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Zeitfragen | Beitrag vom 15.08.2019

Chemie der LiebeDas Geheimnis eines großen Gefühls

Von Duška Roth

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Ein Mann mit gelber Herzbrille umarmt einen anderen Mann von hinten und schmiegt sich an seinen Rücken, im Hintergrund sieht man noch mehr Menschen, alle tragen Plastikherzbrillen (Unsplash / Dimitar Belchev)
"Die Chemie muss stimmen", sagt der Volksmund - und hat damit durchaus recht, sagen Forscher. (Unsplash / Dimitar Belchev)

Weiche Knie, Herzrasen – Liebe spürt man körperlich. Dahinter stecken hormonelle Vorgänge, denen die Wissenschaft auf den Grund geht. Doch Liebe ist mehr: Kulturelle Kontexte und individuelle Erfahrungen prägen sie gleichermaßen.

Die Liebe steckt voller Geheimnisse. Aber Geheimnisse sind doch dazu da, um die Spannung zu halten. Wollen wir das wirklich aufbrechen?

"Viele von uns entscheiden einige der wichtigsten Dinge des Lebens abhängig davon, ob sie verliebt sind oder ob sie einfach nur glauben, verliebt zu sein", sagt dazu Brian Earp. "Dabei sollten wir kritisch hinterfragen, ob Liebe wirklich beides ist: die Grundlage für große Lebensentscheidungen und gleichzeitig etwas, das geheimnisvoll bleiben sollte. Bei dem wir einfach nur die Hände in die Luft werfen und jubeln: Es ist doch alles magisch – mit Feenstaub auf meinem Kopf."

Natürlich! Alles ist magisch, wenn man verliebt ist! Man schwebt auf Wolke sieben, hat die rosarote Brille auf, Schmetterlinge im Bauch, weiche Knie… Hinterfragen wir doch die Liebe! - wenn sie schon so sehr unsere Lebensentscheidungen bestimmt.

Die Doppelnatur der Liebe

Was also ist Liebe? Vielleicht fangen wir gleich mit dem Herrn an, der sich gerade über Feenstaub lustig gemacht hat: Brian Earp ist stellvertretender Direktor des Yale Hastings-Programms für Ethik- und Gesundheitspolitik und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Oxford. Er hat ein Buch über die Liebe geschrieben. Was ist Liebe, Herr Earp?

"Wir nutzen die Definition von Carrie Jenkins, einer anderen Philosophin. Sie sagt: Stell Dir vor, dass Du die Fernsehserie 'Raumschiff Enterprise' schaust. Du zeigst auf den Bildschirm und sagst: Da ist William Shattner, der Schauspieler. Und dann sagt sie: Stell Dir vor, dass Du wieder auf den Bildschirm schaust. Diesmal sagst Du: Da ist Captain Kirk – die Rolle, die William Shattner spielt. Jenkins sagt nun: Du verhältst Dich vielleicht merkwürdig, aber Du widersprichst Dir nicht. Denn was auf dem Bildschirm zu sehen ist, ist ja wirklich beides: Der Schauspieler William Shattner, der die Rolle von Captain Kirk spielt. Und so ähnlich ist auch die Liebe."

So ganz klar wird das jetzt noch nicht. Was hat Liebe mit der Tatsache zu tun, dass William Shattner die Figur Captain Kirk spielt? Ist "Liebe" mehrere Dinge auf einmal?

"Carrie Jenkins argumentiert, dass die Liebe eine Doppelnatur, also zwei Seiten hat. Ein Teil ist biologisch bedingt und sie wehrt sich vehement gegen das, was man eine gesellschaftlich-konstruktivistische Sichtweise nennen könnte, die behauptet, dass Liebe ein reines Produkt der Gesellschaft ist. Gleichzeitig sagt sie: Hätte die Liebe nur eine biologische Komponente und wir alle wären nicht durch gesellschaftliche Normen eingeschränkt, die uns vorschreiben, wie eine romantische Beziehung auszusehen hat, dann hätten wir auch wieder etwas völlig anderes als das, was wir jetzt Liebe nennen. Sie sagt also, dass die Liebe beides ausmacht. Sie hat sowohl einen psychosozialen Anteil wie auch einen biologischen Anteil."

