Christentum

Die Religion der weißen Männer

04:22 Minuten
Die Erschaffung Adams: ein Ausschnitt aus dem Deckenfresko des Malers Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.
Eine weiße Angelegenheit: Ausschnitt aus Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle mit seinen rund 390 Figuren. © imago/StockTrek Images/John Parrot
Ein Kommentar von Uwe Bork · 21.08.2020
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Wie halten es eigentlich die christlichen Kirchen mit "Black Saints Matter" - den schwarzen Heiligen? Ein weißer Gott mit einem ausschließlich weißen Gefolge ist nicht unbedingt eine Empfehlung für eine Weltreligion, meint Journalist Uwe Bork.
Lag Michelangelo etwa falsch?
Nicht, dass ich diese Frage nun unbedingt hier und jetzt beantwortet haben müsste, aber interessieren täte mich schon, ob sein vor rund 500 Jahren in die Sixtinische Kapelle freskiertes Jüngstes Gericht tatsächlich so stattfinden wird?
Nein, ich meine damit nicht die für Christen ohnehin ausgemachte Frage, ob Jesus dereinst wirklich die Guten in den Himmel und die Bösen in die Hölle schicken wird.
Nein, mir geht es darum, ob diese finale Verhandlung wirklich so eine weiße Angelegenheit sein wird, wie es Michelangelo nahelegt: Rund 390 Figuren hat er für sein Kolossalgemälde erschaffen, und wie viele davon sehen aus, als repräsentierten sie einen nicht-europäischen Teil der Weltkirche? Na?

Urbilder eines durchschnittlichen Mitteleuropäers

Zugegeben, werden Sie jetzt sagen, aber als der Meister zum Pinsel griff, war Amerika erst so gerade eben entdeckt und Afrika harrte ebenfalls noch seiner Erforschung und Ausbeutung.
Okay, werde ich darauf antworten, doch ist das eine Entschuldigung dafür, dass bis heute der wohl populärste Schwarze des Christentums der Dunkelhäutige unter den Heiligen Drei Königen geblieben ist? Wer auf Bildern und in Bibeln dargestellt wurde, sieht in der Regel so aus wie das Urbild eines durchschnittlichen Mitteleuropäers.
Auch für Menschen mit dunkler Hautfarbe und schwarzem Lockenkopf gilt indes das Erlösungsversprechen des Christentums. Dass dieses Christentum in den meisten Kirchen aber so aussieht wie eine rein europäische Veranstaltung, wird für viele von ihnen mehr und mehr zum Problem.
In den USA gewähren diesen Gläubigen deshalb 'schwarze' Gemeinden eine Heimat, die nicht zuletzt in ihren Predigten und ihrer Musik mehr Körperlichkeit bieten als die kühlen Choräle der Alten Welt.

Schwarze Gottesmutter

In Afrika entstehen zudem laufend sogenannte 'neureligiöse Gemeinschaften', in denen die Trennlinie zwischen christlichem Glauben und indigenen Kulten oft verschwimmt. Die vor allem in Kenia, Tansania und Uganda vertretene 'Legion Maria' offeriert beispielsweise neben einem – natürlich - schwarzen Gegenpapst auch einen schwarzen Gegenmessias samt schwarzer Gottesmutter.
Nun, halten Sie mir entgegen, Konkurrenz belebe doch das Geschäft und wenn jeder einen Gott fände, hätte doch jeder den seinen. Darauf muss ich leider erwidern, dass das merkantile Dogma des wohltuenden Wettbewerbs in der Welt des Glaubens weit weniger geteilt wird als in der des Handels.
Überdies bietet es keine Antwort auf eine Frage, die sich selbst dann stellt, wenn wir die Heiligen und vorbildlichen Gläubigen fürderhin in allen Weltgegenden suchen.

Auf das Wesen Gottes schauen, statt aufs Äußere

Folgen Sie mir bitte noch einmal in die Vergangenheit, und zwar weiter zurück als nur bis zu Michelangelo. Gehen wir zurück bis ins Alte Testament.
Dort ist im 1. Buch Mose nämlich zu lesen, dass Gott die Menschen als sein Abbild schuf. Lange sahen Christinnen und Christen hier vor allem einen alten, weißen Mann am Schöpfungswerk, der ihnen wie sie ihm körperlich ähnelte.
Kann man so sehen, meine ich, fruchtbarer scheint es mir jedoch, auf das Wesen Gottes und nicht auf sein Äußeres zu blicken, zu versuchen, so zu sein wie er und nicht nur so auszusehen.
Womit gleichzeitig die Frage, ob Gott nun weiß, schwarz oder bunt, Mann, Frau oder etwas Drittes ist, obsolet geworden wäre. Die Kirche gäbe nun wirklich den Global Player.
"Black Saints Matter", schwarze Heilige sind wichtig: Klar, doch das ist eben noch längst nicht alles.

Uwe Bork, geboren 1951 im niedersächsischen Verden (Aller), studierte an der Universität Göttingen Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Verfassungsgeschichte, Pädagogik und Publizistik. Bork arbeitete als freier Journalist für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und ARD-Anstalten. Seit 1998 leitet er die Stuttgarter Fernsehredaktion ‚Religion, Kirche und Gesellschaft‘ des SWR. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Caritas-Journalistenpreis sowie zweimal mit dem Deutschen Journalistenpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.

Der Journalist Uwe Bork
© Deutschlandradio / Manfred Hilling
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