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Tonart | Beitrag vom 30.08.2016

Chorprojekt "Sing along, Berlin!"Flashmob am Hauptbahnhof

Von Philipp Quiring

Das Chorprojekt "Sing Along, Berlin!" am Sonntag im Hauptbahnhof (Philipp Quiring)
Das Chorprojekt überraschte Passanten im Berliner Hauptbahnhof (Philipp Quiring)

Vergangene Woche fand in Berlin ein Chorprojekt statt, das es so noch nicht gegeben hat. "Sing Along, Berlin!" - ein Gesangs-Camp für interessierte Hobby-Sängerinnen und Sänger. Unter anderem wurde am Hauptbahnhof performt, ein Ort der mit seiner Akustik und dem unruhigen Publikum doch eher konzertuntauglich ist.

Michael Betzner-Brandt: "Der Bahnhof ist ein Monster! Der Bahnhof ist zum Singen herausfordernd. Das ist eine echte Herausforderung. Und wir gehen in den Bahnhof da rein und bringen in diesen Bahnhof eine andere Qualität."

Die Klanginstallation durch die Lautsprecherdurchsagen, das untermalende Quietschen der einfahrenden Züge, die vorbeieilenden Passanten mit ihren unterschiedlichen Sprachen, Dialekten, Temperamenten: Wenn Michael Betzner-Brandt mit seinem aktuellen Chorprojekt "Sing Along, Berlin!" mitten im Berliner Hauptbahnhof auftritt, stoßen er und seine Choristen auf ungewohnte Kammermusikpartner.
Die Woche über hat Betzner-Brandt intensiv mit mehr als 150 Gesangsbegeisterten geprobt. Um solch einen Riesenchor überhaupt zu beherrschen, wurde er unterstützt von drei weiteren musikalischen Leitern, von sogenannten Stimmpaten des Rundfunkchores Berlin und von Spezialisten aus dem Bereich Schauspiel, Pantomime und Tanz. Aus der Komfortzone der Berliner Philharmonie wagten sie sich nun heraus, um dem "Monster"-Hauptbahnhof ins Auge zu blicken.

Passant ruft "Michael, Michaaaael". Chor geht auf ihn zu und singt ihn an.

Angesungener Passant: "Ich habe nur einen Kollegen gerufen und die ganze Gruppe kam auf mich zu und hat mich angesprochen. Alles gut."

Zeichen der Begrüssung und des Ankommens

Zu Beginn der rund einstündigen Performance strömen kleine Gruppen aus Sängerinnen und Sängern auf einzelne Reisende zu, begrüßen sie am Bahnhofseingang mit gehauchten Worten wie "You are here". In drei Gruppen unterteilt wird zunächst an verschiedenen Orten des Bahnhofs agiert, ehe die Gruppen im weiteren Verlauf noch miteinander verschmelzen werden. Sämtliche Aktionen stehen im Zeichen des Begrüßens und Ankommens. Auf fremde Menschen zuzugehen, ist für die 12-jährige Karolina eine neue Erfahrung.

Karolina: "Wenn ich mich mal selbst in diese Lage von denen reinversetzen würde, würde ich wegrennen. Hilfe, was machen die da? Also es ist schon eine Überwindung, das zu machen."

Passantin: "Ich wurde sehr freundlich begrüßt und bejubelt. Das war ein sehr angenehmes Gefühl und das hätte ich gerne öfter."

Berliner Hauptbahnhof am Spreebogen (imago/ Marc Schüler)Berliner Hauptbahnhof am Spreebogen (imago/ Marc Schüler)

Nicht alle Passanten genießen es, die Treppen zu den Gleisen hinabzusteigen und dabei euphorisch begleitet zu werden. Einige sind sichtbar in Eile und schaffen es nur schwer durch die Traube der motivierten fünf- bis 70-jährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Nach der anfänglichen Performance des gesprochenen Wortes, gefolgt von La-Ola-Wellen auf den Treppen, gilt es nun, den Raum mit der Stimme zu erfahren. Langgehaltene Töne vermischen sich mit der Bahnhofs-Atmosphäre oder wie Betzner-Brandt beschreibt:

"Das ist so, dass das Singen von Innen anfängt. Man singt nichts Einstudiertes, sondern man singt tatsächlich, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Wir singen dann zum Beispiel/ fragen uns: Wie geht es dir gerade? Und dann singt jemand. Und dann singen die (Uhai-Badaduda…). Das kann man nicht in Noten aufschreiben."