Mit der Pubertät kommt auch die Liebe

Das leuchtet ein. Schauen wir uns das genauer an. Der Reihe nach: Der Liebe geht zunächst ein Zustand der Verliebtheit voraus. Und das erste Mal erleben wir das auch körperlich in der Pubertät.

"Da reifen jetzt die Geschlechtsdrüsen", sagt Peter Walschburger, emeritierter Professor für Biopsychologe. "Es kommt also zu männlichen und weiblichen Hormonüberschüssen, Testosteron, Östrogen und so weiter. Und jetzt kommt dieser pubertierende Mensch in ein Stadium, das kann man, glaub ich, nicht pointierter fassen, obwohl das sehr flapsig ist, als wenn man sagt: Als ob er schon verliebt wäre, aber er weiß noch nicht in wen."

Und irgendwann findet diese "unorientierte" Verliebtheit eine Zielperson? "Jetzt geht’s erstmal darum, dass zwei Menschen sich richtig ineinander verknallen."

Verknallt via Instagram

Die sechzehnjährige Schülerin Luise hat sich nicht auf den ersten Blick verliebt, erzählt sie: "Das kommt ja eh erst so ein bisschen mit der Zeit. Und ja, also ich fand die Person schon attraktiv so, als ich sie das erste Mal gesehen habe, aber verliebt war ich da noch nicht."

Luise erzählt mit wachem Blick von ihrer ersten und bisher einzigen großen Liebe: Max. Sie haben sich über Instagram kennengelernt - er hat sie angeschrieben, sie hat ihn ignoriert. Beim zweiten Versuch hat Luise nachgegeben und sich mit ihm getroffen. Erstmal in Begleitung einer Freundin.

Dem ersten Treffen folgten weitere. Und dann, erzählt sie, "hat er mich nach Hause gebracht und dann haben wir uns dann geküsst und dann waren wir, glaube ich, einfach zusammen. Also es gab keine Frage oder so, sondern es war dann halt einfach so."

Neurowissenschaftler machen Liebe sichtbar

Forscher haben in den vergangenen Jahren untersucht, was im Körper vor sich geht, wenn wir uns verlieben. Neurowissenschaftler können es sogar sichtbar machen!

Andreas Bartels, Professor für visuelle Neurowissenschaft am Zentrum für integrative Neurowissenschaften an der Universität Tübingen, und sein Kollege Samir Zeki haben im Jahr 2000 Londoner Paare und junge Mütter im MRT untersucht. Es war die erste wissenschaftliche Arbeit, die sich mit der Frage beschäftigte: Was löst die Liebe im menschlichen Gehirn aus?

Ein Mädchen umarmt ihre Eltern, alle drei lächeln. (imago images / Westend61 / Roger Richter)Liebe für den Partner, Liebe fürs Kind: Neurologisch ist zwischen beiden Formen der Liebe kein Unterschied ersichtlich. (imago images / Westend61 / Roger Richter)

In zwei Studien sind die Forscher dieser Frage nachgegangen: Zum einen haben sie geschaut was passiert, wenn man verliebt ist und den eigenen Partner anschaut. Dazu haben sie den Probanden im MRT Bilder der geliebten Person gezeigt. Zum anderen haben Bartels und Zeki in der Folgestudie Müttern Fotos von ihren Kindern gezeigt.

Die Ergebnisse erstaunten die Wissenschaftler, denn sie waren nicht zu unterscheiden, obwohl in den beiden Studien vollkommen unterschiedliche Arten von Liebe und Bindung untersucht wurden. Die gemessenen Aktivitäten des Gehirns waren identisch.

