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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.04.2018

Christian Petzold über seinen Film "Transit"Wie man lernt, wieder Mensch zu sein

Christian Petzold im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Der deutsche Regisseur Christian Petzold. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)
Der deutsche Regisseur Christian Petzold. (picture alliance / dpa / Daniel Naupold)

Christian Petzold hat Anna Seghers Roman "Transit" verfilmt. Das sei lange sein Lieblingsbuch gewesen, sagt der Regisseur. Und verrät, warum es trotzdem lange dauerte, bis er sich den Stoff für die Leinwand vorgenommen hat.

Liane von Billerbeck: Morgen kommt Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Transit" in die Kinos. Petzold hat ja schon viele Filme gedreht, ist auch mit Preisen ausgezeichnet worden dafür von "Jericho" über "Die innere Sicherheit" bis zu "Barbara". Jetzt also "Transit", sein Film, der die Geschichte von Anna Seghers Roman nutzt.

Georg, ein deutscher Flüchtling, der im letzten Moment vor den Nazis nach Marseille entkommt und mit sich die Hinterlassenschaft des Schriftstellers Weidel führt. Und in dessen Tasche sind auch Visa für Mexiko. Georg nimmt die Identität des Schriftstellers an. Und dann ist da noch eine geheimnisvolle Frau namens Marie. Ich habe mit Christian Petzold vor der Sendung gesprochen, mitten in Dreharbeiten zu einem neuen "Polizeiruf", und ihn zuerst gefragt, was ihm die literarische Vorlage für seinen Film, Anna Seghers "Transit", bedeutet.

Christian Petzold: Dieses Buch "Transit", das ist das Lieblingsbuch meines Freundes Harun Farocki und mir gewesen. Es war auch ein Buch, das wir im Grunde vor all unseren Projekten, also auch schon vor der "Inneren Sicherheit", zusammen gelesen haben. Das sind ja eigentlich alles Exilfilme oder Leute, die in Zwischenreichen umherhängen und nicht mehr weiter und nicht mehr voran und nicht mehr zurück können und keine Gegenwart haben.

Ein großartiger Roman

Und irgendwann kamen wir, noch zu Lebzeiten von Harun, das war noch vor den Dreharbeiten von "Phönix", auf die Idee, auch "Transit" mal zu verfilmen. Nur, wir beide waren der Meinung, und das stimmt natürlich mit Hitchcocks Zitat überein: "Man kann nur schlechte Bücher verfilmen." Und da "Transit" ein großartiger Roman ist, haben wir da immer ein bisschen Abstand genommen.

Aber dann haben wir uns das mal irgendwie vorgenommen, und dann hatten wir noch zusammen so eine erste Treatment-Fassung gemacht, und in dieser Treatment-Fassung war alles noch historisch. Und ich hatte nach "Phönix", wo wir eigentlich eine Welt rekonstruiert haben, dieses Berlin 1945 rekonstruiert haben, war ich von dieser Rekonstruktion so erschöpft und konnte mir überhaupt nicht vorstellen – ich hatte mir mal geschworen, nie in meinem Leben eine Hakenkreuzbinde zu filmen oder nie in meinem Leben deutsche Schauspieler mit schneidend deutscher Akzentsprache da umherbellen zu lassen. Und aus dem Grund habe ich das nach Haruns Tod wieder zur Seite geschoben und erst mal zwei "Polizeirufe" gedreht, weil ich gern mich noch einmal in der Gegenwart umgeschaut habe. Und dann kam mir irgendwann die Idee, eigentlich diese Geschichte in die Jetztzeit zu holen, und zwar als eine Art Gespenstergeschichte.

von Billerbeck: Genau das ist das Interessante an dem Film, dass dieser Stoff eben in die Gegenwart versetzt ist, also entheroisiert wurde. Man könnte fast glauben, das ist eine Art geschichtsloser Zustand, so eine Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit. Sie balancieren da ja in dem Film zwischen den Zeiten, und Sie haben selbst mal gesagt, das sei so eine Art Geschichtsstille. War es das, was Sie gereizt hat, den Roman auf die Weise zu verfilmen?

Petzold: Ich hatte parallel ein anderes Buch immer mit Harun gelesen, von Georg Karl Glaser, "Geheimnis und Gewalt". Das ist auch ein Flüchtlingsroman, auch auf der Flucht vor den Nazis, auch nach Frankreich, eine Autobiografie. Und in diesem Roman taucht der Begriff "Geschichtsstille" auf.

Keine Brise, die einen vorwärts bringt

Und da sagte ich, das ist eine der schönsten Metaphern für den Zustand, im Exil zu sein. Dass man auf dem weiten Meer ist. Es gibt keine Brise mehr, die einen vorwärts bringt. Die Geschichte hat einem den Wind aus den Segeln genommen, man wird nicht mehr gebraucht.

Dann war auch gleichzeitig diese Wassermetapher da drin, oder die Boot-Metapher. Ich dachte an die Flüchtlingsboote im Mittelmeer, an die Toten an der Küste in Italien oder an der türkischen oder griechischen Küste. Und da ist mir der Gedanke eigentlich gekommen, diesen Zustand, diesen Exilzustand als eigentlich einem Menschen innewohnender Zustand, diesen Zustand als einen ewigen Zustand zu nehmen.

