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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.08.2010

Chefarzt: Mehr Infektionsexperten in Krankenhäusern

Deutsche Gesellschaft für Infektiologie kritisiert leichtfertigen Umgang mit Antibiotika

Bernhard Ruf im Gespräch mit Nana Brink

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Ein Infektionsexperte pro Krankenhaus - das wäre laut Gesellschaft für Infektiologie der Idealfall. (AP)
Ein Infektionsexperte pro Krankenhaus - das wäre laut Gesellschaft für Infektiologie der Idealfall. (AP)

Bernhard Ruf von der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie fordert vor dem Hintergrund der toten Säuglinge im Mainzer Uni-Klinikum den vermehrten Einsatz von Infektionsexperten und Hygieneärzten sowie einen grundsätzlich anderen Umgang mit Antibiotika.

Nana Brink: Noch ist nicht klar, warum die drei Babys im Universitätsklinikum Mainz sterben mussten. Frühestens heute rechnet die Staatsanwaltschaft mit ersten Laborergebnissen. Klar aber ist: Die Nährlösung war verunreinigt. Eine weitere mögliche Ursache hat der klinische Leiter der Uniklinik Mainz, Norbert Pfeiffer, ebenfalls eingeräumt: es gab einen Hygienefehler. Und genau jener Hygienefehler, mangelndes Händewaschen zum Beispiel, führt zur Verbreitung von gefürchteten Krankenhauskeimen. Zwischen 500.000 und einer Million Menschen infizieren sich jährlich in deutschen Kliniken damit.

Das Problem dabei: gegen jene Keime scheint kein Kraut mehr gewachsen zu sein, denn sie sind zunehmend resistent gegen Antibiotika. Genau darüber möchte ich jetzt sprechen mit Professor Bernhard Ruf, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie und gleichzeitig Chefarzt der Klinik für Infektiologie, Tropenmedizin und Nephrologie in Leipzig. Einen schönen guten Morgen, Herr Professor Ruf.

Bernhard Ruf: Guten Morgen!

Brink: Warum sind diese Keime so resistent gegen herkömmliche Antibiotika?

Ruf: Das hat verschiedene Gründe. Es ist richtig: Wir sehen zunehmende Resistenten. Zum Glück sehen wir noch nicht so dramatische Multiresistenten bei bakteriellen Krankheitserregern. Eine der Hauptursachen ist, dass mit Antibiotika leichtfertig umgegangen wird. Sie gelten ja als relativ harmlos, man gibt sie oft auf Verdacht, zum Beispiel bei viralen Atemwegsinfektionen, und das befördert die Resistenz.

Brink: Studien zeigen, dass drei von vier Menschen mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit schon Antibiotika bekommen. Warum?

Ruf: Genau das ist das Problem. Das wird ja oft in der hausärztlichen Praxis gemacht, wo eine Diagnostik kaum möglich ist. Es hat zwei Seiten: Einmal verlangen die Patienten oft nach Antibiotika und die Ärzte geben dem oft nach und geben es auf Verdacht. Hier muss dringend umgesteuert werden.

Brink: Dabei weiß man aber doch in Medizinerkreisen, dass solche viralen Erkrankungen, also Erkrankungen, die durch Viren ausgelöst werden, ja von Antibiotika nicht bekämpft werden können.

Ruf: Das wissen alle, aber die Praxis sieht eben anders aus, und das liegt sicher auch daran, dass das Thema Infektiologie und Antibiotika-Therapie, ihre Vor- und Nachteile, in der ärztlichen Ausbildung, nicht den Stellenwert haben, den sie eigentlich haben müssten, was daran liegt, dass Infektionen oft unterschätzt werden und dass wie gesagt Antibiotika als Verdachtsmedikamente nicht in ihrer Wirkung oft kritisch eingeschätzt werden.