"Sämtliche Areale, die aktiviert waren, waren genau die Areale, die eben eine hohe Dichte von Oxytocin und Vasopressin Rezeptoren aufweisen", erklärt Andreas Bartels. "Das sind genau diese Rezeptoren, von denen erst vor wenigen Jahren bekannt geworden war, dass sie vollständig für die Bindung verantwortlich sind."

Oxytocin - das Hormon, das blind vor Liebe macht

In den Neunzigern hatten Neurowissenschaftler im Tierversuch mit Präriewühlmäusen herausgefunden, dass das Hormon Oxytocin die Paarbindung beeinflusst. Je höher die Konzentration von Oxytocin im Blut, desto größer die Nähe und Treue.

Bartels' und Zekis Studien zeigen, dass die Erkenntnisse aus den Tierversuchen auf Menschen übertragbar sind. Also: beim Anblick der geliebten Person springt vor allem das limbische Belohnungssystem im Gehirn an. Weiter stellten die Neurowissenschaftler fest, dass manche Areale heruntergefahren werden. Beispielsweise der präfrontale Cortex, der für rationale Entscheidungen wichtig ist. Bartels findet das vollkommen sinnvoll:

"Als biologischer Mechanismus ist es natürlich gut angelegt, dass man etwas mehr Vertrauen in die Person setzt, mit der man dann - zumindest ein paar Jahre oder das Leben lang - Zeit verbringen soll. Das erhöht die Bindung und vermindert auch die Chance, dass man sich trennt."

Künstlerische Darstellung eines Oxytocin-Moleküls (imago / Science Photo Library)Oxytocin - das Hormon, das verliebt macht. (imago / Science Photo Library)

Ein neurologischer Beweis, dass Liebe blind macht? "Für unser privates Leben ist das nicht unbedingt das, was man sucht. Man will natürlich sicherstellen, dass die Person, mit der man tatsächlich das Leben verbringt, auch wirklich gut passt. Die Nachricht wäre zu Beginn jedenfalls: Aufgepasst, nicht völlig blind durch die Wand rennen, sondern gerade zu Beginn mal genau hinschauen. Aber danach kann das natürlich auch über Schwierigkeiten hinweg helfen."

Und so erzählt auch die Schülerin Luise, dass ihre schulischen Leistungen zu Beginn ihrer Liebesbeziehung gelitten hätten - ihrer Mutter sei das als erstes aufgefallen. Luise war verliebt, verknallt, verschossen, vielleicht sogar auch ein wenig verrückt. Nur "Schmetterlinge im Bauch" habe sie nicht gespürt: 

"Es war schon ein anderes Gefühl, aber es hat sich nie so angefühlt, dass ich das damit hätte vergleichen können, also zumindest nicht so wie ich es mir vorstelle."

Kultur(en) der Liebe

Ja, wie man sich die Liebe so vorstellt. Das hängt vor allen Dingen davon ab, welche Vorbilder man hat, welche Vorstellungen in der Gesellschaft vorherrschen. Denn Liebe ist mehr als ein hormoneller Zustand, erklärt Birgitt Röttger-Rössler. Die romantische Liebe werde in den Medien als etwas unbedingt positives gehypet, sagt sie. Stimmt, auch wir haben hier einige stereotype Bilder dieser Art bemüht. Gerade die Schmetterlinge, die rosarote Brille und so weiter.

Die Kulturanthropologin forscht seit längerem zur Liebe: "Entstanden ist das Interesse in der Feldforschung in Indonesien, im Süden der Insel Sulawesi, wo der größte Teil der Ehen nach wie vor arrangiert wurd. Ich habe dann beobachtet, dass die jungen Paare eigentlich relativ unerschrocken in diese mehr oder minder arrangierten Ehen gingen."

Und das, ohne den Anderen zu kennen? Ohne verliebt zu sein? "Zum Teile werden diese Symptome eben nicht als Verliebtheit oder so etwas gewertet werden, sondern, so muss man das schon sagen, einfach als Krankheit. Die werden also auch mit einem ganz anderen Begriff bezeichnet. Man muss eingreifen. Man muss auf diese jungen Menschen aufpassen. Das ist ein gefährlicher Zustand. Die wissen nicht was sie tun."

