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Fazit | Beitrag vom 23.06.2020

Choreograf Martin SchläpferDen kulturellen Filz durchstoßen

Martin Schläpfer im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Die Tänzerin Marlúcia do Amaral in einer Choreographie von Martin Schläpfer. (Gert Weigelt)
Tanz im Ausnahmezustand: Marlúcia do Amaral in "Ramifications" von Martin Schläpfer. (Gert Weigelt)

Vier mal in Folge wurde Martin Schläpfers Ensemble zur „Kompanie des Jahres“ gewählt. Nun verlässt der Choreograf die Deutsche Oper am Rhein. Seine Zukunft ist das Staatsballett in Wien - und eine Stadt, die ihn auch wegen ihrer Behäbigkeit lockt.

Nach elf Jahren verlässt der Choreograf Martin Schläpfer die Deutsche Oper am Rhein. Ab der nächsten Spielzeit übernimmt der 60-Jährige die Leitung des Wiener Staatsballetts. Zum Abschied gibt es eine digitale Ausstellung unter dem Titel "Von den Kraftfeldern zwischen Mensch und Körper" mit Texten Schläpfers und Fotografien des ehemaligen Tänzers Gert Weigelt - und eine frisch erschienene Biografie. 

Das klassische Repertoire pflegen

Der Wechsel nach Wien sei genau richtig, sagt Schläpfer: "Das Wiener Staatsballett ist eine Ausnahme in diesem Kosmos an Tanzkompanien." Er könne dort, anders als bisher, das klassische Repertoire pflegen. Das habe bisher nicht gepasst - weder zu den Städten noch zu seiner Kompanie.

Wien sei eine Kunst- und Kulturmetropole, wie es nicht mehr viele gebe, ist Schläpfer überzeugt. Das sei bereits am Flughafen zu merken. Auf der anderen Seite gebe es aber auch eine gewisse Behäbigkeit, ein Filz, durch den man stoßen müsse: "Das ist sicherlich etwas, was mich lockt."

Er kämpfe zwar nicht gern, aber er streite gern, sagt der gebürtige Schweizer: "Im Sinne von: Mit einer Gruppe im Dialog zu ergründen, was könnte die Wahrheit sein." Er sehe die Gefahr des wiedererstarkenden Fundamentalismus, ob in der Religion oder im Allgemeinen, so Schläpfer: "Es ist wieder sehr schwarz-weiß geworden."

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Er schätze Deutschland dafür, dass offen diskutiert werde und dabei auch die dunklen Seiten nicht einfach weggeschoben würden, sagt der Choreograf: "Eigentlich gibt es kein anderes Land, das so genau hinschaut." Das habe ihn und seine Kunst geprägt: "Ich habe Kontur gekriegt in diesem Land."

Hypersensibilität und Hyperwachheit

Wenn er in Fluss komme, könne er sehr schnell arbeiten, sagt der Choreograf. Dann befinde er sich in einer "Hypersensibilität und Hyperwachheit", bekomme nur wenig Schlaf: "Es ist ein Ausnahmezustand." Während der Spielzeit habe er wenig Auszeiten. Um sich zu erholen, versuche er aus der permanenten Kommunikation auszutreten, erläutert Schläpfer: "Dann geh ich irgendwo hin, wo es wenig Menschen gibt."

Vor jeder Probe und jeder Produktion gebe es einen Moment, "über den man springen muss", beschreibt Schläpfer seine Gefühle beim Einüben einer neuen Choreografie: "Es ist aber nicht so, dass die Angst permanent meine Partnerin wäre."

(beb)

Die Kulturjournalistin Bettina Trouwborst hat sich mit Martin Schläpfer unterhalten und aus den Gesprächen seine Biografie destilliert:

Martin Schläpfer: "Mein Tanz, mein Leben"
Martin Schläpfer im Gespräch mit Bettina Trouwborst
Seemann Henschel Verlagsgruppe, Leipzig 2020
200 Seiten, 30 Euro

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