Chinesische Detektivin in heikler Mission
Mei ist eine moderne Pekinger Frau, die ein Detektivbüro betreibt, ein Auto hat und einen gutaussehenden Sekretär beschäftigt. Die Geschichte beginnt, als ein Freund ihrer Mutter sie beauftragt, ein wertvolles Jadeauge aus der Han-Dynastie zu suchen, das während der Kulturrevolution verschwunden ist.
China ist in aller Munde. Nicht nur wegen der Olympischen Sommerspiele, die in einigen Monaten in Peking stattfinden, oder wegen der Proteste in Tibet. Mit seiner boomenden Wirtschaft und seinen gigantischen Wachstumsraten, seinen Millionenstädten, die in wenigen Jahren aus dem Boden gestampft werden, scheint es von einer Dynamik getrieben, die man im Westen oft vermisst. Mit seinen Umweltproblemen und seiner Missachtung von Bürger- und Menschenrechten ist es gleichzeitig Schreckgespenst eines autoritären Wegs in die Moderne. Doch all das sind Schlagworte; tatsächlich wissen wir relativ wenig über dieses große Land.
Deshalb ist ein Roman wie "Das Jadeauge" von Diane Wei Liang so interessant und so wichtig. Es geht um Mei, eine moderne Pekinger Frau, die ein Detektivbüro betreibt, ein Auto hat und einen gutaussehenden Sekretär beschäftigt. Offiziell darf sie ihr Büro zwar nicht Detektivbüro nennen, es ist als Auskunftei angemeldet, aber sie wird dafür bezahlt, Kriminalfälle zu lösen.
Wie viele Ermittler in amerikanischen Romanen war sie vorher bei den staatlichen Sicherheitsbehörden angestellt, die sie im Streit verließ, um nun auf eigene Rechnung zu arbeiten. Die Geschichte beginnt, als "Onkel Chen" bei ihr auftaucht, ein Freund ihrer Mutter, und sie beauftragt, das Jadeauge zu suchen, ein wertvolles Siegel aus der Han-Dynastie, das während der Kulturrevolution verschwunden ist, als die Roten Garden versuchten, alle Erinnerungen an die Vergangenheit zu zerstören.
Eine schwierige Aufgabe, wie sich bald herausstellt, denn die Kulturrevolution ist das dunkle Geheimnis des zeitgenössischen China, ein kollektives Trauma, das nie aufgearbeitet worden ist. Es hat viele Tote gegeben, keiner ist je zur Rechenschaft gezogen worden. Und wer heute Macht in China hat, war in irgendeiner Art und Weise beteiligt an den Verbrechen jener Tage. Auch Meis Familie.
Auch die Familie der Autorin war verstrickt. Wie ihre Hauptfigur Mei hat Diane Wei Liang einige Jahre ihrer Kindheit in einem Arbeitslager verbracht, in das ihre Eltern verbannt worden waren. 1989 nahm sie außerdem an den Studentenprotesten teil, und als diese niedergeschlagen wurden, musste sie das Land verlassen. Sie ging in den Westen und lebt heute als Wirtschaftswissenschaftlerin in London.
Die Proteste, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens stattfanden, spielen in "Das Jadeauge" allerdings keine Rolle. Das wird sicher noch kommen, denn das Buch ist der Anfang einer Serie, die Wei Liang rund um ihre Privatdetektivin geplant hat. "Das Jadeauge" geht um das Erbe der Kulturrevolution, das bis heute die Beziehungen der Chinesen untereinander vergiftet. Und es geht um das moderne Peking und seine Bewohner, die ganz ähnliche Probleme haben wie Menschen, die anderswo auf der Welt in einer Metropole wohnen: Sie finden keinen Parkplatz, sie versuchen, Tische in den angesagten Restaurants zu reservieren, und ihre Freunde sind ins Ausland gezogen.
