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Weltzeit | Beitrag vom 28.11.2019

Chiles Wutprobe Revolution im Tränengas

Von Anne Herrberg

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Gewaltsame Proteste in Santiago de Chile am 23. Oktober 2019. Eine Frau mit einem Tuch vor dem Gesicht schlägt mit einem Löffel auf einen Topf. Im Hintergrund brennen Barrikaden. (picture alliance / dpa/  AA / Cristobal Venegas)
Gewaltsame Proteste in Santiago de Chile am 23. Oktober 2019 gegen Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr. (picture alliance / dpa/ AA / Cristobal Venegas)

Chile erlebt die größten Demonstrationen seit dem Ende der Diktatur. Was als Protest gegen höhere U-Bahn-Preise startete, mündete in die Systemfrage für Präsident Piñera und seine Regierung. Jetzt soll eine neue Verfassung die Lösung bringen.

Die Trommeln gehören dazu, genauso wie der beißende Geruch von Tränengas – deswegen hat Franco Valdés neben Heften und Büchern immer auch eine Gasmaske im Schulrucksack. Unterricht findet derzeit aber ohnehin nicht statt am Instituto Nacional. In Chiles renommiertester Schule, in der einst Salvador Allende und andere Präsidenten büffelten, stehen die Zeichen auf Protest.

"Wir protestieren hier schon lange, weil so viel falsch läuft an den Schulen. Die Stühle sind immer noch aus den 60er-Jahren, in den Umkleiden gibt es kein warmes Wasser. Viele Toiletten und Fensterscheiben sind kaputt. Aber es wurde nichts ersetzt und nichts investiert. Uns fehlen Lehrer. Immer wieder fällt der Unterricht aus."

Ein Platz in Santiago de Chile, voll mit Menschen, die die chilenische Fahne schwenken, eingerahmt von Hochhäusern. (Anne Herrberg)Jeden Tag protestieren hier Tausende - die Plaza Italia im Zentrum von Santiago de Chile. (Anne Herrberg)

Das Instituto Nacional, ein kantig-modernistischer 70er-Jahre-Bau aus Beton, ist eine der wenigen öffentlichen Schulen des Landes. Denn Bildung ist in Chile weitgehend privatisiert. Ein Erbe der Diktatur von Augusto Pinochet, der foltern und morden ließ. Und Chile, mit Hilfe seiner in den USA ausgebildeten "Chicago Boys", zum Experimentierlabor eines radikalen Neoliberalismus machte. Der Staat, so klein wie möglich, fast alles liegt in privater Hand. Bildung, Gesundheit, Renten sogar die Wasserversorgung. Das Wirtschaftsmodell wurde durch die Verfassung zementiert, sie besteht fort, auch 30 Jahre nach Rückkehr zur Demokratie. Es waren Chiles Schüler, die dagegen zuerst auf die Straßen gingen.

"Die haben uns völlig vergiftet"

Bereits im Jahr 2006 protestieren sie gegen Schulgebühren und für mehr Mitsprache. Immer seien Reformen angekündigt worden, aber wirklich verändert habe sich kaum etwas, sagt der 17-jährige Franco. Irgendwann hat sich der Protest radikalisiert

"Eine kleine Gruppe hat sich vermummt, sie haben in den Pausen Steine und Molotow-Cocktails geschmissen. Ich bin nicht für Gewalt, aber ich kann das verstehen. Es ist ein Ausdruck der Wut, weil nie etwas passiert ist. Da plötzlich wurde dann alles mobilisiert: Die Polizei kam mit Knüppeln und Tränengas. Teilweise wurde Tränengas mitten ins Klassenzimmer geschossen, die haben uns völlig vergiftet."

