnen zu schmeicheln, aber habe mich auch gehütet sie zu beschimpfen. Ich musste den Weg dazwischen nehmen.""

Als Bürgermeister muss Holmer auch formal einer Partei angehören – ins seinem Falle der Ost-CDU. Allerdings kann er sich mit Chuzpe den Verpflichtungen entziehen, die einen zu starken Gewissenskonflikt bedeuten.

"Ich hab einmal eine Rede halten sollen zum 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Das war am 8. Mai 1985, und da ärgerte ich mich, dass ich mich bereitgefunden hatte, dazu zu reden. Und als ich ins Haus ging, hab ich gesagt: Dann sagst du, wie du denkst. Du sagst die Kritik, aber du sagst auch das Positive. Und als die Rede begann sagte ich: ‚Wir sind alle dankbar, dass das Nazireich zerbrochen worden ist, aber dass dabei auch unser Land geteilt worden ist, ist mir schwer. Und niemand kann von mir verlangen, dass ich die Teilung unseres Landes bejubele. Ich muss sie hinnehmen als etwas, was Gott verhängt hat über unser Land, ich muss es sogar sehen wie Bonhoeffer, dass auch diese Frage eine vorletzte Frage ist. Die letzten Fragen sind die, wie ein Mensch selig wird und wie wir leben vor Gott.‘

Die Gesichter derer, die mich eingeladen hatten, waren versteinert. Aber dann hab ich auch das Positive gesagt: ‚Unser Lobetal hat in der Kaiserzeit oft mit wirtschaftlichen Nöten zu kämpfen gehabt. In der Nazizeit haben sie versucht, die Behinderten umzubringen. Jetzt, dieser Staat, bietet uns die Möglichkeit, dass wir den Behinderten ein Zuhause geben, sie versorgen können. Und das kostet den Staat einige Millionen im Jahr.‘ Um 1970 herum war die Kirche am Ende mit ihrer Diakonie. Wir hatten mächtige Unterschüsse.

Da hat der Staat gesagt: ‚Macht weiter mit der Diakonie, was ihr an Unterschuss habt, das zahlen wir.‘ Das muss auch mal gesagt werden, dass ich nicht bloß das Negative sage, sondern auch das Positive. So habe ich versucht uns durchzubringen, ohne mich an den Staat auszuliefern und mich zum Handlanger für irgendwelche Ideen zu machen. Ich wollte meine innere Freiheit haben, nach dem Motto, das ich schon in der Nazizeit gewählt hatte: Handele nach deinem Gewissen, und du bist ein freier Mensch."

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Asyl für Honecker und Bereitschaft zur Versöhnung
Die große Gewissensfrage kommt auf Holmer allerdings nach dem Fall der Mauer zu. Zum Jahresbeginn 1990 wird die Regierungssiedlung in Wandlitz geräumt und allen Mitgliedern des ZK der SED und den Ministern Wohnungen zugewiesen. Das Ehepaar Honecker und seine Berater allerdings weisen dieses Angebot zurück, da sie – vermutlich mit Berechtigung – befürchten, diese könnte von aufgebrachten Bürgern gestürmt werden.

Es ist die Evangelische Kirche, an die sie sich mit einer Bitte um Aufnahme in einem Altersheim wenden – und diese wiederum möchte Lobetal in die Pflicht nehmen. Hier – einzigartig in der DDR – gehört der Kirche ein ganzes Dorf und kann dem gefallenen Diktator wirksam Schutz garantieren. Das Leitungsteam um Holmer stellt diese Bitte vor eine Zerreißprobe - und die öffentliche Meinung bläst ihnen steil ins Gesicht.

"Wir konnten ihn dann aber nicht aufnehmen in einem unserer Heime, weil wir viele Voranmeldungen hatten. Und, so sagte der Pastor, der für die Aufnahmen zuständig war, das nimmt uns das Volk übel, wenn Honecker wieder seine Privilegien hat und sofort aufgenommen wird. Und nun hatten wir aber in unserem Pfarrhaus – wir waren mit sechs Kindern eingezogen, und vier waren herausgeheiratet – den Platz, und so kamen sie zu uns privat.