Das klingt aber unromantisch. Kennen diese Menschen Liebe überhaupt? "Da kann man ja dann nicht sagen, wenn es keine Kategorie gibt, oder kein Wort, oder wenn auch meinetwegen, die romantische Liebe vielleicht sogar als gefährlicher Zustand, den man vermeiden sollte, abgewertet wird. Da kann man ja nun nicht den Schluss ziehen, da gebe es keine Liebe. Lieblose Gesellschaften, das ist Unfug."

Dann müssen wir also davon ausgehen, dass es eine Gemeinsamkeit gibt, die überall auf der Welt zu finden ist. Nur: Welche ist das? "Das Element einer starken, auch körperlich starken Anziehung, die alles durcheinanderbringt. Ich denke schon, dass das eine Universalie ist, die nur eben sehr anders kulturell überformt wird, also gewertet und damit auch normiert und ausgelebt wird."

Ohne Anziehung keine Kinder

Die Anziehung als Universalie. Das ist sinnvoll, denn die Leidenschaft hat einen guten Grund. Sie ist von zentraler Bedeutung in der Evolution als unerlässlicher Teil der erfolgreichen Fortpflanzungsstrategie!

Die Molekulargenetikerin Liat Yakir schreibt über Gefühle, Liebe, Stress und alle anderen Emotionen. Ihr Hauptinteresse gilt "den evolutionären Wurzeln des menschlichen Verhaltens", wie sie sagt. Warum sich die Liebe aus evolutionärer Sicht bewährt hat, erklärt sie so: 

"In der Natur brauchen wir diese Bindung in erster Linie für die Nachkommen. Denn sie sind völlig hilflos und brauchen vor allem die Hilfe der Eltern. Das ist insbesondere bei den Säugetieren der Fall. Wir sehen also, dass sich diese Oxytocin-Mechanismen bei Säugetieren weiterentwickeln und komplexer werden, damit sich die Eltern kümmern."

Außerdem: Um Nachkommen zu zeugen, braucht der Mensch Motivation! Deshalb auch das Glücksgefühl beim Verlieben. Das Oxytocin sorgt – verkürzt gesagt - dafür, dass Paare zusammenbleiben, um sich um den Nachwuchs zu kümmern.

Monogamie - eine Ausnahme der Natur

Doch damit ist die Liebe in Paarbeziehungen immer noch nicht ganz geklärt. Schließlich könnten die Eltern auseinander gehen, sobald die Nachkommen keiner intensiven Betreuung mehr bedürfen.

"Ob sie zusammenbleiben oder nicht, hängt davon ab, was der Nachwuchs braucht. Wenn er Mutter und Vater braucht, dann wird der Vater nicht gehen. Beide Eltern werden sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. Wenn das nicht notwendig ist, dann sagt die evolutionäre Logik, dass sich die Gene so weit wie möglich verbreiten wollen. Deshalb ist es für die Gene von Interesse, dass sie ihre kostbare Zeit nicht damit verschwenden, bei einer Frau oder einem Mann zu bleiben. Also suchen sie nach anderen Partnern. Von der genetischen Seite aus betrachtet heißt das: Wenn Sie eine Frau sind, dann möchten Sie so viele Nachkommen von verschiedenen Vätern wie möglich."

Das, was Liat Yakir sagt, bedeutet, dass Monogamie und langanhaltende Partnerschaften von der Natur aus nur im Ausnahmefall vorgesehen sind:

"Sie sind sehr selten. In der Natur leben fünf Prozent der Lebewesen monogam. Es ist einfach nicht im Interesse der Gene, das Erbgut will sich so weit wie möglich ausbreiten."

