Dienstag, 27.07.2021
 

Zeitfragen | Beitrag vom 21.06.2021

Chinas Umgang mit TechkonzernenEnde des Kuschelkurses

Von Steffen Wurzel

Eine chinesische Mitarbeiterin scannt den QR-Code über den mobilen Bezahldienst Alipay der Alibaba Group auf dem Smartphone eines Kunden. Foto: Bai Kelin/HPIC/dpa (picture alliance / dpa / Bai Kelin )
Mit Alipay bezahlen - die App hat den Umgang mit Geld in China innerhalb weniger Jahre revolutioniert. (picture alliance / dpa / Bai Kelin )

Viele Chinesen bezahlen mittlerweile mit Hilfe von Apps wie Alipay. Lange unterstützte die Kommunistische Partei diese privaten Unternehmen - teils auch finanziell. Die Lage hat sich nun geändert: Der Führung in Peking werden die Konzerne zu mächtig.

Ein kleiner Kaffeeladen im Shanghaier Geschäftsviertel Jing’an. Der Laden ist beliebt, ein Kaffee zum Mitnehmen kostet umgerechnet zwei Euro, ein Schnäppchen für diesen Standort.

Dass es sich für Ladenbesitzer Wu Jialing trotzdem lohnt, liegt daran, dass er viel Kaffee innerhalb kurzer Zeit verkaufen kann. Die Kundinnen und Kunden bezahlen per Smartphone. Sie scannen einfach den QR-Code, der neben der Kaffee-Maschine hängt.

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Bezahlen per App geht wahnsinnig schnell, sagt Ladenbesitzer Wu Jialing. Kasse bedienen, Wechselgeld raussuchen, nach Kontakt mit Kasse und Bargeld die Hände waschen - das alles fällt weg. Entsprechend mehr Umsatz ist drin.

Die Bezahl-Apps Alipay und WeChat-Pay haben den Umgang mit Geld in China innerhalb weniger Jahre revolutioniert. 

Staatliche Banken geraten ins Hintertreffen

Statt sich mit den meist altmodischen, komplizierten und behäbigen staatlichen Banken herumzuschlagen, verlassen sich die meisten Chinesinnen und Chinesen inzwischen voll auf die Smartphone-Apps der heimischen Fintech-Konzerne Ant und Tencent, um ihre Alltagsfinanzgeschäfte abzuwickeln.

Dabei geht es längst nicht mehr nur ums bargeldlose Bezahlen. Mit der Alipay-App von Ant lassen sich inzwischen auch Geldanlage, Versicherungen und Altersvorsorge erledigen. Auch das schwächt die Rolle der staatlichen Banken.

"China hat sich im Bereich des Finanzwesens von einem sehr rückständigen Ort zu einem weltweiten Vorreiter in Sachen Fintech entwickelt", erklärt Martin Chorzempa vom Peterson Institute for International Economics in Washington, DC.

Der Staat förderte den Gründerboom

Nicht nur in der Finanztechnologie-Branche sind in China in den vergangenen Jahren neue, mächtige Großkonzerne entstanden. Auch in anderen Tech-Bereichen gab es einen Gründerboom, finanziert durch teils staatliches, teils privates Wagniskapital.

Egal ob im Bereich Online-Shopping, Socialmedia oder Lieferdienste: Jahrelang konnten sich Unternehmen wie Alibaba, Bytedance und Meituan auf politische und teils auch finanzielle Unterstützung der Staatsführung verlassen.

Chinas KP geht gegen Privatsektor vor

Doch in den vergangenen Monaten hat sich das Klima gewandelt, sagt Duncan Clark, Chef der Unternehmensberatung BDA in der chinesischen Hauptstadt Beijing:

"Es sieht so aus, dass die chinesische Regierung ihr Verhältnis zu den großen Techkonzernen neu auslotet."

Ganz offensichtlich sind der kommunistischen Staatsführung einige der großen Tech-Firmen zu schnell zu groß geworden – und vor allem zu mächtig. Dass Kartell- und Aufsichtsbehörden gegen die Marktmacht großer Konzerne wie Google, Amazon oder Facebook vorgehe, das gebe es zwar auch in Europa und den USA. Aber:

"Was die Sache in China speziell macht, das sind die herausragende Stellung der Kommunistischen Partei und die Spannungen, die es in China immer wieder gibt: Spannungen zwischen den staatlichen Großkonzernen, die von der KP beaufsichtigt werden, und dem Privatsektor."

Die Staatsführung stoppte den Börsengang

Diese Spannungen wurden im zurückliegenden Jahr in China sichtbar. In mehreren Fällen bremste die Staats- und Parteiführung die aufstrebenden Privatunternehmen aus.

Beispiel Ant. Der Mutterkonzern der Bezahl- und Finanzdienstleistungs-App Alipay wollte vergangenen November an die Börse gehen. Es wäre der größte Börsengang der Weltwirtschaftsgeschichte gewesen. Mit ihm hätte das chinesische Fintech-Unternehmen Ant rund 30 Milliarden Euro eingesammelt.