Protest in Santiago de Chile am 2. November 2019. Ein Mann mit Joker-Maske protestiert mit anderen auf einer Straße.  (imago images/IP3press/Jeremias Gonzalez )Revolution mit Galgenhumor – Proteste mit Joker-Maske. (imago images/IP3press/Jeremias Gonzalez )

Aus der Kaderschmiede wird eine Protesthochburg. Als Anfang Oktober dieses Jahres die Preise für die Metro von Santiago um 30 Pesos, umgerechnet wenige Eurocent, angehoben werden, sind es Schüler wie Franco Valdés, die zum kollektiven Schwarzfahren aufrufen und johlend über die Drehkreuze springen. Und es sind Minderjährige wie er, die von der Polizei in den Würgegriff genommen und von der Regierung als Verbrecher bezeichnet werden.

Der chilenische Präsident Sebastian Piñera bei einer Regierungserklärung am 21. Oktober 2019. Ein älterer Mann steht an einem Rednerpult. (picture alliance / dpa / Luis Hidalgo)Chiles Präsident Piñera bei seiner Fernsehansprache: „Wir befinden uns im Krieg!“ (picture alliance / dpa / Luis Hidalgo)

Bald brennen U-Bahn-Stationen, Supermärkte werden geplündert und Präsident Sebastian Piñera spricht von Krieg, verhängt den Ausnahmezustand und schickt, erstmals seit Diktaturende vor knapp 30 Jahren, das Militär auf die Straßen. Doch dadurch wird die Wut nur noch größer und die Demonstrationen auch. Die Fahrpreiserhöhung, die längst zurückgenommen wurde, hat eine Protestwelle losgetreten, wie sie Chile noch nie erlebt hat.

Das Musterland, in dem die Reichen immer reicher wurden

Chile Despertó, Chile ist aufgewacht – ruft die Menschenmenge auch an diesem Freitag Mitte November. Sie klopfen auf Pfannen und Kochtöpfen, haben selbstgemalte Pappschilder dabei, Halstücher und Gasmasken gegen das Tränengas, das wie ein Smogwolke über der Stadt liegt. So ziehen wieder Zehntausende zur Plaza Italia, dem Epizentrum der Massenproteste – die Reiterstatue eines Militärgenerals in der Mitte bekam einen Kochtopf aufgesetzt, sie ist besprüht mit Protestparolen: "Plaza Dignidad", nennen die Demonstranten den Platz heute, Platz der Würde.

"Wir sind auf der Straße, um ein würdiges Leben zu fordern. Ein soziales Gesundheitssystem, gerechte Renten, Bildung mit Qualität. Wir haben unsere Eliten satt, die nur Profit machen wollen und zwar auf unserem Rücken!" 

Daniela Daza ist 31. Im Jahr 2011 war sie schon dabei, als Chiles Studierende auf die Straße gingen – dagegen, dass Bildung ein lukratives Geschäft ist. Heute zahlt sie den Kredit für ihr Studium mit einem Lohn von umgerechnet weniger als 500 Euro ab. Und Studienanfänger wie der 21-jährige William Martinez müssen sich immer noch auf Jahre verschulden, um eine Hochschule besuchen zu können. Chiles Versprechen vom sozialen Aufstieg, für die sogenannte Mittelschicht entpuppte es sich als Hamsterrad.

"Chile war das Musterland, aber vom Wirtschaftswachstum haben nur wenige profitiert. Die Reichen wurden immer reicher und für uns, die sogenannte Mittelschicht wurde das Leben immer teurer. Unsere Eltern, die noch die Diktatur erlebt haben, haben sich vielleicht nicht getraut, dagegen zu protestieren, aber unsere Generation hat die Angst verloren. Und die Menschen sehen, was los ist!"
  Drei junge Demonstrantinnen in Santiago de Chile, die sich durch Mundschutz vor dem Tränengas schützen. (Anne Herrberg)Sie führen die Proteste an - Chiles junge Generation fordert einen grundlegenden Wandel. (Anne Herrberg)

Dann explodiert ganz in der Nähe wieder eine Tränengasbombe. Panzerwagen fahren vor, treiben Demonstranten auseinander. Bald brennen Barrikaden und fliegen Gummigeschosse. Doch das hält die jungen Demonstranten nicht ab. Sie binden sich Tücher über Nase und Mund, spritzen sich mit Natron versetztes Wasser in die geröteten Augen, beißen in Zitronen, damit das Gas in Augen und Kehle weniger brennt und sie singen:

"Es geht nicht um 30 Pesos, es geht um 30 Jahre" – längst wird in Chile die Systemfrage gestellt.

