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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 04.06.2015

China und die EssstäbchenIntelligente Stäbchen – ein Aprilscherz?

Von Ruth Kirchner

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Ein chinesischer Grundschüler isst sein Schulessen mit hölzernen Stäbchen. (picture alliance / CHINAFOTOPRESS / MAXPPP)
Ein chinesischer Grundschüler isst sein Schulessen mit hölzernen Stäbchen. (picture alliance / CHINAFOTOPRESS / MAXPPP)

In Chinas Kampf um mehr Nachhaltigkeit steht ein urchinesisches Kulturgut im Focus: die Essstäbchen. Denn wegen der Wegwerfstäbchen aus Holz wurden in China ganze Wälder geschlagen - smarte Stäbchen sollen Abhilfe schaffen.

Seit Jahren ziehen Umweltschützer mit Kampagnen wieder dieser gegen die Wegwerf-Stäbchen zu Felde: Greenpeace versuchte schon vor fünf Jahren die chinesische Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren: Milliarden Einmal-Stäbchen werden jedes Jahr in China produziert; Millionen Bäume dafür abgeholzt.

Benutzt wiederverwertbare Plastik- oder Metall-Stäbchen, wirbt das Video. Und in vielen gehobenen Restaurants ist das längst der Fall. Doch in Billig-Restaurants und Fressbuden am Straßenrand sind die Einwegstäbchen nach wie vor allgegenwärtig. Denn die meisten Kunden treibt nicht der Erhalt des Waldes um, sondern die Hygiene – daher ziehen sie Wegwerfstäbchen vor. Und noch etwas macht ihnen mehr Sorge als das Abholzen von Bäumen, nämlich die Sicherheit der Lebensmittel, die sie mit ihren Stäbchen essen:

"Vor allem recyceltes Speiseöl macht mir große Sorgen, sagt diese Frau. Darüber gibt es immer wieder Berichte. Am besten wäre es, man hätte seine eigene Ölpresse zu Hause."

Gepanschtes Speiseöl, mit giftigen Chemikalien gebleichte Hühnerfüße, Gammelfleisch – in China jagt oft ein Lebensmittelskandal den anderen. Vor allem Billigrestaurants stehen immer wieder im Verdacht minderwertige Zutaten zu verwenden. Der Internetgigant Baidu, einer von Chinas größten Tech-Konzernen, will die Sorgen der Verbraucher ein bisschen mindern. Das Unternehmen entwickelt derzeit batteriebetriebene Essstäbchen, die über Sensoren nicht nur den Salz- und Zuckergehalt, sondern auch Giftstoffe erkennen und die Werte über eine App auf das Smartphone des Benutzers schicken.

"In der derzeitigen Version können die Stäbchen den Säuregehalt von Speisen messen, sagt Baidu-Sprecher Kaiser Kuo, außerdem die Temperatur und die TPM-Werte."

Smarte Stäbchen kommen auf den Markt

TPM-Werte geben an, ob Frittier-Öl noch frisch ist. In Deutschland misst jede Pommesbude auf diese Weise, wann das Öl gewechselt werden muss. Doch bei Baidu waren die intelligenten Essstäbchen anfangs eigentlich nur ein April-Scherz.

Doch dieser nicht ganz ernst gemeinte Film im Internet hatte letztes Jahr eine so gewaltige Resonanz, dass die Firma die Stäbchen jetzt tatsächlich auf den Markt bringen will. Technisch sei das kein Problem, sagt der Baidu-Sprecher:

"Es geht ja nicht um Raumfahrttechnologie. All diese Messungen beruhen auf einfacher und billiger Technologie, die es seit Jahren gibt. Wir haben diese Dinge einfach nur zusammengeführt und mit dem Smartphone verbunden."

Wann die neuen Stäbchen in den Verkauf gehen, ist unklar. Und ob sie wirklich einschlagen, ist auch noch nicht sicher. Chinas gebeutelte Verbraucher bleiben skeptisch.

Schlaue Stäbchen schützen chinesischen Wald

Ab und zu könnte man so etwas benutzen, aber im Alltag ist es bestimmt zu teuer, sagt diese Mutter.

"Eine gute Idee, meint diese Frau, aber was werden die Dinger kosten? Und sind sie anerkannt von den Lebensmittelbehörden?"

Denn was, wenn es im Restaurant zum Streit kommt, wenn die schlauen Essstäbchen Alarm schlagen, der Koch und der Restaurant-Inhaber aber ihr Essen verteidigen? Wer zahlt dann die Rechnung? Bei Baidu gibt man sich gelassen. Wir haben Vertrauen in unsere Technologie, heißt es. Und: mehr Macht und Kontrolle für die Verbraucher könnten angesichts der vielen Lebensmittelskandale nur gut sein.

Auch Umweltschützer haben gegen die smarten Stäbchen mit Sicherheit nichts einzuwenden. Denn wer erst einmal schlaue Stäbchen im Gebrauch hat, wird sie nicht nach der ersten Mahlzeit in den Müll werfen. Nicht nur für die Verbraucher könnten die neuartigen Stäbchen daher gut sein, sondern auch für den chinesischen Wald.

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