Doch zwei Tage vor dem Aktiendebüt in Hongkong und Shanghai stoppte die Staatsführung den Börsengang überraschend. Ant erfülle bestimmte Regularien nicht, wurde mitgeteilt.

Weitere Details: Keine.

Fall Ant kein Einzelfall

In den folgenden Wochen wurde deutlich: Die Absage des Ant-Börsengangs kam wohl von ganz oben. Chinas Staats- und Parteiführung hatte sich offensichtlich an Aussagen des Ant-Chefs Ma Yun alias Jack Ma gestört, der kurz vor dem geplanten Börsengang bei einer Rede in Shanghai gesagt hatte:

"Was die Finanzbranche angeht sind wir in China noch Anfänger. Wir haben zwar große Banken – die sind wie große Flüsse. Was wir aber vor allem brauchen sind kleine Seen, Teiche, Bäche und kleinere Flüsse."

Chinas bisheriges, von staatlichen Großbanken dominiertes, Finanzsystem berge Risiken, kritisierte Ant-Chef Ma in Shanghai, das sei ungesund. Eine Aussage, die zwar viele Expertinnen und Experten unterschreiben würden, doch aus Sicht der kommunistischen Führung hatte der bis dahin allgegenwärtige Vorzeige-Manager Jack Ma mit seiner offenen Kritik an den Staatsbanken eine rote Linie übertreten.

Der Gründer und CEO von Alibaba, Jack Ma, wird von Maurice Levy in der VivaTech-Ausstellung im Palais des Expositions der Porte de Versailles in Paris, interviewt. Foto: Henri Szwarc/ABACAPRESS.COM (picture alliance / abaca / Henri Szwarc)Der Chinesische Medienunternehmer und Milliardär Jack Ma (picture alliance / abaca / Henri Szwarc)

Der Börsengang seines Fintech-Unternehmens Ant platzte, Jack Ma selbst musste sich seitdem weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Dazu erklärt der Unternehmensberater Duncan Clark, der auch ein Buch über den Aufstieg von Jack Ma geschrieben hat:

"Zunächst dachte man: Es geht hier nur um Jack Ma, weil er sich so offen äußert, und um sein Unternehmen Ant. Aber seitdem haben wir ein noch viel weitgehenderes Durchgreifen der Behörden gegen große Tech-Firmen in China erlebt."

Zahlreiche Rücktritte von Tech-Milliardären

So traten in China auch mehrere weitere prominente Startup-Gründer und Tech-Milliardäre zurück. Zhang Yiming zum Beispiel, der Chef des TikTok-Mutterkonzerns Bytedance, und Huang Zheng, der den aufstrebenden chinesischen Online-Shoppingkonzern Pinduoduo leitete.

Die Gründe für die Rücktritte sind unklar, aber die meisten Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Druck der Staatsführung dabei eine Rolle gespielt hat.

"Die Kommunistische Partei profitiert enorm vom Konsumboom, den all diese Tech-Firmen in China ausgelöst haben. Aber das ist keine Einbahnstraße. Wir sehen hier eine gewisse doppelte Abhängigkeit zwischen der KP und den Tech-Konzernen: Beide brauchen sich irgendwie gegenseitig, aber letztlich sagt die Partei: Ihr braucht uns mehr!"

Ein alter Satiretext wird zum Problem

Immer deutlicher wird: Chinas Staatsführung lässt den privaten Techkonzernen nicht mehr so viel durchgehen wie bisher. Auch sie müssen sich dem Führungsanspruch der KP unterordnen. Kritik wird nicht geduldet, sei sie noch so dezent.

Zu erleben war das zuletzt beim Lieferdienst-Konzern Meituan, gegen das die Kartellbehörden ermitteln. Meituan-Chef Wang Xing postete Anfang Mai einen historischen, mehr als eintausend Jahre alten satirischen Text. In diesem Text geht es um Kritik an einem früheren chinesischen Kaiser. Einige verstanden das Posting des 42-jährigen Firmenchefs und Multimilliardärs Wang Xing als versteckte Kritik an den heutigen Herrschern in China.

Der Meituan-Chef löschte den geposteten Text zwar wieder, trozdem sackte der Börsenkurs von Meituan um fast 15 Prozent ab. Das Unternehmen verlor auf einen Schlag rund 25 Milliarden Euro an Wert.

Das Vermögen der Chefs wird zur Last

Dass der Meituan-Chef Wang Xing daraufhin etwa zehn Prozent seines persönlichen Vermögens, rund 1,8 Milliarden Euro, an eine Wohltätigkeitsorganisation spendete, wird allgemeinhin als Versuch einer Buße verstanden.

"Viele Firmenchefs in China prüfen gerade, wie sie herausragende Titel oder sogar Teile ihres Vermögens loswerden können", sagt Duncan Clark. "Es geht darum, sich möglichst unauffällig zu verhalten, nicht mehr der höchste Baum im Wald zu sein. Denn der ist der erste, der gefällt wird."

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