"Wir mussten unsere Wut zeigen"

Da ist zum Beispiel Natalia Perez, sie lebt im Südwesten Santiagos zwischen einstöckigen Häuschen und bepflanzten Vorgärten im gediegenen Viertel Maipú. Seit 18 Jahren arbeitet sie als Krankenpflegerin in einer öffentlichen Klinik. Die Hälfte ihres Lohnes, umgerechnet 700 Euro und damit über dem chilenischen Durchschnitt, geht monatlich für Strom, Gas und den öffentlichen Nahverkehr drauf. Dazu die Lebensmittel, die ähnlich teuer sind wie in Europa und Medikamente für die diabeteskranken Schwiegereltern. Als der jüngste Sohn ein Geschwür am Knie bekam, warteten sie fast ein Jahr auf die Untersuchung.

"Das macht mich wütend, ich arbeite jeden Tag, ich zahle meine Steuern, aber der Staat ist nicht da. Nicht, wenn mein Kind krank wird, nicht für meinen Ältesten, der hart arbeitet, um sich irgendwann ein Studium leisten zu können, nicht für die Großeltern, die Aluminium sammeln, um ihre Rente aufzustocken. Deswegen war ich sofort dabei, als es hier losging, mit den Protesten. Wir mussten auf die Straße, wir mussten unsere Wut zeigen!"

Eine junge Frau in grün gekleidet, mit Sonnenbrille und roten Lippen hält ein beschriftetes Pappschild hoch. (Anne Herrberg)"Das ist unsere Geheimnis – Wir sind bereits 30 Jahre wütend" – Viele Menschen kommen mit selbstgemalten Pappschildern zu den Protesten. (Anne Herrberg)

Sie zog gemeinsam mit den Kindern zur Metrostation. Ihr Mann Alex Nuñez hielt sich im Hintergrund. Es ist zu gefährlich, habe er gesagt. Bald brannten erste Barrikaden. Die Polizei rückte mit Wasserwerfern und Tränengas vor und die Regierung verhängte den Ausnahmezustand – und eine Ausgangssperre. Aber Alex Nuñez, von Beruf Mechaniker, musste arbeiten. Auf dem Rückweg geriet er in eine Gruppe Demonstranten. Drei Polizisten umzingelten ihn, warfen ihn zu Boden.

"Die Diagnose lautete: Schädel-Hirn-Trauma. im Krankenhaus sagte sie, es sei so, wie wenn jemand mit dem Motorrad gegen eine Wand gerast sei. Stell dir vor, wie brutal sie auf ihn eingeschlagen haben müssen, mit ihren Stahlkappen-Stiefeln und Schlagstöcken. Der Gedanke daran macht mich fertig. Drei gegen einen! Wie stark und allmächtig fühlen die sich in ihren Uniformen. Das macht mich so wütend." 

Wenig später stirbt der Vater von drei Kindern an seinen Verletzungen.

