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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.04.2019

Chinas Behörden zensieren unbequemes WerbevideoLob und Häme für Leica

Von Steffen Wurzel

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Ein Mann mit einer Fotokamera. Im Objektiv spiegelt sich eine Szene der Studierendenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens aus dem Jahr 1989 wider: Ein Mann steht alleine vor vier Panzern. (Videostill aus dem Werbe-Film "The Hunt" des Kameraherstellers Leica)
Das Werbevideo endet mit einer Szene, in der ein Fotograf das berühmte Foto schießt, auf dem ein Mann zu sehen ist, der allein auf einer großen Pekinger Straße vor vier Panzern steht. (Videostill aus dem Werbe-Film "The Hunt" des Kameraherstellers Leica)

Chinas Sicherheitsbehörden liegen im Clinch mit dem hessischen Kamerahersteller Leica. Hintergrund ist ein vor wenigen Tagen erschienenes Werbevideo. Darin geht es um einen Fotografen, der die Proteste auf dem Pekinger Tian'anmen-Platz 1989 fotografiert.

Der knapp fünfminütige Werbefilm trägt den Namen "The Hunt" ("Die Jagd"). Er ist im Stil einer Kriegsdoku gedreht und beschreibt die Arbeit von Fotografen, die in gefährlichen Krisengebieten arbeiten. Am Ende wird kurz das Leica-Logo eingeblendet.

Einer der Handlungsstränge des Films spielt während der blutigen Niederschlagung der Chinesischen Demokratiebewegung im Juni 1989 in Peking. Der Film endet mit einer Szene, in der ein Fotograf das berühmte Foto schießt, auf dem ein Mann zu sehen ist, der allein auf einer großen Pekinger Straße vor vier Panzern steht.

Die Aufnahme ist eines der bekanntesten Pressefotos des 20. Jahrhunderts. In China allerdings wird die Existenz dieses Fotos totgeschwiegen - genauso wie die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung insgesamt.

Alles, was damit zu tun hat, ist tabu und wird zensiert. So ist auch der Leica-Werbefilm von chinesischen Portalen inzwischen verschwunden, ebenso alle Einträge und Berichte zum Video. Auf Vimeo und YouTube ist es weiter verfügbar.

Leica hat sich vom Inhalt des Kurzfilms distanziert

Inzwischen hat sich das hessische Fotounternehmen Leica von dem Inhalt des Kurzfilms distanziert, vermutlich aus Angst vor Repressionen. Es handle sich gar nicht um ein offizielles Werbevideo, sagte eine Firmensprecherin der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post".

Anfragen des ARD-Hörfunks blieben bisher unbeantwortet. China ist ein wichtiger Markt für Leica. Unter anderem arbeitet die Firma eng mit dem Smartphone-Hersteller Huawei zusammen.

Im Internet gibt es inzwischen viel Lob für das Video – aber auch viel Kritik und Häme für Leica. Viele kritisieren, dass Leica sich von dem Film distanziert hat. Die Werbeagentur, die das Video produziert hat, nennt auf ihrer Webseite Leica weiter ausdrücklich als Kunden.

Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989

Am 4. Juni 1989 ließ Chinas Staats- und Parteiführung die Demokratiebewegung gewaltsam niederschlagen. Rund um den Tian'anmen-Platz in Peking kamen Hunderte, manche sagen mehr als 1.000 Menschen ums Leben.

Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Die heutige chinesische Führung um Staatschef Xi Jinping unterdrückt jegliche Erinnerung an den Vorfall. Angehörige von damals Getöteten und Aktivisten, die an die Demokratiebewegung erinnern wollen, werden verfolgt und bestraft.

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