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Studio 9 | Beitrag vom 14.09.2015

China entdeckt den deutschen KlassikerErste Übersetzung von Goethes Gesamtwerk ins Chinesische

Von Markus Rimmele

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Bronzefiguren der Dichter Goethe und Schiller im Shanghaier Vorort Anting
Bronzefiguren der Dichter Goethe und Schiller im Shanghaier Vorort Anting.

Goethes Werk ist politisch unverfänglich, die Erotik ist gut kaschiert und sonderlich religiös war der Dichter auch nicht. Deshalb fällt es dem chinesischen Propagandaministerium auch nicht schwer, die Übersetzung all seiner Werke ins Chinesische mit 110.000 Euro zu finanzieren.

Johann Wolfgang von Goethe bzw. Yāohàn·Wòěrfūgāng·féng·Gēdé ist auch in China kein Unbekannter. Seine bekanntesten Werke wurden schon in den 1920er-Jahren ins Chinesische übersetzt. Jetzt machen sich Shanghaier Germanisten aber an ein neues Mammutprojekt: Sie wollen alles, was Goethe schriftlich hinterlassen hat, übersetzen. In zehn Jahren soll die erste chinesische Goethe-Gesamtausgabe vorliegen.

Die Ehrfurcht vor der Riesenaufgabe ist Wei Maoping durchaus anzumerken. Er verantwortet nichts weniger als das größte Übersetzungsprojekt der deutschen Literatur seit Bestehen der Volksrepublik China. Den ganzen Goethe hat er im Visier, sämtliche Schriften, ausgehend von der 45-bändigen Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags.

"Diese gigantische Aufgabe möchten wir jetzt auf uns nehmen. Das ist ein Projekt des höchsten Rangs auf dem geisteswissenschaftlichen Gebiet in China."

Wei Maoping ist der Dekan der Germanistischen Fakultät an der Shanghaier Universität für Internationale Studien – und der Projektleiter für die Übersetzung des Goethe-Gesamtwerks. 110.000 Euro fließen dafür aus Peking. Das Geld kommt von allerhöchster Stelle, aus einem Forschungsfonds, der dem Propaganda-Ministerium unterstellt ist und sonst vor allem marxistische und parteihistorische Studien fördert. Für Wei Maoping geht ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Er verweist darauf, dass bislang nur die Hauptwerke Goethes wie der Faust oder die "Leiden des jungen Werthers" als Übersetzungen vorliegen.

"Wir möchten durch dieses Werk die Schriften von Goethe, die bis heute noch unbekannt sind, dem breiten chinesischen Publikum vorstellen. Mich interessieren sehr die Tagebücher, die amtlichen Schriften, seine Schriften zur Naturwissenschaft. Die sind unbekannt: Deswegen: Man weiß nur, das Goethe ein Dichter ist. Nein! Er ist nicht nur ein Dichter. Er ist wirklich ein sehr weiser Politiker, ein Staatsmann."

90 Übersetzer für Goethe

90 Übersetzer aus ganz China machen sich derzeit an die Arbeit, die Aufgaben sind verteilt. Man habe die gesamte chinesische Germanistik mobilisiert, sagt Professor Wei lachend. Eine Kommission wird die Qualität der Übersetzungen überprüfen. Zu deren Mitgliedern gehören auch zwei deutsche Sinologen. Die Übersetzer müssen Entscheidungen treffen, wie sie die 200 Jahre alte Sprache übertragen. Xie Jianwen übersetzt Tagebücher, Gespräche und Briefe.

"Satzzeichen von Goethe: Die Regeln von Satzzeichen ist überhaupt nicht gleich wie heute. Wie macht man das dann, wenn wir ins Chinesische übersetzen? Und manche Anrede zum Beispiel an den Herzog: Goethe macht damals die Anrede aus Höflichkeit sehr lang, drei Zeilen. Wie machen wir das dann?"

Es ist nicht einfach, ein chinesisches Pendant zur alten Sprache Goethes zu finden. Um 1800 waren schriftliche Texte noch in klassischem Chinesisch abgefasst, einer stark verkürzten Sprache der Gebildeten, die heute niemand mehr flüssig lesen kann. Die Übersetzung erfolgt deshalb ins moderne Chinesisch. Inhalt geht vor Ausdruck, so das Prinzip. Auch kulturell ist vieles fremd: griechisch-römische Mythologie, christliche Elemente. Trotzdem glaubt Wei Maoping, der gerade auch die Goethe-Biographie von Rüdiger Safranski ins Chinesische übersetzt, dass Goethe mit seiner menschlichen Weisheit dem China von heute viel zu sagen habe:

"Wir sind an einem Wendepunkt in China angelangt. Einmal geht diese so genannte materielle Zivilisation, gemeint ist die wirtschaftliche Entwicklung, gut voran. Zum anderen bleibt diese geistige Zivilisation, gemeint sind Tugend, Moral, Bildung, Ausbildung, im Vergleich dazu zurück. Wir hoffen, dass wir mit diesem Projekt einen kleinen Beitrag leisten können zur Erhöhung dieser geistigen Zivilisation in China."

Mit der sonst in China strengen Zensur dürfte Goethe auch nicht in Konflikt geraten. Politisch fehlt der Bezug zum Heute, die Erotik ist nicht zu direkt, und religiös im engeren Sinne war der Dichter auch nicht. Und was kann Deutschland aus dem großen Projekt lernen? Dass es sich lohnen könnte, mehr Klassiker aus dem Ausland zu lesen – auch aus China. Denn:

"In China kennt man besser Deutschland als in Deutschland China."

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