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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.05.2020

"Chicken Game" im öffentlichen RaumAusweichen in der Pandemie

Beobachtungen von Nicola Schubert

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Menschen laufen auf einer großen Kreuzung. (Eyeem / Tomoya Yamaguchi)
Besonders jetzt fällt es mir auf, dass gerade Männer keinen Platz machen, meint Nicola Schubert. (Eyeem / Tomoya Yamaguchi)

Das Abstandhalten im öffentlichen Raum rückt eine Machtfrage ins Bewusstsein. Wer gibt den Weg nicht frei? Wer läuft unbeirrt weiter? Meistens Männer, hat die Autorin Nicola Schubert beobachtet.

Ausweichen ist etwas, das oft mit rückgratlosen und konfliktscheuen Menschen verbunden wird, vielleicht auch mit taktischen. Genauso aber auch mit Verletzlichen, Schüchternen, Zarten, Leisen, Höflichen. Für das Ausweichen gibt es viele, oft auch persönliche Gründe.

Das physische Ausweichen ist aber auch sehr genderabhängig. Männern auszuweichen ist etwas, das in der täglichen Erfahrung von Frauen, bewusst oder unbewusst, fest verankert ist. Und von vielen nicht mehr hingenommen wird.

"Patriarchy Chicken" heißt ein "Spiel", das ich auch gern gespielt habe. Die britische Historikerin Charlotte Riley erfand es, mit der einzigen Regel, als Frau keinem Mann auszuweichen. Wie gesagt, ich habe es gern gespielt. Bis jetzt. Denn ernstgenommenes Social Distancing macht es unmöglich, sich dem Ausweichen zu verweigern.

Männer weichen selten aus

Ich traue mir durch die Praxis des "Spiels" eine gewisse Sensibilität in der Beobachtung des generellen Ausweichverhaltens zu. Meine tägliche Erfahrung in dieser Zeit ist, dass ich meist diejenige bin, die ausweicht. Beim Spaziergang, beim Einkauf, beim Joggen.

Besonders jetzt fällt es mir auf, dass gerade Männer selten ausweichen, keinen Platz machen. Wie gesagt: Das ist meine eigene Erfahrung ohne Anspruch auf flächendeckende Verifizierbarkeit. Wenn ich ihnen ausweiche, ist das im Moment ein anders gearteter politischer Akt als sonst: Ich schütze mich und sie.

Coronavirus-NewsletterIm Normalfall profitiert davon nur der Mann. Frei nach Riley kommt er schneller ans Ziel, verliert keine Zeit durch Höflichkeit, durch Raumgeben. Er bewegt sich ohne Hindernis durch eine für ihn designte Welt.

Beim Ausweichen wird ein Machtkampf ausgetragen – den Männer meist nicht mal bemerken. "Wem gehört der Raum?" ist hier die Frage, die sich beim Aufeinanderzulaufen stellt. Dass nun der Raum dem*derjenigen gehört, der*die keine Bedenken bezüglich des Virus zu haben scheint, ist offensichtlich.

Ob hier auch reinspielt, dass physische Stärke eine Eigenschaft ist, die Männern zugeschrieben wird? Zugegeben, die Frage ist eher rhetorisch. Wer sich für unverletzlich, unbesiegbar hält, der*die braucht weder Abstände einzuhalten noch auszuweichen, dem*der liegt die Welt zu Füßen, auch mit Virus. Sozialdarwinismus und intersektionaler Feminismus haben noch nie gut zusammengepasst.

Frauen müssen für alle denken

Mit "Krise der Männer" übertitelte Jana Hensel in der Zeit jüngst einen Text darüber, wie sehr sich die männliche Hegemonie anhand der Krise zeige: an der medialen Präsenz von Männern, der männlichen Besetzung von Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Lehre.

All die Söders, Drostens und Laschets dieser Welt kommen doch öfter vor, selbst angesichts einer Kanzlerin und einer EU-Kommissions-Präsidentin. Und gleichzeitig zeigt sich die Unverzichtbarkeit zahlloser Frauen in unterbezahlten Care-Berufen. Die Coronakrise wirkt an manchen Stellen als Verstärkerin.

Frauen müssen aufpassen, sich nicht aus aktuellen Notwendigkeiten heraus nicht nur an ausgehöhlte Grundrechte zu gewöhnen, sondern auch daran, auszuweichen, sich aufzuopfern und für alle zu denken, die ihrerseits eher nur an sich denken. Krisen haben in der Menschheitsgeschichte ja häufig massive gesellschaftliche Rückschritte mit sich gebracht.

Raumnehmen und Raumgeben

Oder hat, optimistischer gedacht, das Social Distancing Potenzial? Zwangsläufig taucht der Gedanke, auszuweichen und Platz zu machen wohl in den meisten Köpfen auf. Zumindest in denen, die das Prinzip nicht grundsätzlich ablehnen.

Der Hintergrund ist hier natürlich nicht nur der der Höflichkeit oder des Raumgebens. Es gilt ja wie gesagt auch, sich selbst zu schützen. Wird dadurch Raumnehmen jetzt möglicherweise neu verhandelt? Wird meine Erfahrung mit nicht ausweichenden Männern in ein paar Wochen, ja vielleicht Tagen obsolet sein?

In der allgemeinen Wahrnehmung von zunehmender, zumindest partieller Solidarität, halte ich mich an dieser Hoffnung fest – bis dahin weiche ich erstmal weiter aus.

Porträt der Schauspielerin und freien Autorin Nicola Schubert. (Birgit Hupfeld)Nicola Schubert (Birgit Hupfeld)Nicola Schubert ist Schauspielerin und freie Autorin. Sie begann bei den "Ruhr Nachrichten" und Radio 91,2 in Dortmund und mit einem Theater- und Medienwissenschaftsstudium. Zurzeit ist sie, nach Schauspieldiplom in Frankfurt am Main und Erstengagement in Ostwestfalen, am Theater Ulm engagiert.

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