Und dann dachte ich an meine Eltern, die ja auch Flüchtlinge sind, meine Mutter Sudetendeutsche, nie richtig angekommen, im Lager groß geworden. Und als hier diese Willkommenskultur, die ja so schlecht immer von den Rechten belächelt worden ist, als die Flüchtlinge kamen, ist meine Mutter auch sofort in die Flüchtlingshilfe gegangen, als ob das eine Erinnerung an ihr eigenes Ungeliebtsein in der Bundesrepublik der frühen und späten 50er-Jahre gewesen sei.

von Billerbeck: Ihr Film zeigt also so was Elementares, also elementare Erfahrungen, mit denen Flüchtlinge letztlich auf der ganzen Welt zu tun haben. Brüchige Identitäten, Menschen, die in einem Wartesaal sind, in dem sich kaum was bewegt. Das ist also etwas, was ja nicht in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort passt, sondern eigentlich weltweit passiert.

Flüchtlinge können nicht viel mitnehmen

Petzold: Erst mal passiert das weltweit. Das ist wohl das Thema, was uns die nächsten Jahrzehnte beschäftigen wird. Andererseits dachte ich immer daran, Flüchtling müssen ja Ballast abwerfen, um sich bewegen zu können. Die können ja nicht viel mitnehmen erst einmal an materiellen Gütern, aber die dürfen auch nicht sehr viele Erinnerungen mitnehmen, weil Erinnerungen einen traurig machen, melancholisch machen und deshalb einen auch gefährden, weil man dann in der Trauer und der Melancholie nicht mehr checkt, wo kann ich hin, was kann ich machen.

Und diese Ballastlosigkeit der Figuren, die dann aber in der Geschichte, in "Transit", durch ein Lied, durch eine Geste, durch einen Blick plötzlich wieder das Leben lernen und ihr Erinnerungs- und Sinnapparat wieder sensitiv und sensibel wird, das war eigentlich das Thema. Im Grunde genommen ist "Transit", das Buch von Seghers, und auch der Film, eine Art Entwicklungsroman. Jemand lernt wieder, Mensch zu sein.

von Billerbeck: Sie haben Harun Farocki schon erwähnt, der ist ja 2014 verstorben. Mit ihm zusammen haben Sie angefangen, an diesen Film zu denken, zu überlegen, wie man das Buch von Anna Seghers in einen Film übersetzen könnte. Und es ist wieder, wie auch bei anderen Filmen, die Sie zusammen gemacht haben, "Gespenster" und "Yella", ein Film, in dem Tote neben Lebenden existieren. Was interessiert Sie an diesem Gefühl der Verunsicherung und diesem Zwischenbereich zwischen Leben und Tod?

Petzold: Ich bin ja jetzt nicht so ein Esoteriker, der jeden Tag eine Nahtoderfahrung hat oder so, aber ich finde, das Kino selbst ist so ein Zwischenort, ein Transitraum. Im Kino sind wir körperlich anwesend und abwesend zugleich. Es ist hell, und es ist dunkel gleichzeitig. Wir sitzen im Dunklen, aber die Leinwand strahlt.

Wir sind aus dem Alltag entrissen, aber gleichzeitig sind wir jede Minute nach dem Kino wieder zurück in unserem Alltag. Der hat sich verändert. Und das Kino als Transitraum, die Geschichten, die das Kino erzählt, sind meistens Geschichten von Leuten, die oft in Bewegung sind.

Ob das nun Siedlungstrecks in den Western sind oder ob das Leute sind, die nach einem Bankraub abhauen – alle Leute im Kino sind im Grunde genommen in Übergangszuständen und versuchen, wieder irgendwie Boden unter die Füße zu bekommen. Und deswegen dachte ich, eigentlich ist "Transit" das Kinothema.

Tanzen mit Wörtern und Gesten

von Billerbeck: Sie arbeiten ja in diesem Film mit den jungen Schauspielern Paula Beer, also sie besonders jung, und mit Franz Rogowski. An diesen Flüchtlingsorten, sowohl bei Anna Seghers – auch, wenn man sich andere Orte ansieht –, wird eigentlich immer ganz viel geredet. Bei Ihnen im Film reden die beiden ganz wenig, spielen dafür aber sehr körperlich, und alles spielt sich irgendwie in ihren Gesichtern ab. Wie wichtig war das, dass Sprache eigentlich keine so große Rolle hat?

Petzold: Na ja, in der Literatur muss man ja alles, wird ja sehr viel dialogisch beschrieben. Das Kino zeigt. Man muss ja im Kino gar nicht so viel sprechen. Und ich habe dann gemerkt, dass mit den beiden, mit Paula und Franz und den anderen Schauspielern – deswegen haben wir ja auch Cinemascope gedreht –, eigentlich das Tanzen, das Tanzen mit Wörtern, das Tanzen mit Gesten und Blicken, die eigentliche Sprache ist.

Und die ist im Grunde genommen auch irgendwie international, wahrscheinlich wie Flüchtlinge aus aller Herren Länder sich auch in so einer Sprache, die vielleicht nicht literarisch ist, aber die sehr choreografisch ist und sehr szenisch und sehr situativ in dieser Sprache kommunizieren – und das sollte auch die Sprache des Films sein.

von Billerbeck: Der Regisseur Christian Petzold, dessen Spielfilm Transit morgen in die Kinos kommt. Das Interview habe ich mit ihm aufgezeichnet, weil er mitten in den Dreharbeiten zu einem neuen "Polizeiruf" steckt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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