In unserer Gesellschaft ist das Modell der seriellen Monogamie am gängigsten – also monogame Partnerschaften, die über einige Jahre geführt und dann wieder aufgelöst werden. Dennoch streben die meisten Paare nach dem Ideal des "geimeinsam alt Werdens". Auch der Biopsychologe Peter Walschburger, hat keine abschließende Antwort, wie sich dieser Widerspruch auflösen lässt:

"Es gibt keine wirklich einfache Erklärung um Partnerschaften in einer monogamen Weise befriedigend bis zum Ende zu führen. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich verheiratet bin und meine Frau gut kenne, schon über 50 Jahre und fast schon so lange bin ich mit ihr verheiratet. Wir haben es irgendwie geschafft."

Der Evolution ein Schnippchen schlagen

Liat Yakir gibt aber aus biologischer Sicht zumindest einen Tipp:

"Liebe ist etwas, das Zeit braucht. Man muss Hormone wegen dieser Person ausschütten, muss zusammen ausgehen oder Konzerte besuchen. Man muss sich in die Augen schauen und sich Geschichten erzählen und Erinnerungen teilen. Sachen gemeinsam machen, aufregende Dinge gemeinsam unternehmen und sich gegenseitig helfen, sich unterstützen. Dann findet man diesen Menschen immer attraktiver und mit der Zeit sieht er unwiderstehlich aus. Das alles macht das Oxytocin."

Also: Oxytocin-Pegel hochhalten, um glücklich miteinander zu bleiben, wenn nach der Verliebtheit die nächste Stufe einritt: die Beziehung, die Partnerschaft.

Von der rosaroten Brille zum gemeinsamen Heim

Claudia und Susi waren Anfang 20 als sie sich begegneten. Vor kurzem sind sie in ihr Eigenheim, ein Reihenhaus gezogen. An den Wänden des Wohnzimmers hängen Fotos von ihren Nichten und Neffen.

Ob diese Beziehung von Dauer sein würde, war anfangs nicht klar. Denn für Susi war es die erste Beziehung mit einer Frau. In den ersten Monaten hatte sie "tierisches Bauchkribbeln", erzählt sie. Sie wusste nicht, ob es nur eine Phase ist, die sich nach der Aufregung des Anfangs legen würde.

Sie hoffte, dass es nicht so ist. Denn in jeder Beziehung kommt der Punkt, an dem die anfängliche Verliebtheit dem Alltag weicht und die rosarote Brille abgesetzt wird. Für den Biopsychologen Peter Walschburger ist dies die Phase, in der sich Vertrauen bildet:

"Das Individuum, das mir so nahe ist, das wird mit einem Ausdruck einer Biologin zum ‚Individuum mit Heimcharakter‘. Es ist mir unglaublich vertraut, es wird immer vertrauter und das ist was sehr, sehr Schönes. Ich kann mich also vor ihm gewissermaßen nackt machen im buchstäblichen Sinne, also auch im übertragenen Sinn. Ich kann alles ihm erzählen, es gehört zu meiner Intimsphäre und wenn ich nach Hause komme, weiß ich, da kann ich vertrauen, in jeder Richtung vertrauen. Vertrauen ist was unglaublich Wichtiges und das entwickelt sich da. Das ist die, die positive Seite der jetzt weitergehenden Partnerschaft."

Claudia und Susi haben die Feuerprobe bestanden. Nach zwei Jahren: die erste gemeinsame Wohnung. Gemeinsam aus der Heimat weg, in eine neue Stadt. Der nächste Schritt war für die beiden nur logisch - ein Heiratsantrag. Auf der Saale, beim Paddeln. Und zwar "auf dem Rückweg", wie Susi erzählt. "Weil ich es mich vorher nicht getraut habe. Wir waren dann quasi fast fertig mit dem Paddeln. Hab ich dann endlich mal so kleine Spielzeugringe rausgeholt, genau und gefragt." Claudia war "hin und weg, total begeistert und überglücklich", erzählt sie. "Ich hab mich darauf gefreut, dass das endlich für immer ist."

Susi und Claudia haben im Vorjahr das Reihenhaus am Stadtrand gekauft und größtenteils eigenständig renoviert. Das nächste gemeinsame Projekt steht auch schon an - der Kinderwunsch.

