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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.10.2016

Christliche Mission in den USAWie die "Indianer" zu Amerikanern gemacht wurden

Von Frank Kaspar

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Der Urenkel des legendären Indianer-Häuptlings Sitting Bull, Ernie LaPointe, stellt sich am Freitag (12.12.2008) zur Eröffnung der neuen Sonderausstellung im Überseemuseum Bremen "Sitting Bull und seine Welt". (picture alliance/ dpa / Ingo Wagner)
So sah der legendäre Indianerhäuptling Sitting Bull seinerzeit aus. Links vorne seht Ihr die Silhouette seines Urenkels. (picture alliance/ dpa / Ingo Wagner)

Der Historiker Manuel Menrath hat die Geschichte missionarischer Umerziehungsanstalten in den USA aufgearbeitet. Ihr Ziel war es, alles "Indianische" an den Native Americans auszulöschen und sie zum christlichen Glauben zu missionieren.

Die Haare gestutzt und gescheitelt, von Kopf bis Fuß neu eingekleidet, so traten die Schüler der "Carlisle Indian Industrial School" vor die Kamera. Die Fotos aus den 1880er-Jahren zeigen sie vor und nach ihrer Verwandlung. Sie tauschten Mokassins gegen Schnürschuhe, Leggins und Lederhemd gegen eine Schuluniform mit weißem Kragen. Als Navajo, Apachen, Cheyenne oder Lakota waren sie gekommen. Jetzt sollten sie alle Amerikaner werden.

"Es ging ja darum: Wir retten zwar den Menschen, aber wir löschen alles Indianische an ihm aus - also: Save the Man but kill the Indian. Die staatlichen Boarding Schools, die verboten ja radikal die Sprache der Lakota. Da wurden die Kinder geschlagen, wenn sie ihre Sprache sprechen wollten, die mussten alles auf Englisch machen."

"Die Bibel wurde auf Lakota übersetzt"

Der Historiker Manuel Menrath von der Universität Luzern hat die Geschichte solcher Umerziehungsanstalten in den USA aufgearbeitet. Dabei ging es ihm in erster Linie nicht um die staatlichen Boarding Schools, von denen die größte 1879 in Carlisle, Pennsylvania eröffnet wurde. Menrath konzentrierte sich auf die Tätigkeit katholischer Missionare bei den Lakota, die zu den Sioux gehören. Die Geistlichen gründeten Ende des 19. Jahrhunderts eigene Schulen.

"Die katholischen Boarding Schools, die erlaubten den Kindern ihre Sprache noch, wenn es im religiösen Sinne gebraucht wurde. Die durften ihre Lieder singen auf Lakota, die Bibel wurde auf Lakota übersetzt, aber immer mit dem Hintergedanken, dass man so die Kinder eben besser mit dem Christentum vertraut macht."

"Mission Sitting Bull" heißt Menraths Doktorarbeit, die stärker als viele frühere Publikationen über die sogenannte "Indianermission" die Perspektive der Native Americans einbezieht.

Sitting Bull hatte sich in der Schlacht vom Little Big Horn einen Namen gemacht. Red Cloud, ein anderer Lakota-Chief, kämpfte zeitlebens, zunächst als Krieger und später als Verhandlungsführer, gegen die Landnahme der weißen Amerikaner. Hier zeigt sich, welche Integrationskraft die Gesellschaft der Vereinigten Staaten damals hatte: Während sie auf der einen Seite gegen die Missachtung ihrer Rechte kämpften, erkannten die Natives auf der anderen Seite ihre Chance, die Missionare für ihre eigenen Ziele einzusetzen. Davon zeugt eine Petition von 73 Sioux an den Indianerbeauftragten der USA von 1885.

"Ich werde wie ein weißer Mann sein"

"Wir, die unterzeichnenden katholischen Indianer des Unteren Yankton Stammes, unterbreiten mit Respekt unser Verlangen, dass eine katholische Mission und eine Schule in unserer Agentur errichtet werden."