Mehr als 20 Tote, mehr als 2000 Verletzte

Mehr als 20 Menschen sind bei den Protesten in Chile ums Leben gekommen, für mindestens fünf Tote sollen staatliche Sicherheitskräfte verantwortlich sein. Es gibt rund 70 Anklagen wegen Folter, Dutzende Fälle von sexueller Gewalt und in Chiles Krankenhäusern werden weit mehr als 2000 Verletzte behandelt. Darunter sind auffällig viele Augenverletzungen. In der Augenstation des Salvador-Krankenhauses von Santiago de Chile arbeiten die Ärzte am Limit. Mehr als 200 Augenverletzungen wurden seit Beginn der Proteste registriert – und es werden jeden Tag mehr, sagt Stationsarzt Mauricio Lopez

"Ich arbeite seit 20 Jahre als Augenspezialist, so eine Epidemie an Augenverletzungen habe ich noch nie erlebt. Das ist weltweit ein trauriger Rekord. Davon gehen 80 Prozent auf Schrotkugeln und Gummigeschosse zurück."

Und die enthalten neben Gummi, hart wie Skateboard-Reifen, auch das schwer gesundheitsschädliche Blei. Das ergab eine Untersuchung der Universität von Chile. Dazu berichten die Betroffenen immer wieder, es werde aus kurzer Entfernung und auf Gesichtshöhe geschossen.

"Am Montag, dem 21. Oktober, haben mir Polizisten mehrere Schrotkugeln ins Gesicht geschossen. Und eine ist unterhalb des Augenlides eingedrungen und dann in der Nasenscheidewand stecken geblieben, die Netzhaut ist abgelöst, es gibt innere Verletzungen, es sieht nicht gut aus."

"So funktioniert eine Demokratie"

Nelson Iturriaga trägt eine Schutzklappe über dem linken Auge. Der 43-jährige wird damit nie wieder sehen können. Die Bilder von den Gesichtern mit blutverschmierten Augenbinden sind zum Symbol geworden für die extreme Polizeigewalt auf Chiles Straßen. Doch Präsident Sebastian Piñera spricht weiter von vereinzelten Exzessen:

"In einigen Fällen wurden die Protokolle und Gesetze nicht eingehalten, es gab Exzesse, es konnten Missbräuche begangen werden. Das wird von der Staatsanwaltschaft untersucht und von den Gerichten beurteilt. So funktioniert eine Demokratie." 

Eine halbe Woche später kündigt Piñera ein Gesetzesprojekt an, dass die Befugnisse der Militärs im Inneren ausweitet – auch ohne Ausnahmezustand. Und das in einem Land, das bis vor 30 Jahren unter einer Militärdiktatur lebte, die foltern und morden ließ. Die Verfassung dieser Diktatur gilt in Chile weiterhin. Das zu ändern, ist die zentrale Forderung der Proteste. Regierung und Opposition haben nun angekündigt: Im April 2020 soll es einen Volksentscheid über eine neue Carta Magna geben.

Natalia Perez steht links vor dem Graffiti-Bild ihres lächelnden Mannes, der bei den Protesten ums Leben kam. (Anne Herrberg)"Ich hoffe, dass es nicht umsonst war" - Natalia Perez vor dem auf eine Wand gemalten Portrait ihres Mannes Alex. (Anne Herrberg)

Unsere Würde kann uns niemand nehmen, außer wir geben sie auf, habe ihr Vater immer gesagt, erinnert sich Natalia Perez aus Maipu. Der Gewerkschaftler war nach dem Militärputsch von 1973 im zum Folterzentrum umfunktionierten Nationalstadion von Santiago der Chile gefangen. Sie selbst dachte immer, ihre Generation brauche nicht mehr zu kämpfen. Nun steht sie in einem kleinen Park gegenüber der ausgebrannten und verwüsteten Metrostation. Nachbarn haben ein großes Wandbild an die Mauer gemalt, wenige Meter von der Stelle entfernt, an der Natalias Mann Alex Nuñez zusammengeschlagen wurde. 

"Du siehst, ganz links sind die Proteste, die mit dem Schwarzfahren der Schüler beginnen, dann kommt die Repression, in der Mitte steht der Name von Alex. Und ganz rechts feiern die Menschen. Das erhoffe ich mir: Dass es nicht umsonst war, dass wir Erfolg haben."

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