Brink: Sie haben es angesprochen: Liegt das auch dann ein bisschen an der Mentalität von uns Patienten, Krankheiten nicht ausheilen lassen zu wollen, sondern sofort nach starken Pillen zu greifen?

Ruf: Das ist richtig. Der Hausarzt gibt dem Verlangen oft nach, bei Atemwegsinfektionen Antibiotika zu verschreiben, weil ihre Wirkung wird richtig eingeschätzt, aber ihre Nebenwirkungen werden oft nicht bedacht, so dass man mit diesen Medikamenten dem Patienten alleine oft nicht schadet, aber man befördert in der Allgemeinheit die Entwicklung von Resistenzen.

Brink: Bislang gab es ja sogenannte Reserve-Antibiotika, also wenn gar nichts mehr hilft, dann konnten die noch helfen. Aber die helfen nun oft auch nicht mehr. Hat die Medizin jetzt gar keine Antworten mehr auf dieses Problem?

Ruf: Man darf das nicht so dramatisieren. Es ist sicher so, dass es multiresistente Erreger gibt, die mit besonderen, auch neueren Antibiotika gut zu behandeln sind. Nur: Die Behandlung von solchen multiresistenten Erregern erfordert ein erhebliches Spezialwissen auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten, was in der Breite der Ärzteschaft oft nicht vorhanden ist.

Brink: Ist das dann auch in Kliniken nicht vorhanden, denn es ist ja doch Besorgnis erregend, wenn ich mir überlege, ich gehe jetzt in eine Klinik und muss vielleicht damit rechnen, mich mit einem Krankenhauskeim anzustecken, gegen den ich dann ja gar nicht behandelt werden kann?

Ruf: Das ist von Klinik zu Klinik unterschiedlich. Sie finden in allen deutschen Kliniken Fachkliniken für Herz- und Kreislauferkrankungen, für Magen-Darm-Erkrankungen, aber nur in den wenigsten deutschen Großkliniken finden Sie auch Fachkliniken für Infektionskrankheiten, oder Fachärzte, die sich speziell mit Infektionskrankheiten beschäftigen. Also in der Ärzteschaft muss dringend das Thema Infektiologie den gleichen Stellenwert haben wie andere internistische Schwerpunktfächer.

Brink: Was also fordern Sie dann konkret auch in den Krankenhäusern?

Ruf: Wir fordern, dass ab einer bestimmten Größe, sagen wir mal ab 500 Betten, dort, wo schwer kranke Patienten regelhaft aufgenommen werden, dass dort per Verordnung ein Infektionsexperte sein muss, dass auch ein Facharzt für Hygiene dort sein muss. Das heißt, die Strukturen müssen überdacht werden, den neuen Erfordernissen angepasst werden.

Brink: Es gibt, nun die abschließende Frage, auch Indizien, dass große Pharmakonzerne kein wirkliches Interesse daran haben, weitere Antibiotika herzustellen. Kann man damit kein Geld verdienen?

Ruf: Es ist richtig, dass im Vergleich zu früheren Jahren immer weniger neue Antibiotika auf den Markt kommen. Das liegt daran, dass die Entwicklung extrem teuer ist. Ein neues Antibiotika zur Marktreife zu bringen, also zur Zulassung, kostet im Schnitt ungefähr eine Milliarde Dollar. Das ist ein erhebliches wirtschaftliches Risiko für die Pharmakonzerne, die natürlich marktwirtschaftlich denken, was aber nicht heißt, dass die Forschung ganz eingestellt worden ist. Wir kriegen schon neue Antibiotika in die Hand, aber wir kriegen letztendlich keine neuen, die ein völlig neues Wirkprinzip darstellen. Wir bekommen Abwandlungen von bekannten Antibiotika, die bestimmte Lücken füllen, aber es ist richtig: Die Forschung auf diesem Gebiet muss intensiviert werden.

Brink: Professor Bernhard Ruf, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, und wir sprachen über die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Ruf.

Ruf: Bitte schön! Auf Wiederhören.

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