Viele Lakota wollten, dass ihre Kinder Englisch lernen, um ohne Dolmetscher für ihre Interessen eintreten zu können. Mit einer Schule oder Kirche im eigenen Reservat verbanden sie die Hoffnung, nicht wieder umgesiedelt zu werden. Das mag auch Chief Red Cloud bewogen haben, als er sich gegenüber dem Schweizer Benediktiner Martin Marty zum Christentum bekannte.

"Ich werde wie ein weißer Mann sein und meine Kinder werden lernen und leben wie weiße Leute; es gibt kein Wild mehr im Land und wir müssen den Boden bebauen und werden so arbeiten und beten, wie Du es uns zeigen wirst."

Die Spiritualität der Natives war gegenüber anderen Religionen offen. Gerade die katholische Mission hat deshalb zahlreiche Mischformen hervorgebracht, sagt der Kulturhistoriker Professor Michael Hochgeschwender vom Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

"Die Jungfrau Maria verschmolz mit der Maisgöttin oder mit der Sonnengöttin, andere verschmolzen mit katholischen Heiligen, das ist übrigens interessant, weil hier die katholische Mission bei den Indianern etwas an die katholische Germanen-Mission anknüpfte, wo man ja ähnliche Phänomene findet, dass man katholische Heilige einfach an die Stellen setzte, wo früher germanische Götter waren."

Ein kultureller Völkermord

Martin Marty, der "Apostel der Sioux", verlangte dagegen dass die Missionierten ihren alten Glauben vollständig aufgaben. Für Manuel Menrath trug er damit entscheidend zu einem "kulturellen Völkermord" bei. An den Boarding Schools formierte sich aber auch Widerstand.

An den Umerziehungsanstalten entstand eine stammesübergreifende indigene Identität, die es vorher so nicht gab, sagt Michael Hochgeschwender.

"Das war so nicht beabsichtigt, ist aber durch die Zusammenfassung in den Boarding Schools letztlich so geschehen. Und wenn Sie sich Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt anschauen und deren Führer, die sind fast alle auf Missionsschulen erzogen worden. Insofern haben die immer einen indirekten Effekt gehabt, den sie eigentlich nicht anstrebten."

Wenn die Nachkommen der Lakota sich heute selbst "Indianer" nennen, wenn sie zusammen mit anderen American Indians für ihr Land kämpfen, wie zurzeit bei den Protesten gegen die Dakota Access Pipeline, dann liegt in diesem gemeinsamen Selbstverständnis auch ein Erbe der Indianermission. Bis heute vermischen sich alte und neue Glaubensformen - im religiösen wie im politischen Leben.

Zwischen Musealisierung und Zerstörung der Kultur

Jährliches Indianertreffen der Lakota Ogala Sioux. (picture alliance / dpa / Mike Nelson)Jährliches Indianertreffen der Lakota Ogala Sioux. (picture alliance / dpa / Mike Nelson)

"Wenn man in so ein Reservat fährt, dann sieht man oftmals die amerikanische Flagge, und die Veteranen, die werden auch sehr hoch angesehen. Prozentual an der Bevölkerung stellen die Natives die meisten Soldaten der US-Army. Und hier schwingt dann auch wieder das traditionelle Weltbild mit, gerade bei den Lakota: Man ist ein Krieger, und man repräsentiert dadurch auch seine Nation, also seine indianische Nation."

Wie die indianischen Nationen in der großen Nation der Vereinigten Staaten aufgehen könnten, diese Frage bleibt allerdings heikel.

"Wie kann eine Gesellschaft es schaffen, zwei in ihren Werthaltungen so völlig unterschiedliche Kulturen in einem Land existieren zu lassen? Wenn ich nur auf die Tradition setze, führt das zu Musealisierung. Wenn ich nur auf die Innovation setze, führt das zur Zerstörung der Kulturen. Ich glaube, das ist bis zu einem gewissen Grade eine nicht aufhebbare Form der Dialektik."

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