Was Paare glücklich macht

Ein glückliches Paar. Das sagt man oft: Sie sind ein glückliches Paar. Auch auf Susi und Claudia trifft das zu, aber, was heißt das denn? Sie strahlen eine Zufriedenheit miteinander aus. Auch das ist ein Teil der Wahrheit über die Liebe. Sie macht uns einfach glücklich.

"Das ist so ein unglaublich beglückender Zustand, wenn man den nicht nur als Ausagieren eines sexuellen Triebes bis zum Orgasmus versteht", sagt der Biopsychologe Peter Walschburger. "Aber ich würde schon sagen, wir sind nicht umsonst Menschen geworden, die auch den romantischen Teil mit reingenommen haben, die auch den anderen Menschen als Menschen würdigen. Das ist ja das Geheimnis überhaupt aller gelingenden Sozialbeziehungen. Und Sozialbeziehungen machen am zufriedensten. Gelingende Sozialbeziehungen."

Trennungen müssen verarbeitet werden

Und was passiert, wenn Beziehungen scheitern? Wenn Partnerschaften, Ehen, zu Bruch gehen? Trennungen verbinden wir mit Schmerz, mit Trauer über den Verlust, mit einer langen Phase des Unglücks.

Gunnar kennt dieses tiefe Loch, in das man nach einer Trennung fällt - Ehe-Aus nach 20 Jahren. Seine Frau ist zu ihrer Jugendliebe nach Österreich gezogen. 700 Kilometer südlich von der Stadt, wo er mit den zwei Söhnen, dreizehn und siebzehn, zurückgeblieben ist. Für ihn war es "die Hölle", wie er sagt:

"Gerade die ersten Wochen. Ich hatte das große Glück, dass ich mir freinehmen konnte und tatsächlich erstmal auch ganz bewusst diese Trennung für mich durchleben und zu Ende fühlen und denken kann."

Eine Illustration zeigt einen Mann der unter Sozialphobie leidet. (Imago / Ikon Images / Stuart Kinlough)"Es war die Hölle", sagt Gunnar. Trennungen belasten die Betroffenen auch körperlich. (Imago / Ikon Images / Stuart Kinlough)

Eine Trennung muss man verarbeiten. Aber auch hier gibt es kein fertiges Rezept. Schon in der Antike haben sich Menschen Gedanken darüber gemacht, wie Trennungsschmerz überwunden werden kann, erklärt der Philosoph Brian Earp:

"Die altmodischen Heilmethoden waren Dinge wie Aderlass, viel Wasser trinken oder körperliche Ertüchtigung. Diese Volksweisheiten sind vielleicht auch nicht schlecht. Ovid spricht davon, zahlreiche neue Partner auszuprobieren, um sich von dem alten Partner abzulenken. Und das funktioniert bis zu einem gewissen Grad wahrscheinlich auch."

Wie Wissenschaft bei Trennungsschmerz helfen kann

Der Trennungsschmerz war bei Gunnar nicht nur im Kopf. Er äußerte sich auch körperlich.

"Ich konnte tatsächlich wochenlang so gut wie nicht schlafen. Dann bin ich nachts aufgestanden, bin joggen gegangen, eine Stunde einfach so durch die schlafende Stadt laufen. Dann bist du vor Erschöpfung nochmal eingeschlafen, dann bist du wieder aufgestanden und hast wieder irgendwas probiert, um dich den ganzen Tag abzulenken. Ich konnte kaum essen. Die ersten Wochen waren es wirklich körperliche Schmerzen, ein permanentes Vermissen. Es gab auch tatsächlich Tage, wo ich auf dem Weg nach Hause einfach nur gehofft habe, dass sie wieder dasteht. Weil da halt ganz, ganz, ganz, ganz viel gefehlt hat."

Gunnar hat sich seiner Trauer gestellt und auch in wissenschaftlicher Literatur nach Lösungen gesucht.

