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Fazit | Beitrag vom 20.03.2019

Choreograf Jérôme BelDie Schönheit des Unperfekten

Von Elisabeth Nehring

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Eine Collage aus verschiedenen Szenenfotografien diverser Stücke von Jérôme Bel. (Presse Hebbel am Ufer Berlin - Foto: Jérôme Bel)
Mit dem Film "Retrospective" will der französische Choreograf Jérôme Bel sein bisheriges Werk interpretieren. (Presse Hebbel am Ufer Berlin - Foto: Jérôme Bel)

Mit dem Film "Retrospective" schaut der Pariser Choreograf Jérôme Bel auf sein Bühnenwerk zurück. Mit minimalistischen und humorvollen Stücken hat er den zeitgenössischen Tanz stark beeinflusst - obwohl darin oft gar nicht getanzt wird.

Der Pariser Choreograf Jérôme Bel kann schon seit Mitte der 90er-Jahre nichts mehr mit Virtuosität und Starkult anfangen. Seine Tanzproduktionen, in denen mitunter gar nicht getanzt, dafür viel geredet oder geschwiegen wird, haben längst Kultstatus erreicht und die Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes maßgeblich beeinflusst.

Das Sezieren des eigenen Werks

Im Hebbel am Ufer hatte heute Abend ein Film Premiere, den der 54 Jahre alte Künstler als Rückschau auf sein choreographisches Werk angelegt hat. Aus seinen 19 Stücken hat er sechs ausgewählt, die in Ausschnitten gezeigt werden; frühe Arbeiten wie "Jérôme Bel" von 1995, "Shirtology" (1997) oder "The show must go on" von 2001, in denen es auf ganz direkte, minimalistische und auch humoristische Weise um Fragen von Repräsentation und Dekonstruktion ging, um die basalen Prinzipien des Theaters: Licht, Musik und Körper im Raum, um die Vermeidung von bekannten körperlichen Repräsentationen wie dem erotischen oder dem sportlichen Körper.

Gezeigt werden auch Szenen aus dem wunderbaren Stück "Veronique Doisneau" von 2004, in dem eine Tänzerin der Pariser Oper ihre ganz spezielle Abschlussvorstellung gibt und die Rolle einer Corps de Ballett-Tänzerin einmal ohne das ganze große Dekor, quasi entkleidet vorführt. Und schließlich die beiden großen Gruppenproduktionen "Disabled Theatre" mit Schauspielern mit Behinderung des Theater Hora und "Gala", in dem Jérôme Bel Laien und Profis, ältere und ganz junge Tänzerinnen und Tänzer auftreten und die Schönheit des Unperfekten zelebrieren lässt.

Weniger Direktor, mehr Darsteller

Die Fragen an das Theater – was zeigen wir auf der Bühne? Wie wird es gezeigt? Was sind die Erwartungen des Zuschauers? – sind über die Jahre dieselben geblieben, auch die Zugangsweise zum Theater bleibt immer minimalistisch, aber der Ton, der Blick hat sich verändert, ist stärker am einzelnen Individuum interessiert. Immer mehr nimmt Bel sich als Direktor zurück, gibt nur noch Struktur vor und vertraut die Aufführung seinen Darstellern und Darstellerinnen an.

Keine neue Produktion wollte er erarbeiten, sagt Bel zu Beginn des Films, sondern die Vergangenheit von heute aus interpretieren. Das totale Verschwinden der Stücke verhindern und gleichzeitig ihr Grab erschaffen – mit diesem pessimistischen Impetus beginnt Jérôme Bels filmische Retrospektive. Am Ende aber tanzt er im Film als einer von vielen über die Bühne und feiert neben der Verletzlichkeit des Einzelnen und seines Körpers auch die Gleichheit aller Individuen.

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