Und da bin ich froh, dass ich das nicht auf meine eigene Kappe nehmen musste, sondern mit den leitenden Mitarbeitern zusammen. Wir haben es uns nicht leichtgemacht: Das Zentrum unseres christlichen Glaubens ist Vergebung und Versöhnung. Und wir sind nicht gerufen, dass wir Honecker unschuldig erklären. Wir sind nicht gerufen, dass wir Gericht über ihn halten. Wir sind nur gebeten worden, dass wir ihm Asyl geben, und wir hoffen, dass ein ordentliches Gericht seine Schuld klärt. Aber wir meinten, wir wollen ein Zeichen setzen, wir wollen den neuen Weg nicht mit Hass und Revanche beginnen, sondern mit Besinnung und der Bereitschaft zur Versöhnung, wenn der andere bereit ist, diesen Weg mitzugehen."

Vom 30. Januar bis zum 3. April 1990 wohnen die Honeckers im Pfarrhaus. Noch gut erinnert sich Holmer an ihre Ankunft.

"Und dann kam Honecker am 30. Januar zu uns, begleitet von Sicherheitsbeamten und dem Professor, der ihn operiert hatte, er war noch am 11. Januar operiert. Dann haben wir ganz normal zusammengelebt. Ich habe sie an unseren Abendbrottisch gebeten. Ich hab - wie ich es bei allen meinen Gästen mache - gesagt, wir sind gewohnt, bei Tisch zu beten. Honecker war einverstanden, sagte, ich kenn das von Bauern in Pommern, da wurde auch gebetet. Der Arzt hatte mich gebeten, dass ich jeden Tag mit ihm mal an die frische Luft geh, weil er rekonvaleszent war und das braucht."

Pfarrer Holmer hat Honecker vergeben
Honecker fühlt sich verraten vom sowjetischen Verbündeten, der die Auflösung der kommunistischen Systeme in Europa zulässt und der Konterrevolution - als die der greise Diktator bis zuletzt die Wende versteht - nicht machtvoll entgegen tritt. Die Gespräche drehen sich auch um die große Enttäuschung Honeckers, von dem sich in der Schlussphase der DDR alle Genossen abgewandt haben.

"Das hat uns schon bewegt, dass Honecker so allein war, dass alle seine Genossen abgetaucht waren. Keiner hat gewagt sich zu stellen zu dem alten Regime. Alles was gewesen ist, geht uns nichts an. Alle zeigten auf Honecker und gaben ihm die Schuld. Das hat die Honeckers ganz tief beschämt, gedemütigt und auch verärgert, dass die Genossen ihn so allein gelassen hatten."

Sein Glaube hat Uwe Holmer den Weg eröffnet, die Unbill, die seiner Familie in der DDR widerfuhr, zu verarbeiten – und zu vergeben. Dabei hat er in seiner seelsorgerischen Arbeit oft mit Menschen zu tun gehabt, deren Biographie durch das Regime zerstört wurde.

"Als ein Mann zu mir kam, der völlig verbittert war, und der zu mir sagte: ‚Sie haben kein Recht zu vergeben, Sie haben ja nichts durchgemacht. Aber ich war fünf Jahre in Bautzen, und was mir dort widerfuhr, können Sie nicht verstehen!‘ Da überlegte ich und sagte: ‚Ich habe Honecker auch gar nicht vergeben, was er Ihnen angetan hat, sondern ich habe Honecker nur vergeben, was er mir angetan hat. Alle meine Kinder kamen trotz guter und bester Leistungen nicht auf die Oberschule. Ich bin mit Gefängnis bedroht worden, ich bin behindert worden in meinem Dienst wo es nur ging – das habe ich Honecker vergeben. Was Sie durchgemacht haben, das müssen Sie ihm selber vergeben.‘"

Nach der Pensionierung kehrt Holmer wieder zu seinem Wurzeln zurück und baut in Serrahn, Mecklenburg-Vorpommern, eine Reha-Klinik für Suchtkranke auf. Auch durch die Arbeit in einer freien Gesellschaft trägt ihn dabei die eine Botschaft des Evangeliums, die sein Leben geprägt hat.

"Es ist für mich eine echte Erfahrung, dass ich Wut und Ärger und Bitterkeit aus dem Herzen abgeben und dem anderen vergeben kann. Dann bin ich es los und macht Gott damit was er will. Das ist die Hilfe, die uns gegeben wird in unserem Glauben."