"Da habe ich mich ganz viel belesen und bin darauf gekommen, dass Liebeskummer ja von der Natur nur deshalb gemacht ist, weil ja gefälligst Elterntiere bei der Aufzucht der Jungtiere zusammen bleiben sollen. Wenn die sich trennen, aus welchem Grund auch immer, sagt der Körper oder der Kopf: So, pass mal auf, dir nehme ich jetzt alles an Stoffen, die dich glücklich machen - Dopamin, Serotonin, Noradrenalin. Das mache ich dir alles kaputt und dann komm klar. Und dann hol dir gefälligst das andere Elternteil zurück und dann kannst du den Kram wiederhaben."

Die Achterbahn als Heilmittel

Gunnar hat versucht, die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Liebe und Trennung zu nutzen, um sich selbst zu therapieren:

"Aus der Erkenntnis habe ich mich damit beschäftigt, wo ich den Quatsch denn herkriege? Sport ist ein super Indikator, aber Sport alleine reicht nicht und dieses vorhandene Jungtier" - gemeint ist sein jüngerer Sohn - "hat ja ähnlich gelitten wie ich. Auf einem anderen Level, aber ja, auch gelitten. Also brauchten wir beide genau diese Glücksstoffe. Und dann habe ich gelesen, dass Achterbahnfahren genau das alles zum Vorschein bringt und habe zum Kleinen gesagt: 'Weißt du was? Wir setzen uns jetzt ins Auto, wir machen vier Tage vier Freizeitparks. Dann sind wir aus Halle los, Serengeti Park, Heide Park, Hamburger Dom, Dungeons in Hamburg, von da weiter zum Hansa Park und dann zurück. Das war vier Tage Achterbahn non-stop und es wurde so viel Adrenalin, Dopamin und Serotonin freigesetzt, dass wir in dem Moment echt happy waren. Wir sind so lachend, springend und singend durch den Freizeitpark gelaufen. Du überlistest quasi die Natur oder deinen eigenen Geist."

Würde es unser Leben leichter machen, genau Bescheid zu wissen? Das Geheimnis der Liebe zu entschlüsseln? Wie sieht Brian Earp das?

"Ich persönlich habe ja gar keine andere Wahl, als mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe dieses Buch über die Liebe geschrieben. Ich weiß so ziemlich alles, was die Wissenschaft herausgefunden hat. Ich kann deshalb gar nicht anders, als die Liebe von zwei Seiten zu betrachten: Wie es ist, sie zu erleben einerseits und wie sie funktioniert andererseits. Ihre Geschichte, ihre Biologie und das alles. Ich weiß bloß nicht, ob es wirklich für jeden das Beste ist, über die Liebe in dieser extrem wissenschaftlichen Art und Weise nach zu denken. Ich glaube, eher nicht."

Das Geheimnis bleibt ungelüftet - zum Glück

Es bleibt also kompliziert. Liebe ist vielschichtig: Sie ist ein evolutionäres Belohnungssystem, damit wir uns fortpflanzen. Ein biochemischer Zustand, in dem die Hormone verrücktspielen. Ein Geisteszustand, der von gesellschaftlichen Normen geprägt ist. Wir können Liebe messen, beschreiben und deuten. Aber eigentlich können wir mit diesem Wissen nur einen Teil des Ganzen erklären: Nämlich, warum wir Menschen so viel Wirbel um dieses Gefühl machen.

Liebe aber ist - weitaus mehr als das. Sie ist Glück und Schmerz zugleich. Sie prägt uns als Menschen und wir erleben sie individuell und einzigartig.

Wir können getrost sagen: das Geheimnis der Liebe ist nicht gelüftet. Der mystische Zauber, der uns das größte Glück der Welt empfinden lässt, bleibt! Wie Feenstaub auf unseren Köpfen….

Autorin: Duška Roth
Regie: Friederike Wigger
Ton: Hermann Leppich
Sprecherinnen und Sprecher: Marina Frenk, Simone Kabst und Maximilian Held
Redaktion: Martin Mair
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019

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