Es ist noch Einiges zu erwarten von dieser Serie, auch weil die Idee, eine Privatdetektivin durch diese Stadt zu schicken, so überaus attraktiv ist. Ist sie doch die Stellvertreterin von so etwas wie bürgerlichem Bewusstsein. Symbol wie ausführende Kraft eines neuen Selbstbewusstseins, das sein Misstrauen gegen die Behörden nicht mehr einfach hinnehmen will, sondern selbst losgeht oder jemanden losschickt, um die Wahrheit herauszufinden. Das Material wird Diane Wei Liang so schnell sicher nicht ausgehen.
Rezensiert von Tobias Rapp
Diane Wei Liang: "Das Jadeauge"
List Verlag 2008, aus dem Englischen von Susanne Hornfeck,
270 S., 18 Euro
Deshalb ist ein Roman wie "Das Jadeauge" von Diane Wei Liang so interessant und so wichtig. Es geht um Mei, eine moderne Pekinger Frau, die ein Detektivbüro betreibt, ein Auto hat und einen gutaussehenden Sekretär beschäftigt. Offiziell darf sie ihr Büro zwar nicht Detektivbüro nennen, es ist als Auskunftei angemeldet, aber sie wird dafür bezahlt, Kriminalfälle zu lösen.
Wie viele Ermittler in amerikanischen Romanen war sie vorher bei den staatlichen Sicherheitsbehörden angestellt, die sie im Streit verließ, um nun auf eigene Rechnung zu arbeiten. Die Geschichte beginnt, als "Onkel Chen" bei ihr auftaucht, ein Freund ihrer Mutter, und sie beauftragt, das Jadeauge zu suchen, ein wertvolles Siegel aus der Han-Dynastie, das während der Kulturrevolution verschwunden ist, als die Roten Garden versuchten, alle Erinnerungen an die Vergangenheit zu zerstören.
Eine schwierige Aufgabe, wie sich bald herausstellt, denn die Kulturrevolution ist das dunkle Geheimnis des zeitgenössischen China, ein kollektives Trauma, das nie aufgearbeitet worden ist. Es hat viele Tote gegeben, keiner ist je zur Rechenschaft gezogen worden. Und wer heute Macht in China hat, war in irgendeiner Art und Weise beteiligt an den Verbrechen jener Tage. Auch Meis Familie.
Auch die Familie der Autorin war verstrickt. Wie ihre Hauptfigur Mei hat Diane Wei Liang einige Jahre ihrer Kindheit in einem Arbeitslager verbracht, in das ihre Eltern verbannt worden waren. 1989 nahm sie außerdem an den Studentenprotesten teil, und als diese niedergeschlagen wurden, musste sie das Land verlassen. Sie ging in den Westen und lebt heute als Wirtschaftswissenschaftlerin in London.
Die Proteste, die auf dem Platz des Himmlischen Friedens stattfanden, spielen in "Das Jadeauge" allerdings keine Rolle. Das wird sicher noch kommen, denn das Buch ist der Anfang einer Serie, die Wei Liang rund um ihre Privatdetektivin geplant hat. "Das Jadeauge" geht um das Erbe der Kulturrevolution, das bis heute die Beziehungen der Chinesen untereinander vergiftet. Und es geht um das moderne Peking und seine Bewohner, die ganz ähnliche Probleme haben wie Menschen, die anderswo auf der Welt in einer Metropole wohnen: Sie finden keinen Parkplatz, sie versuchen, Tische in den angesagten Restaurants zu reservieren, und ihre Freunde sind ins Ausland gezogen.
Es ist noch Einiges zu erwarten von dieser Serie, auch weil die Idee, eine Privatdetektivin durch diese Stadt zu schicken, so überaus attraktiv ist. Ist sie doch die Stellvertreterin von so etwas wie bürgerlichem Bewusstsein. Symbol wie ausführende Kraft eines neuen Selbstbewusstseins, das sein Misstrauen gegen die Behörden nicht mehr einfach hinnehmen will, sondern selbst losgeht oder jemanden losschickt, um die Wahrheit herauszufinden. Das Material wird Diane Wei Liang so schnell sicher nicht ausgehen.
Rezensiert von Tobias Rapp
Diane Wei Liang: "Das Jadeauge"
List Verlag 2008, aus dem Englischen von Susanne Hornfeck,
270 S., 18 Euro