Ganz unterschiedliche Reaktionen der Passanten

Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter, die Ebenen des Bahnhofs durchwandernd und dann: "Freeze". Immer wieder verharrt der Flashmob in seinen Bewegungen im Wechselspiel mit gesanglichen Einlagen. In der Mitte des Bahnhofs angekommen, werden zunehmend Schaulustige auf das Treiben aufmerksam, beobachten aus sicherer Entfernung oder begeben sich neugierig mitten ins Geschehen.

Beobachter: "Unterschiedlich. Manche fangen an mitzusingen und manche haben einfach nur ein Lächeln auf den Lippen, wenn sie die Leute sehen und gehen dann weiter. Manche bleiben auch stehen."

Extra für das Projekt hat sich der Leiter Michael Betzner-Brandt auch als Komponist betätigt. Sein Stück heißt so wie der Titel des Projektes: "Sing Along" und erklärt sich fast von selbst, nicht ohne dabei zu provozieren.

Betzner-Brandt: "Das ist ja ein Stück, was dann dazu gedacht ist, dass wir das Publikum zum Singen bringen sollen. Wir beschimpfen das Publikum dabei ja so ein bisschen. 'Es wird uns nicht gelingen, euch den Song jetzt beizubringen.' Dann soll das Publikum rufen: Doch, doch. Und dann sagen wir: Ihr könnt doch gar nicht singen. Und die rufen dann: Doch, doch. Ob das funktioniert, das kann man vorher nicht testen. Das ist ein bisschen die Spannung, die für uns dann auch bleibt."

Mit unterschiedlichen Strategien bewegen sich die Sängerinnen und Sänger auf die potentiellen Neuzugänge des Chores zu. Der ein oder andere Fuß beginnt im Takt zu wippen oder sich 'Accelerando' zu verflüchtigen. Doch was ist mit dem Gesang?

Willkommene Abwechslung

Choristin: "Also ein paar singen mit, ein paar schmunzeln. Es macht auf jeden Fall super viel Spaß, auf die Leute zuzugehen. Ich gehe auf die Leute zu und lächele sie an und bin freundlich, versuche Augenkontakt herzustellen und dann einfach sie zu animieren, mitzumachen. Das funktioniert ganz gut."

Strahlende Gesichter weitestgehend da, wo sich der "Sing Along"-Chor gerade befindet. Offene Menschen, die positiv auf die Herzlichkeit und die willkommene Abwechslung reagieren. Über eine Stunde lang schafft der Chor es, den Bahnhof zu seiner Bühne werden zu lassen. Eine Gesamtinszenierung durch Gesang und Bewegung, mit Trommeln, Boomhawkers und Mikrofonen angereichert, zu kreieren. Ein Erlebnis, von dem jeder etwas Persönliches für sich mitnehmen kann. Ebenso wie der musikalische Leiter der Improvisationsgruppe Alfred Mehnert:

"Also die Popularmusik selber bringt gar nicht mehr die Qualität, wie wir sie hier gerade gehört haben. Ja, man müsste mir jetzt mal ein Beispiel nennen aus den letzten vierzig Jahren Deutscher Popmusik, wo drei-, vierstimmig gesungen wird. Und wenn das das Publikum schon kann, dann müssten es die Künstler ja eigentlich auch können. Das wäre für mich jetzt eine Herausforderung, da was mitzunehmen für meine eigenen Bühneninszenierungen. Dieser Befund – da mal zu gucken, was da für eine Qualität im Volk steckt, ist Wahnsinn!"

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